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25/2017 - Mr. Smith und die Verarmung der Nation
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Ungelesen , 08:07
Mr. Smith und die Verarmung der Nation

Was hätte wohl der Gründungsvater der Ökonomie, Adam Smith, zum Brexit gesagt? Die Antworten wären vermutlich sehr klar gewesen. Anhaltungen und Standpauken für die aktuelle britische Regierung aus dem Standardwerk der Ökonomie, dem „Reichtum der Nationen“.

| Von Oliver Tanzer

Ein Grundkurs in politischer Ökonomie erforderte wohl einiges an Kraft und Aufnahmefähigkeit. Vor allem für Politiker, wenn es denn auch nach Adam Smith (1723 – 1790) geht, der im 18. Jahrhundert die Ökonomie als wissenschaftliche Disziplin etabliert hat. Was würde er in dieser Woche, in der die Brexit-Verhandlungen begonnen haben, den Briten raten? Hier ein Versuch, Antworten aus seinem berühmtesten Werk, dem „Reichtum der Nationen“, auf die aktuellen Probleme zu geben.
Zusammenfassend muss vorausgeschickt werden, dass er mit seinem Rat an Großbritanniens Premierministerin Theresa May zerbrochen wäre, oder sie an ihm. Jedenfalls riechen die Erläuterungen im „Reichtum der Nationen“ nach groben inhaltlichen Auseinandersetzungen, wenn nicht gar nach ganz unbritisch direktem Streit. Herr Smith war zwar ein Patriot aus ganzem Herzen, der nur den Eigennutzen des Königreichs im Sinn hatte. Aber gerade deshalb wäre er wohl nicht auf die Idee des Brexit gekommen. Doch dazu später.

Die Politik und die Nachwelt

Tatsächlich hatte der erste Ökonom gewaltige Vorurteile gegen eine spezielle Form der Politik, die sich nach Stimmungen richtete und nach kurzfristigen Effekten schielte. Einige Engländer würden sein Urteil wohl bis heute unterschreiben: „Den Erfordernissen des Augenblicks zu entsprechen, ist stets das Hauptinteresse derer, die gerade mit der Erledigung öffentlicher Angelegenheiten befasst sind. Die Sorge um die zukünftige Entlastung der Staatseinnahmen überlassen sie der Nachwelt.“
Das ist im Falle des Brexit zwar noch nicht ausgemachte Sache, aber einige der Versprechungen von den Vorteilen der Selbstbestimmung durch die Brexit-Befürworter kommt der Definition recht nahe. Und was da nicht alles versprochen wurde: Völlige Unabhängigkeit von Europa, ein Gewinn für Steuerzahler, eine flexiblere Währungspolitik und Selbstbestimmung in allen Richtungen. Diese Versprechen hielten allesamt einer Überprüfung nicht stand. Trotzdem wird es den Brexit geben.
Aber in einem ganz gegenteiligen Sinn als im beabsichtigten. Statt Ersparnissen drohen nun nachträgliche Transfers Richtung EU in Höhe von bis zu 60 Milliarden Euro. Ein, wie von May angedrohter harter Brexit ohne Verhandlungslösung würde das zwar ersparen, aber von einem Tag auf den anderen wären die Produzenten des Königreichs gezwungen, Millionenbelastungen durch die dann anfallenden Export-Zölle zu tragen. Großbritannien wickelt knapp mehr als 50 Prozent seines Außenhandels mit der EU ab. Und der Ruf der Regierung wäre wohl ein für alle mal internatonal ruiniert. Denn da hat Adam Smith immer noch recht: „Handel und Gewerbe können selten über längere Zeit in einem Staat gedeihen, der keine geregelte Rechtspflege hat und in dem die Vertragstreue nicht gesetzlich verankert ist.“ Welcher Bürger und welche Regierung sollten also einem Staat über den Weg trauen, der, wenn es ihm gerade passt, vertragliche Verpflichtungen zur Seite schiebt und seinen Verpflichtungen einfach nicht nachkommt?
Vermutlich wäre Smith, der schottische Eigenbrötler aus Kirkaldy, der britischen Premierministerin May zu einsilbig gewesen. Seine Beratungshinweise wären, wie es seine Art war, wohl spärlich und kryptisch gewesen. Nichts für die Regierung der modernen Tories, die Großbritannien mit klaren Antworten aus Europa herausführen wollen. Mr. Smith hätte nach eingehendem Nachdenken wohl den Kopf geschüttelt und in die Gegenrichtung gewiesen. Je größer das große Britannien wird, desto besser, argumentiert Smith, ein klares Argument für eine größere, nicht kleinere Zollunion, für den Binnenmarkt und nicht gegen ihn: „Die Ausdehnung der Zollgesetze Großbritanniens auf Irland und die Kolonien wäre für beide höchst vorteilhaft – vorausgesetzt, sie wäre, wie es gerechterweise sein sollte, mit einer Ausdehnung der Handelsfreiheit verbunden. Das britische Reich würde sich damit einen riesigen Binnenmarkt für jeden Teil des Ertrages aller seiner verschiedenen Provinzen schaffen.“ Eine solche Strategie scheint zumindest der aktuelle Brexit-Minister David Davies nicht verfolgen zu wollen. Nicht einmal ansatzweise. Davies am Dienstag über den Brexit: „Großbritannien wird aus der Zollunion ausscheiden, ohne Wenn und Aber.“
Smith hätte hier wohl heftig widersprochen: „Das Interesse eines Volkes in seinen Handelsbeziehungen zu anderen Völkern besteht – ebenso wie das eines Kaufmannes in seinen Beziehungen zu seinen verschiedenen Handelspartnern – darin, so billig wie möglich zu kaufen und so teuer wie möglich zu verkaufen. Voraussichtlich wird es aber am ehesten billig kaufen können, wenn es durch weitestgehende Handelsfreiheit allen Völkern einen Anreiz bietet, ihm die Güter zu bringen, die es kaufen muss.“

Britischer Wein ist so wie das Blut des Brexit

Nun wird der Brexit, so er im Sinne eines harten Brexit verläuft, indem Großbritannien aus der Union ohne weitere Abmachungen ausscheidet, auf einen Schlag einige der reichsten Länder der Welt verlieren, mit denen die Briten derzeit Freihandel treiben. Und das könnte man Adam Smith wohl nicht als einen zukunftsträchtigen Weg verkaufen, schreibt er doch: „Der ausschließlich auf das jeweilige Mutterland beschränkte Handel verringert tendenziell die Genussmöglichkeit wie die Erwerbstätigkeit aller dieser Völker im Allgemeinen.“
Smith hat den Zustand des fehlenden Freihandels karikiert und Großbritannien im Stadium des Selbstversorgers errechnet, am Beispiel Wein: „Mit Hilfe von Gewächshäusern, Frühbeeten und heizbaren Treibmauern lassen sich in Schottland sehr gute Trauben ziehen, und aus diesen lässt sich ein sehr guter Wein keltern, zum etwa Dreißigfachen der Kosten, zu denen sich ein mindestens gleich guter aus dem Ausland hereinbringen lässt.“
Keine gute Idee also, wenn man nicht die Weine aus südlichen Ländern mit gewaltigen Zöllen belegen wollte. Deshalb: „Wenn uns ein fremdes Land mit einer Ware billiger versorgen kann, als wir selbst sie erzeugen können, so sollten wir sie besser mit einem Teil des Ertrages unserer eigenen Tätigkeit – und zwar einer solchen, bei der wir einen Vorteil haben – von ihm kaufen.“
„Tja“, so sagt man wohl, wenn das Besprochene eindeutig ist. Tja, hätte Herr Smith also gesagt, und in die Runde der Brexitverhandler geschaut. Was nun? Und der grundlegende Graben zwischen ihm und der Regierung wäre wohl schweigend um ein gutes Stück breiter geworden.

Freihandel als Erfindung der Tories

Überhaupt müsste die neue Politik von der alten lernen, wenn man Smith als Berater auch der neuen Premierministerin zuließe. Denn als die alten Konservativen noch am Ruder waren, waren sie Staatsinterventionisten. Dieses Programm hatten Smith und sein Kreis verurteilt. 1715 begann dann in England ein halbes Jahrhundert der Alleinherrschaft der sogenannten „Liberalen“, der Whigs. Aber einmal am Ruder erwiesen sich die Whigs vor allem als eine Koalition der Hocharistokratie mit der Hochfinanz, und zwar vor allem der Hochfinanz aus den privilegierten Handelsgesellschaften.
Ihr Außenwirtschaftsprogramm war auf merkantilistischen Handelskrieg abgestellt. Der harte Brexit erinnert ein wenig an die Whigs und die Suche nach nationaler Souveränität und Stärke. Aber so wie damals müsste für die Nachfolger der „neuen Tories“ ein ganz anderes Paradigma stehen.
Jenes des dritten Tory-Premiers der englischen Geschichte, William Pitt der Jüngere, der sich am „Reichtum der Nationen“ orientierte: „Durch die Eröffnung eines ausgedehnteren Marktes für denjenigen Teil ihres Arbeitsertrags, der den inländischen Konsum übersteigen könnte, regt er sie zur Steigerung ihrer Produktivität und zu größtmöglicher Erhöhung ihres jährlichen Ertrages und dadurch zur Vermehrung des realen Einkommens und Reichtums der Gesellschaft an. Diese großen und wichtigen Leistungen erbringt der Außenhandel unausgesetzt für all die verschiedenen Länder, zwischen denen er stattfindet. Sie alle ziehen aus ihm große Vorteile, wobei im Allgemeinen dasjenige, in dem der Kaufmann wohnhaft ist, den größten Vorteil hat, da er sich für gewöhnlich mehr damit befasste, die Bedarfe des eigenen Landes zu decken und die Überschüsse des eigenen Landes auszuführen als die eines anderen.“
Es wäre also durchaus noch etwas drin für Großbritannien und jene Politiker, die nun meinen, sie machten das Beste aus der brexitären Lage. Vermutlich müssten sie sich schon in wenigen Monaten einen historischen Vorwurf abholen beim Ahnvater der Ökonomie, dessen Erkenntnisse sie sträflich unverstanden ließen: „Einem großen Volk zu verbieten, aus jedem Teil seines Ertrages alles zu machen, was es daraus machen kann, ist eine offenkundige Verletzung der heiligsten Rechte der Menschheit.“

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