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30/2014 - Entgrenzt in die Ekstase
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Alt 23.07.2014, 10:29
Entgrenzt in die Ekstase

Die Einfriedung von Existenz und Geist zu schleifen, ist eine brisante Angelegenheit. Ein Grenzgang zwischen Weitblick, Wahn und Raserei.


Von Theresia Heimerl

Entgrenzung ist ein deutsches Wort. Es grenzt die deutsche Sprache von anderen europäischen Sprachen ab. Weder das Englische noch die romanischen Sprachen kennen eine Übersetzung, nicht einmal die Meisterin der Abstrakta, das Lateinische, hat ein passendes Äquivalent. Was es genau bedeutet, sagt uns der Duden nicht: „Substantiv, feminin, Verwendung: nicht sehr häufig, Gebrauch: gehoben. Im Alphabet davor: „Entgötterung, Entgottung, entgraten, entgräten, entgrenzen“ – im Alphabet danach: „enthaaren, Enthaarung, Enthaarungsmittel, enthaften“. Die Vorsilbe ent-, so dürfen wir wohl schlussfolgern, steht für ein Entfernen von etwas. Bei Haaren und Gräten gut vorstellbar. Entgötterung und Entgottung klingen wie das Ergebnis einer absinthhaltigen Romanze zwischen Friedrich Nietzsche und dem Religionsphänomenologen Rudolf Otto. Entgraten – irgendeine Tätigkeit im Bergstraßenbau? Der Duden konjugiert: „Ich entgrenze, du entgrenzt …“ aber was? Was ist der analoge Satz zu „Ich enthaare meine Beine“?
Der sprachwissenschaftlichen Logik folgend müsste das ent- in unserem Fall das Entfernen von Grenzen ausdrücken. Also zum Beispiel 1989, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Damals wie heute benennt aber niemand das Ereignis als Entgrenzung, sondern als Fall der Grenzen. Oder meint Entgrenzung ein Ausdehnen, das die Grenze einfach verschwinden lässt, wie anno 1938 zwischen Österreich und dem Deutschen Reich? Oder ist vielleicht die Entfernung der politischen und zivilisatorischen Grenzen im Kopf gemeint, welcher jene der Grenzpfosten und roten Linien auf der Landkarte auf den Stiefel folgt?

Zwischen Entfremdung und Enthusiasmus

In philosophischen und theologischen Lexika fehlt die Entgrenzung überhaupt. Sie ist eine nicht vorhandene Leerstelle zwischen „Entfremdung“ und „Enthusiasmus“. Als gedankliches Missing link passt sie eben dort sehr gut, wenn wir unseren historischen Veranschaulichungsversuch nochmals aufnehmen. Der gefühlten Entfremdung in den komplexen politischen und wirtschaftlichen Entstehungs- und ers-ten Erosionsprozessen der frühen Moderne schafft kollektive Entgrenzung eine vermeintliche Befreiung von der Mühsal der verunsicherten Identitätsbildung. Und welches Adjektiv könnte den Zustand dieser Entgrenzung besser beschreiben als „enthusiastisch“?
Spätestens hier darf sich dann die Religionswissenschaft einklinken: Entgrenzung firmiert in der Beschreibung von Religion nämlich unter der Rubrik „Ekstase“, die wiederum ein temporäres „Neben-sich-stehen“ (so die wörtliche Bedeutung des altgriechischen existastai) meint, einen zeitweiligen Verlust des rationalen Denkvermögens, ja der Persönlichkeit, um einem Gott oder Dämon Platz zu machen. Diese Definition würden wohl die meisten von denen, die im genannten Jahr 1938 am Heldenplatz dabei waren, gerne unterschreiben.
Was aber, wenn der Enthusiasmus, das Gefühl, im Inneren von einem Gott bewohnt zu werden, der keinerlei menschliche Grenzen kennt, sich einstellt, ohne dass man noch an einen solchen Gott glauben würde, nach der Entgottung, sozusagen?
Es ist religions- und philosophiegeschichtlich betrachtet sicher kein Zufall, dass der grenzgeniale Friedrich Nietzsche sowohl den Begriff des Dionysischen wie des Übermenschen geprägt hat. Von protestantischer Ethik, der bigotten Schwester und dem Vatermörderkragen eingegrenzt ist die Phantasie von den braven Frauen aus Theben, wie sie blutbeschmiert im Wald wilde Tiere und sogar die eigenen Verwandten mit den bloßen Händen zerreißen, an sich schon ein kleiner Akt der geistigen Entgrenzung.

Die Aufhebung des Ichs

Doch während deren Selbst im Zustand der Ekstase irgendwo in einem Winkel verschwunden war, um dem Gott Dionysos Platz zu machen, ist es im 19. und 20. Jahrhundert nur mehr dieses Selbst, das sich entgrenzen kann zu einem kollektiven Über-Ich der dunklen Seite, das mein kleines Ich einerseits aufhebt, andererseits umso größer und mächtiger erscheinen lässt.
Der Begriff der Entgrenzung ist ein profanes Substitut zur Transzendenz, deren Unterschied gleichzeitig den sich wandelnden Religionsbegriff spiegelt. Auch die Transzendenz arbeitet mit dem Grenzbegriff, indem sie eine Grenze impliziert, die es zu übersteigen gilt (trans-cendere). Im Allgemeinen handelt es sich um die Grenze zwischen dem Menschen und einem oder mehreren göttlichen Wesen, die ersterer nur mit Hilfe von letzteren überwinden kann, wo es der Mensch allein versucht, handelt es sich um eine unerlaubte Grenzübertretung, von deren Konsequenzen Mythen schaurige Auskunft geben. Wenn der Grenzübertritt aus der anderen Richtung erfolgt (Gottheit zum Menschen), wird dies subjektiv als Ausdehnung der eigenen Grenzen erfahren, mit mehr oder weniger unliebsamen Nebenwirkungen (s.o. die Mänaden).
Christlich theologisch ist die Transzendenz eine einzige und personale: Gott. Ganze Generationen von gescheiten Männern (und einigen Frauen, die man glücklicherweise zu verschweigen vergessen hat) haben sich damit abgemüht, Möglichkeiten des Übersteigens der Grenze zu denken (die TheologInnen) oder zu erfahren (die MystikerInnen). Selbst da, wo dieses Transzendieren als Entgrenzung erfahren wurde, legten die Betroffenen in der Regel darauf wert, die Grenzen der einander sich annähernden Subjekte, Gott und Mensch, noch auszusprechen – so sie dies unterließen, kümmerte sich die Inquisition darum. Entgrenzung aber entfernt die Grenze der Differenz, indem sie nur noch ein Subjekt hat. Entgrenzung kennt kein Gegenüber mehr jenseits einer Grenze, sie ist totalitär.

Wohlige Auflösung im lauwarmen Es

Ganz unschuldig ist das institutionalisierte Christentum nicht an den Entgrenzungsphantasien und -realitäten der Moderne und Postmoderne. Wer selbst die Schwere der Sünde auf den Millimeter der Rocklänge genau begrenzt, reizt zur Grenzüberschreitung. Die kann aber mühsam sein, ein Kampf um jeden Zentimeter. Nicht wenige scheitern bei der Überwindung von Grenzen, oft braucht es Generationen, bis sie zu bröckeln beginnen. Grenzüberwindung setzt handelnde Individuen voraus. Entgrenzung kann ein verlockend bequemes Gefühl sein, eine wohlige Auflösung im lauwarmen, ebenmäßigen (entgrateten?) Brei eines Es, ohne die Grenzen von Ich und Du mehr zu kennen, in dem ich erst aufwache, wenn die Auflösung die harten Grenzen meiner Knochen erfasst hat und diese gleichsam entgrätet werden. Entgrenzung enthaftet allzu oft von der eigenen Verantwortung, nachzulesen unter „Entgrenzung der Wirtschaft“, der ersten und häufigsten Nennung unseres Begriffs im Nachschlagewerk dieser Tage, dem Internet.
Entgrenzung ist längst nicht mehr die romantische Befreiung von der christlichen Zivilisation, wie sie Nietzsche imaginierte, denn diese Entgrenzung setzt noch eine oder mehrere Grenzen voraus, die man sprengen kann. Den Menschen zu entgrenzen, damit er von Gott nicht erdrückt wird, ist etwas anderes, als ihn einfach aufzublasen, bis er zur Unkenntlichkeit entstellt ist – oder platzt. Zu hoffen bleibt, dass in vielen Fällen die Entgrenzungen nicht von Dauer sind und die Grenzen des Ich und Du, des Lebens und der Wirtschaft, von Gott und Mensch langsam wieder sichtbar werden. Auch Enthaarungsmittel wirken nicht ewig.


Die Autorin ist Studiendekanin der Kath.- Theol. Fakultät der Universität Graz

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