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04/2016 - Fremde Religion bis heute (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 10:01
Fremde Religion bis heute

Auch in Österreich ist der Islam eine Religion unter Verdacht. Differenzierungen sind wenig gefragt. Ein Dialog mit den Muslimen im Land auf Augenhöhe findet nicht statt.

| Von Otto Friedrich


Unter den Polarisierungen hierzulande ist die öffentliche Wahrnehmung des Islam ein Dauerbrenner. Man kann der zweitgrößten Glaubensgemeinschaft in Österreich taxfrei das Etikett „Religion unter Verdacht“ umhängen. In Zeiten des globalen Terrors verwundert das wenig. Dabei kommt der Islam von zwei Seiten unter Druck: „Strenggläubigen“ Laizisten, für die jede Religion einen Angriff auf „säkulare“ Freiheiten darstellt, ist der muslimische Mainstream mit seinem konservativen Glaubensverständnis ein rotes Tuch.
Aber auch auf (vermeintlich) christlicher Seite wachsen die prinzipiellen Vorbehalte gegen die bis heute fremden Gläubigen. Das reicht von absurden Diskussionen um eine „Schweinefleischpflicht“ in Kindergärten und Schulen, die jüngst auch ein FP-Mandatar ventilierte (Anmerkung am Rande: das Wiener Schnitzel ist, „richtig“ zubereitet, aus Kalbfleisch …), bis zu Behauptungen, der Islam sei per se eine gewalttätige und demokratie-inkompatible Weltanschauung.
Letzteres äußerte dieser Tage der Salzburger Weihbischof Andreas Laun auf einer einschlägigen Internetplattform, wo er unter anderem schrieb: „Ich fürchte nicht den einzelnen Muslim, sondern jenen, der seine Religion wirklich ernst […] nimmt.“ Der Kirchenmann verglich „nette, anständige, verlässliche und friedliche Muslime“ mit der Rede von „wohltätigen Mafiosi“ und „anständigen Stasi-Mitarbeitern“: „Anständige“ habe es in allen Unrechtssystemen gegeben.

Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft

Nun gehört Laun gewiss nicht zur Mitte des österreichischen Katholizismus, aber seine im Wortsinn islamophoben Äußerungen – „Warum sollte ich mich nicht fürchten […], wenn ich damit rechnen muss, in einem muslimisch gewordenen Europa, wenn nicht verfolgt, so doch mindestens als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden?“ – sind längst Gedankengut ebendieser Mitte geworden. Jeder, der für Differenzierungen in dieser Debatte eintritt, weiß, wie ihm die Leser-/Zuhörer-/Zuseherschaft gewaltbejahende Koranverse um die Ohren schmeißt. Da hilft es wenig, festzustellen, dass die selbsternannten Koran-Expert(inn)en in Bezug auf problematische Texte oft weit weniger bibelfest sind, als es ihre Berufung aufs christliche Fundament Europas glauben macht. Das Mindeste, was an den um Differenzierung Bemühten hängen bleibt, sind Vorwürfe der Blauäugigkeit und Blindheit für die Samen der Gewalt, die via Islam in Europa aufgingen. Es ist schwer, in dieser Diskurslage den kühlen Kopf zu bewahren und weiter gegen Generalisierungen und Stereotype aufzutreten.

Was läuft in islamisch geprägten Communitys falsch?

Es gibt dennoch keine Alternative dazu. Das heißt natürlich nicht, die Probleme zu leugnen, die es rund um die Migration und die damit verbundenen – auch religiösen – Fragen gibt. Der dazu nötige Diskurs findet jedoch nicht in der Weise statt, wie er es sollte. Es mag dabei eine Bringschuld und eine Holschuld geben, die aber von den jeweiligen Playern kaum adäquat wahrgenommen werden.
Das gilt auch für die Muslime im Land, denen – Bringschuld! – zuzumuten ist, sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft immer wieder zu erklären: Solange Regimes, Staaten, Gesellschaften, Gelehrte und individuelle Attentäter Gewalt(tätigkeit) mit dem Islam legitimieren, muss sich die muslimische Community damit auseinandersetzen – und an den eigenen Wurzeln arbeiten. Das ist in Ansätzen sichtbar, überzeugt den nichtmuslimischen Teil der Gesellschaft aber längst noch nicht. Und war nach der Kölner Silvesternacht ein muslimischer Aufschrei über die Vorfälle zu vernehmen – oder jedenfalls eine klare Analyse, was da in islamisch geprägten Communitys, vielleicht weniger religiös, aber ganz sicher kulturell schiefläuft?
Unterm Strich bleibt die ernüchternde Feststellung: Die Auseinandersetzung mit dem Islam auf Augenhöhe steht weiter aus. Dabei wäre sie nötiger denn je.

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