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31/2017 - Die Macht und ihre Spiele (Rudolf Mitlöhner)
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Alt 02.08.2017, 07:44
Die Macht und ihre Spiele

Die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele des Autors Ferdinand von Schirach bot Gelegenheit zur Reflexion über die Zukunft unseres demokratischen Systems.

| Von Rudolf Mitlöhner


Die „Strategien der Macht“ hat der neue Intendant Markus Hinterhäuser seinen ersten Salzburger Festspielen als thematischen Rahmen gegeben. Wie stets bei Leitmotiven, Generalthemen u. ä. ist auch dieses so weit gefasst, dass sich fast alles darunter subsumieren lässt. Möglicherweise aber eröffnen sich neue Perspektiven, wenn man die zur Aufführung gebrachten Werke eben unter diesem spezifischen Blickwinkel des Themas „Macht“ betrachtet.
Ganz sicher stellt ein solches Motto aber für den jeweiligen Festredner zur Eröffnung der Spiele eine inhaltliche Vorgabe dar, die ihm Gelegenheit zur Reflexion wesentlicher Zeitfragen bietet. Der diesjährige Eröffnungsredner, der deutsche Rechtsanwalt und (spätberufene) Schriftsteller Ferdinand von Schirach, nutzte diese in rhetorisch wie intellektuell brillanter Manier. Es ging letztlich um nicht weniger als die Frage nach der Zukunft der Demokratie im Zeitalter der Digitalisierung: „Vor wenigen Jahren noch fanden die entscheidenden Debatten in unseren Parlamenten statt, dann wurden Fernsehtalkshows zum wichtigsten öffentlichen Forum, und jetzt regiert ein amerikanischer Präsident praktisch via Twitter – Millionen Menschen lesen jeden Tag seine ungezügelten Gedanken. Das Internet hat das Gefüge der Demokratien schon grundlegend verändert.“

Der Schutz vor dem Volkszorn

Abgesehen davon, dass man hinterfragen kann, ob man alle Probleme dieser Welt immer am derzeitigen US-Präsidenten festmachen muss und soll, wird man dem Befund nur zustimmen können. Doch was folgt daraus? Schirach hielt ein forciertes Plädoyer für die repräsentative Demokratie, deren kompliziertes Regelwerk Schutz biete vor dem „angeblichen Willen des Volkes“, dem „unberechenbaren Volkszorn“ – letztlich also vor uns selbst. Die Verheißung der Idee „Alle Macht geht vom Volke aus“, die an der Wiege der modernen Demokratien steht, wandle sich durch die sozialen Medien zur gefährlichen Drohung, ja Bedrohung unserer gesellschaftlichen Ordnung, warnte Schirach.
Der Autor legte den Finger in der Tat auf neuralgische Punkte unserer gegenwärtigen Zivilisation. Doch seine klare Ablehnung direktdemokratischer Mitbestimmung vermochte nicht gänzlich zu überzeugen, so sehr man all seine umfassend
exemplifizierten Bedenken verstehen und teilen kann.

„Mehr Demokratie wagen“

Denn wer vermöchte den kritischen Punkt zu bestimmen, ab dem die Demokratie in Gefahr ist? Haben schon die TV-Talkshows das System unterminiert, oder gar bereits zuvor die Massenmedien, oder doch erst Facebook, Twitter & Co.? Hat es die Demokratie in ihrer reinen Form – also frei von Missbrauch, Instrumentalisierung, Manipulation etc. – überhaupt je gegeben?
Ja, gewiss die heute viel zitierte „Schwarmintelligenz“ kann auch „die ganze hässliche Macht des Stärkeren“ bedeuten – aber eben nicht nur. Sondern es geht bei den modernen Formen der Kommunikation eben auch ganz wesentlich um neue Chancen und Möglichkeiten, um mehr Partizipation am öffentlichen Diskurs, um erweiterte Formen der Mitbestimmung. Eigentlich interessant, dass gerade diejenigen, die stets „mehr Demokratie wagen“ wollten, heute zu den größten Kritikern der neuen Medien zählen.
Noch einmal sei es gesagt: die Untiefen und Abgründigkeiten, die in der digitalen Welt zum Vorschein kommen, sollen gewiss nicht kleingeredet werden. Aber man darf auch nicht die den früheren Herrschaftsverhältnissen immanenten Probleme übersehen: den Hang zum Machtmissbrauch, der unter sich bleibenden Eliten und abgeschlossenen Führungszirkeln innewohnt. Es ist gut, die jeweiligen Entwicklungen mit kulturkritischem Blick zu verfolgen. Aber es ist schlecht (und sinnlos), sich der Weiterentwicklung unserer Demokratie entgegenzustellen.

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