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34/2017 - Leben in Zeiten des Terrors (Rudolf Mitlöhner)
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Alt 23.08.2017, 08:18
Leben in Zeiten des Terrors

Islamistisch motivierte Anschläge sind beinahe alltäglich geworden, die Reaktionen darauf wirken seltsam routiniert. Die Gewöhnung ist verständlich, aber gefährlich.

| Von Rudolf Mitlöhner

Haben wir uns an den Terror gewöhnt? Weil wir mit der Zeit den Überblick verloren haben – selbst berufsmäßig damit befasste Personen wie Journalisten müssen wohl immer wieder nachschlagen, wann was genau war? Weil es sich kaum noch um „große“, spektakuläre Anschläge mit zig Toten handelt, sondern oft „nur“ um Auto- oder Messerattentate mit Todesopfern im ein- oder niedrigen zweistelligen Bereich? Es wäre bis zu einem gewissen Grad verständlich, weil es zu den Überlebensmechanismen des Menschen gehört, sich mit – auch noch so schrecklichen – Dingen abzufinden, weil er schlicht nicht in permanenter Angst, Erregung, Hysterie leben kann. Es wäre aber auch gefährlich, weil es das Bewusstsein für die Gefährdung trübt und solcherart die Notwendigkeit entschlossenen Handelns aus dem Blick geraten könnte.
Das Reaktionsmuster ist nach wie vor grosso modo stets dasselbe: Über das Tatmotiv könne man nichts sagen bzw. von einem terroristischen Motiv („islamistischer Hintergrund“) gehe man zur Zeit nicht aus, heißt es – bis sich dann doch meist bestätigt, was alle ohnedies von Anfang an angenommen haben. Noch immer hat es vielfach den Anschein, die größte Sorge der Behörden wie der Medien bestehe darin, sich nicht dem Verdacht der „Islamophobie“ auszusetzen.

Unverhältnismäßigkeit


Dazu kommt, dass sich oft herausstellt, dass der oder die Täter sich eigentlich gar nicht legal in dem Land des Anschlags aufgehalten haben. Man versteht nur schwer, wie das noch immer – nach so vielen Jahren des Terrors – passieren kann. In eigentümlichem Kontrast dazu stehen dann Fälle wie jener, den dieser Tage die Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung, Veronika Pernsteiner, publik gemacht hat: Eine seit sechs Jahren hier lebende armenisch-christliche Familie sollte – noch dazu kurz nach dem Krebstod des Vaters – abgeschoben werden (was inzwischen vorläufig verhindert wurde). Wie kann es sein, dass man hier sechs Jahre lebt, sich – in diesem Fall offenbar gut – integriert und dann doch wieder gehen muss? Gleichzeitig möchte man natürlich nicht, dass Entscheidungen über Bleibendürfen oder Gehenmüssen davon abhängen, ob sie öffentlichkeitswirksam „inszeniert“ werden (Arigona lässt grüßen). Recht muss Recht bleiben, medial hochgepushte Einzel- oder Härtefälle ändern daran prinzipiell nichts, der Politik muss es um das übergeordnete Ganze gehen.

Politik als Spiegel

Aber gerade vor diesem Hintergrund beschleicht einen angesichts des Falles der armenischen Familie der Verdacht der Unverhältnismäßigkeit: Hier sollte Härte oder Konsequenz demonstriert werden, während in vielen anderen Fällen, wo womöglich Gefahr im Verzug ist, weggesehen wird?
Gewiss, Österreich ist bisher vom islamistischen Terror verschont geblieben (nicht freilich von jeder Menge anderen einschlägigen Problemen). Aber das hat bis vor Kurzem auch für Finnland gegolten. Es wäre abwegig anzunehmen, Österreich sei davor gefeit.
Die eigentliche Herausforderung für uns, für Europa, den Westen liegt auf einer mentalen, geistig-kulturellen Ebene: Was setzen wir der mörderischen Vitalität des islamistischen Terrors entgegen? Die routinemäßig abgespulten Bekenntnisse – auch sie längst Teil des oben erwähnten Reaktionsmusters – zum Festhalten an unserer Lebensart seitens der politischen Eliten wirken seltsam müde. Vielleicht weil dahinter gar keine Überzeugung steckt, weil die Ahnung, was diese „Lebensart“ im Kern ausmachen könnte, verloren gegangen ist? Aber die Politiker halten uns damit nur einen Spiegel vor. Die Frage fällt auf uns selbst zurück – die Antwort nimmt uns keiner ab: Lässt sich aus der Tradition Europas Zukunftsweisendes formen? Ohne eine Antwort darauf geht jede Innnen-, Sicherheits-, Migrationspolitik letztlich ins Leere.

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