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36/2010 - Laut, lauter, am lautesten (Otto Friedrich)
  #1  
Ungelesen , 13:51
Laut, lauter, am lautesten

Schrille politische Debatten in Österreich und Deutschland legen nahe: Mit Nachdenklichkeit ist kein Reibach zu machen. Dabei gehört eine öffentliche Debatten-„Kultur“ zu den Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie.

Von Otto Friedrich

Man stelle sich vor, das Flaggschiff der Qualitätspublizistik, die deutsche Wochenschrift Die Zeit also, hätte vor Erscheinen dem Buch „Halbmondwahrheiten“ eine Doppelseite im aktuellen Polit-Teil gewidmet. Die einfühlsamen Porträts türkischer Männer in Deutschland benennen Hintergründe von Integrationsproblemen anhand von Lebensgeschichten – wenig plakativ, aber präzise. Der Spiegel hätte dem Buch ein Cover gewidmet und landauf, landab hätten sich Talkshows und TV-Dokumentationen draufgesetzt.
Bekanntlich hat dieses Szenario nicht stattgefunden. Oder doch: Nur war nicht „Halbmondwahrheiten“, sondern das Buch „Deutschland schafft sich ab“ der Ausgangspunkt der – hysterischen – öffentlichen Debatte. Auch nach Österreich schwappte dies alles über; obwohl hüben wie drüben kaum noch jemand das Buch tatsächlich gelesen hatte, gab es den medialen Hype. Astronomische Verkaufszahlen. Ein PR- Feuerwerk für Verlag und Autor.

Der Geruch der Verkaufsförderung

Dass im Übrigen die Polemik von Thilo Sarrazin und die eindringliche Darstellung der „Halbmondwahrheiten“ durch die Journalistin Isabella Kroth im selben Medienkonzern verlegt werden, ist nur eine weitere Facette, die auffällt: Die Schrillen, die Populisten und der Stammtisch sind zu bedienen. Und natürlich dann auch die Nachdenklichen. Den Reibach macht man aber mit der Nachdenklichkeit nicht. Und versucht es auch gar nicht damit.
Immerhin gibt es auch Unbehagen über diese Art, einen Diskurs zu führen: Unter „Wir Werbeträger für Thilo Sarrazin“ machte Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo denn auch auf Seite 1 seines Blattes den Versuch einer Rechtfertigung, die aber naturgemäß nur halb gelang. Den Geruch der Verkaufsförderung für eine vermutlich minder bedeutende Erscheinung wird diese Debatte nicht mehr los.
Solcher Befund hat nichts mit der Notwendigkeit von kritischer Auseinandersetzung einer Gesellschaft zu tun: Ja, man muss sich mit Defiziten in der Migrations- und/oder Integrationspolitik befassen, man muss Finger in die Wunden legen, die beim Zusammenleben aufbrechen und hat verschwiegene Probleme zutage zu fördern. Das ist seit jeher auch Grundaufgabe der Medien.
Fraglich bleibt jedoch, wie sich diese Auseinandersetzung konstruktiv entwickeln kann. Die hier angerissene Debatte lebt ja nicht vom Problembewusstsein, sondern von der Schrillheits-Schraube, an der gedreht wird. Die Aufmerksamkeitsschwelle liegt immer höher, und daher werden die Töne lauter und plakativer, und fürs nächste anstehende Thema noch mehr. Die Tonlage des Diskurses ist ein zentrales Problem der Gesellschaft geworden: Gesellschaftskritik im Allgemeinen und Politik- bzw. Medienkritik im Besonderen muss hier ansetzen.
Das gilt für alle Teile des öffentlichen Diskurses und bleibt beileibe nicht auf deutsche Verhältnisse beschränkt: Hierzulande erleben wir da etwa das Aufflackern einer Minarettdebatte; und die wurde darauf reduziert, ob ein muslimischer Funktionär in Wahlzeiten laut über Minarette nachdenken darf oder nicht.

Minarettdebatte und Justizdiskussion

Man kann dazu auch die durchaus fällige Diskussion über Österreichs Justiz anführen, in der sich die Schlagzeilen medialer Mitbewerber an der glamourösen Causa eines Ex-Finanzministers hochschrauben.
Die Gegenwart entpuppe sich als „Zeit des Geschwätzes“, wurde an dieser Stelle vor einigen Wochen behauptet. Die skizzierten Debatten-Aufregungen scheinen ein weiterer Beleg für diese These zu sein.
Und dies verlangt nach Lösungsansätzen – nicht nur für konkrete gesellschaftliche Probleme, sondern um zu einer Diskurskultur zu gelangen. Die Auspizien dafür scheinen nicht gerade gut.
Aber es geht dabei ans Eingemachte: Auch die Zukunft der Demokratie steht auf dem Spiel, wenn es nicht gelingt, eine öffentliche Debatten-„Kultur“ zu etablieren, die diesen Namen auch verdient.
  #2  
Ungelesen , 14:36
nasenbaerli nasenbaerli ist gerade online
 
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Disziplin des Dialogs

Eine Gesprächskultur verlangt vor allem, den Anderen ausreden zu lassen. Zuhören ist heute meist unbekannt, es wird geschrieen und das Benehmen in so manchen Talkshows ist so erbärmlich, dass dem geneigten und am Thema interessierten Zuschauer nur die Alternative bleibt, das Programm zu wechseln. Was wir jetzt in Deutschland sehen, ist der reflexartige Kampf all der Politiker und medien, die sich über Jahrzehnte in der Pose der Gutmenschen und des multikulturellen Paradigmas sonnten. Jetzt stürzen diese Kartenhäuser ein.
Ohne sich gross aufzuregen, bleibt festzuhalten: wer im deutschsprachigen Raum leben will, hat bitte die deutsche Sprache zu beherrschen. Das ist keine unerfüllbare Forderung, sondern Hilfe zur Selbsthilfe. Wer gut Deutsch kann, der kann nicht so leicht ausgebeutet und betrogen werden.
Beim Erlernen der Sprache dürfen überkommene, archaisch wirkende Traditionen keine Rolle spielen.
Wenn sich Kinder und Jugendliche dieser Herausforderung nicht stellen, ist ihnen zu bedeuten, dass sie damit hier keine Zukunft haben werden.

Was die Diskussionskultur anbelangt, seien alle Beteiligten daran erinnert, dass diue gute alte Dialektik sehr gut eignet, man möge damit die Selbstdisziplinierung lernen. Nur wer sich diszipliniert, kann dann mitreden.

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  15:05:45 07.14.2005