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24/2018 - „Derzeitige Stimmung hilft niemandem“
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Alt , 05:30
„Derzeitige Stimmung hilft niemandem“

Von den Maßnahmen gegen den „politischen Islam“ bis zu Werten und Herausforderungen des Ramadan: ein christlich-muslimisches Gespräch.

| Das Gespräch führte Otto Friedrich


Dass die Regierung mitten im Ramadan Moscheeschließungen ankündigt, irritiert nicht nur die muslimische Community. Religionspädagogin Mabrouka Rayachi und Pastoraltheologin Regina Polak im interreligiösen FURCHE-Gespräch über das Befruchtende an religiöser Praxis und den nötigen Dialog auf allen Ebenen.

DIE FURCHE: Letzten Freitag sind Kanzler, Vizekanzler und zwei Minister vor die Presse getreten, um die Schließung einiger Moscheen und die Ausweisung von Imamen zu verkünden. Wie sehen Sie diese Vorgänge?
Mabrouka Rayachi: Da ist schockierend, wir sind im Ramadan, wo Frieden sein soll und wir uns bemühen, gut zu leben. Und dann kommt so etwas.
Regina Polak: Bei aller Notwendigkeit, den politischen Islamismus zu bekämpfen, sind Vorgangsweise und Zeitpunkt provokant und mit Blick auf die Folgen für die soziale Kohäsion vertrauenszerstörend. Man hätte anders vorgehen können – nach dem Ramadan, gemeinsam mit einem Vertreter der Islamischen Glaubensgemeinschaft, mit der das laut Minister Blümel abgesprochen war. So bleibt ein zwiespältiges Gefühl. Die Art und Weise, wie das stattgefunden hat, verstärkt den seit Jahren zunehmenden pauschalen Generalverdacht gegen alle Musliminnen und Muslime in diesem Land.
DIE FURCHE: In den Online-Postings zu dieser Regierungsankündigung waren aber fast ausschließlich der Regierung applaudierende Stimmen zu lesen.
Rayachi: Die Stimmung ist ungesund. Man redet provokant so, als ob Österreichs einzige Probleme die Muslime wären. Mit meinem Kopftuch bekomme ich diese Polarisierung täglich auf der Straße zu spüren. Aber wem nützt das? Was will die Regierung damit tun? Wir sind Bürgerinnen und Bürger dieses Landes. Und doch stehen wir unter Generalverdacht. Ich persönlich kann damit umgehen. Aber den Jugendlichen, die diese Islamfeindlichkeit spüren, tun wir nichts Gutes: Die sind in einem Alter, in dem sie noch nicht genau wissen, was sie tun. Diese Jugendlichen zwingen wir in Richtung Radikalismus. Ich möchte, dass wir uns besinnen und uns an einen Tisch setzen. Wir haben Herausforderungen. Niemand leugnet das. Aber auf diese Art und Weise an Probleme heranzugehen, ist nicht gut.
Polak: Ich spitze das zu: Diese Art von Politik erzeugt das Problem, das sie zu bekämpfen vorgibt. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass das mit Absicht geschieht. Damit es klar ist: Ich kritisiere jede Religion, in der Menschen autoritär und gewalttätig behandelt werden – insbesondere Kinder, Mädchen und Frauen. Aber in der öffentlichen Debatte wie in den politischen Maßnahmen fehlt mir die Bereitschaft, die Konflikte um des Zusammenlebens willen zu führen und nicht um auszugrenzen. Ja, es muss klare Grenzen zum politischen Islamismus geben, aber es muss Sorge getragen werden, dass dabei das Zusammenleben nicht beschädigt wird.
DIE FURCHE: Es wird aber oft argumentiert, dass Muslime zu wenig sichtbar die Probleme in den eigenen Reihen angehen – etwa Frauen- und Kinderrechte betreffend.
Rayachi: Sicher gibt es diese Probleme. Wir haben noch viel zu tun. Aber mir geht es darum, wie man an die Konflikte herangeht, etwa in der Schule. Das geht nicht mit Populismus oder durch provokante Aktionen wie jetzt. Die Sachlage ist sehr komplex, dafür braucht man vernünftige Leute. Aber niemand holt die Vernünftigen. Die derzeitige Stimmung hilft niemandem. Mir geht es vor allem um die Jugendlichen: Für die wird jeden Tag nur über ihre Religion gesprochen. Es wird über sie gesprochen und nicht mit ihnen. Es gibt dann Leute, die den Jugendlichen sagen: Es gibt für euch keinen Platz in der Gesellschaft. Daher: Kommt her zu uns, ihr seid die Helden bei uns …
Polak: Zur Zeit der kirchlichen Skandale – Stichwort Missbrauch – sind die katholischen Communitys auch nicht laut auf die Barrikaden gestiegen, um sich zu distanzieren. Man verlangt da von den Muslimen etwas, was man bei seinen eigenen Religionsgemeinschaften oder politischen Vereinen auch nicht in der Weise tut, wie es vielleicht erforderlich wäre. Und wenn man das Gefühl hat: Egal was ich sage, wird benützt, um meinen Leuten zu schaden, dann werde ich mich auch hüten, etwas laut und deutlich zu sagen. So geht es auch Katholiken, wenn eine gewisse Art von Kirchen-Bashing losgeht. Ich denke mir dann zwar: An der Kritik ist ja etwas Wahres dran. Aber gleichzeitig will ich das nicht verstärken und illoyal sein. Ich führe dann diese Konflikte lieber im Inneren. Ähnlich nehme ich die Entwicklungen in der islamischen Community wahr.
DIE FURCHE: Dieser Tage geht der Ramadan zu Ende. Kann man diese religiöse Hoch-Zeit in Österreich adäquat leben?
Rayachi: Ramadan wird oft nur als Nicht-Essen, Nicht-Trinken gesehen. Für mich hat der Ramadan eine andere spirituelle Ebene. Viele Leute verstehen nicht, wenn ich faste, und sagen: Du Arme! Ich bin nicht arm! Ich bin geistig fit in dieser Zeit. Es geht nicht darum, dass man fasten muss, sondern, dass man fasten will.
DIE FURCHE: Und das kann man in Österreich so leben, wie man möchte?
Rayachi: Ja, ich mache das zu Hause, bei meiner Familie, in der Nacht in der Moschee, wenn es möglich ist. Natürlich ist es nicht so wie in muslimischen Ländern, wo auch die Arbeitszeit so gestaltet ist. Aber man kann es auch in Österreich spüren. Das beste Fasten betrifft alle Sinne, dass man nicht das Schlechte tut oder das Schlechte sagt.
Polak: Ich komme aus einer Generation, einer Art von Katholizismus, wo man gelernt hat, das Wesentliche des Glaubens spiele sich im Inneren ab. Das Einhalten von religiösen Regeln, Ritualen und Gesetzen ist zwar schön, aber nicht wirklich elementar. Mittlerweile weiß ich, dass das theologischer Unsinn ist. Und einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu hat der christlich-muslimische Dialog geleistet, weil ich da wahrgenommen habe, welche spirituellen Tiefendimensionen in der Treue zu einer religiösen Praxis- Tradition zutage treten können.
DIE FURCHE: Inwieweit stößt religiöse Praxis wie das Fasten im Ramadan auf Konflikte? Es gibt Berichte, dass die körperlichen Folgen des Fastens in manchen Schulen als Problem empfunden werden.
Rayachi: Man muss hier differenzieren, um welche Schule es geht. Volksschulkinder müssen nicht fasten. Aber der ganze Tagesrhythmus ist anders. Auch wenn die Kinder nicht fasten, gehen sie erst um elf, zwölf ins Bett. Dann stehen sie mit den Erwachsenen um drei Uhr früh auf, um zu essen und gehen dann wieder schlafen. Wenn sie dann in die Schule kommen, sind sie mitunter müde. Diese Probleme gibt es. Es ist wichtig, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Ein Modell ist, vor Beginn des Ramadan die muslimischen Eltern einer Schule zu versammeln und ihnen zu sagen: Wir wissen, ihr habt Ramadan – das ist für die Eltern auch eine wertschätzende Begegnung! –, aber ihr sollt darauf schauen, dass die Kinder genug Schlaf haben, dass sie genug zum Trinken bekommen. Dort, wo derartige Treffen gelungen sind, ist das bei den Jugendlichen gut angekommen. Sie spüren, dass sich jemand für sie interessiert – und sie kooperieren. Es geht also um die Art und Weise, wie wir diese Herausforderungen lösen wollen. Ich kann nicht von oben sagen: Nein, jetzt müsst ihr trinken. Das funktioniert nicht. Es gibt Beispiele, wo eine Lehrerin ein Mädchen in die Mitte stellt, ihr ein Glas Wasser in die Hand drückt und sagt: Jetzt musst du trinken! Das ist für ein Kind eine Erniedrigung. Das Mädchen hat sich bis zum Ende geweigert zu trinken. Was hat die Lehrerin erreicht? Nichts. Deswegen ist es wichtig, einen Arbeitsrahmen zu schaffen – und zwar bevor der Ramadan beginnt.
Polak: Hier sieht man drei Grundprinzipien für das Zusammenleben in einer kulturell und religiös pluralen Gesellschaft. Das eine Thema ist: Dialog und Kommunikation statt Autoritarismus. Das Problem wird beim Namen genannt, gemeinsam eine Lösung gesucht. Autoritäres Durchgreifen geht zwar schneller, dient aber oft nur den Interessen der Mehrheit, erzeugt Verletzungen und fördert Ressentiment bei der Minderheit. Das zweite ist die öffentliche Anerkennung von Menschen mit anderer religiöser Tradition. Diese Anerkennung kann ein Elterntreffen sein. Und das dritte ist die dafür notwendige Bereitschaft, sich auf diese Verschiedenheit einzulassen. Denn natürlich verändert sich im Dialog etwas für die Mehrheit, sie muss sich ändern.
DIE FURCHE: Aber mitunter sind die Bedingungen nicht ganz einfach zu ändern. Heuer etwa fällt der Ramadan in die Maturazeit …
Rayachi: Man muss immer davon ausgehen, dass die Religion dazu da ist, das Leben zu erleichtern und nicht zu erschweren. Das müssen wir unseren Kindern beibringen. Wenn Matura ist, dann habe ich von der Liebe Gottes sicher die Erlaubnis, an diesem Tag nicht zu fasten, sondern es irgendwann nachzuholen. Auch wenn eine Schule einen Sportwettbewerb hat und man für die Gruppe notwendig ist, dann hat die Gemeinschaft Vorrang vor dem Fasten. Auch hier holt man das später nach. In der Volksschule sollten die Kinder, wenn sie fasten wollen, das am Wochenende tun. Aber ab der Mittelschule kann man von einem 13-Jährigen, der zur Welt der Erwachsenen gehören will, nicht sagen: Du darfst nicht fasten. Daher muss man auf jede Situation differenziert eingehen. Wir sagen den Kindern auch, dass sie ihr Fasten nicht zur Schau stellen sollen. Denn das Fasten hat auch eine ethische Bedeutung, es ist eine spirituelle Vertiefung. Es sollte die Mitmenschlichkeit mehr in den Vordergrund treten. Man solidarisiert sich mit den Bedürftigen, man lädt die Leute ein, die keine Familie haben.
Polak: Das ist im christlichen Fastenverständnis auch so!
DIE FURCHE: Können auf dieser Ebene sich die Christen etwas „abschauen“?
Polak: Es gibt Christinnen und Christen, die das genauso praktizieren. Und diejenigen, die diese Traditionen für überflüssig halten, werden an Praxisformen erinnert, die zu ihrer ureigensten Tradition gehören. Wenn ich Ihnen zuhöre, ist mir das nicht fremd – aus der Fastenzeit vor Ostern, früher gab es auch eine vor Weihnachten, auch da ist die spirituelle und die ethische Dimension sehr wichtig, auch die besondere Sensibilität für die Armen.
DIE FURCHE: Wie sieht es mit dem interreligiösen Dialog aus? Ist der notwendig?
Rayachi: Besonders in diesen Tagen brauchen wir die interreligiöse Solidarität. Wir leben in einer säkularisierten Gesellschaft, die die Religion in ein Eck schiebt. Wir Religiöse müssen uns zusammentun und sicherstellen, dass wir in der Gesellschaft einen Platz haben. Es werden Differenzen bleiben, aber wir müssen nicht immer zur theologischen Ebene gehen, sondern auf die Ebene des Zusammenlebens, des Sozialen. Und wir können miteinander viel tun.
DIE FURCHE: Funktioniert eine derartige Allianz der Religiösen?
Rayachi: Die Gesellschaft als solche fördert die interreligiöse Zusammenarbeit nicht. Sie sagt: Kümmert euch erst um eure Probleme, dann kommt zu uns. Das hat seine Berechtigung, ich kann nicht zur Gesellschaft gehen, wenn ich den inneren Diskurs nicht geführt habe.
Polak: Ich fühle mich etwas unwohl, wenn es heißt, die Religiösen sollen sich in der säkularen Gesellschaft zusammentun. Für mich ist der interreligiöse Dialog auch ein Thema von Säkularen und von Atheisten. Religiöse Menschen sind wie die Säkularen eine Wirklichkeit in der pluralen Gesellschaft. Und die müssen alle lernen, miteinander zu leben.
Rayachi: Ich schließe Säkulare nicht aus, sondern meine, dass Religiöse ein ähnliches Verständnis für manche Fragen haben.
Polak: Von Seiten des Vatikan – da bin ich auf meine Kirche sehr stolz – wird dieser Dialog sogar sehr intensiv geführt und unterstützt. Dabei wird unterschieden zwischen der basalen Ebene des Zusammenlebens zwischen Menschen, die religiös, nicht religiös, säkular sind, die ihren Alltag teilen, ihre Leiden, ihre Freuden, von und miteinander lernen und miteinander feiern. Dann gibt es die Ebene des gesellschaftspolitischen Dialogs, wo man sich über die Grenzen von Religionsgemeinschaften hinweg zusammentut und für ein gesellschaftliches Anliegen einsetzt. Da gibt es gerade für Christen und Muslime beim Thema Gerechtigkeit – vor allem für Arme – ganz viele Überlappungspunkte. Nicht zu unterschätzen ist der Dialog auf der Ebene der Experten, weil das für die normalen Gläubigen ein Signal ist, dass „die oben“ miteinander reden können. Und die vierte, schwierigste Ebene ist die des Spirituellen, auch wenn sich darauf meist die Gemeinden zuerst stürzen – etwa die Frage des gemeinsamen Betens. Ich bin allerdings keine Freundin dieser Praxis, weil sie Unterschiede verwischt, die ja durch den Dialog nicht aufgelöst werden sollen. Auf institutioneller Ebene könnte in Österreich viel mehr – vor allem öffentlich – passieren. Vor allem, wenn es wieder einmal Muslimen-Bashing gibt, müssten die Kirchen solidarisch beistehen und zur Differenzierung des Diskurses beitragen.

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