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20/2016 - Was sind das für Zeiten? (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 11:00
Was sind das für Zeiten?

Mag sein, dass es manch gelerntem Österreicher zurzeit die Sprache verschlägt. Das entbindet aber nicht, Taten, Worte – und Entscheidungen – auf die Waage zu legen.


| Von Otto Friedrich

Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! Die Klage Bert Brechts in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs veröffentlicht, mutet seltsam modern an. Auch Theodor W. Adornos Diktum, kurz nach der Katastrophe der Schoa geäußert: Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, setzte die Debatte fort, die noch Jahrzehnte später längst nicht entschieden ist. Denn nach der Schoa wurden natürlich Gedichte geschrieben, ja vielleicht waren es gerade Dichter(innen), die den Weg aus der Sprachlosigkeit nach den Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts gewiesen haben.
Aber was sind das für (Wahl-)Zeiten, wo man sich Zitate wie obige fast verbeißt, weil sie allzu schnell als aus der „falschen“ politischen Ecke kommend denunziert werden? Dabei markieren sie zwei Eckpunkte des Diskurses, die längst common sense zu sein schienen: die Auseinandersetzung mit Sprache und das Nie-wieder-Vergessen, das die Nachgeborenen der Hitlerei umtreiben sollte.
Doch beide Eckpunkte scheinen nicht mehr selbstverständlich, und es ist längst nicht mehr ausgemacht, ob das „Fest der Freude“, mit der das offizielle Österreich auch heuer die Befreiung des Mai 1945 beging, auch in Zukunft gefeiert werden kann. Denn die Sprache – und mit ihr die Befindlichkeit – im Lande hat sich gewendet. Beängstigend schnell.

Weit über einen Wahlkampf hinaus

Das geht weit darüber hinaus, dass dieser Wahlkampf einmal mehr eine „Zeit fokussierter Unintelligenz“ (© Michael Häupl) darstellt. Denn Sprachmuster und Ausgrenzungen durch Worte, die da offenbar wurden, zeigen, wie sehr es um die gesellschaftliche Ausrichtung des Landes geht. Die Unbedarftheit eines „Gesprächs über Bäume“ ist nicht mehr möglich. Und: Sprache ist verräterisch. Niemand soll und kann behaupten, das nicht zu wissen. Es stimmt schon, dass man auch die Politik an den Taten messen soll. Aber das entbindet keineswegs, die Worte außer Acht zu lassen. Denn die bereiten den Boden für das Handeln. Und sie erschrecken.

Kriterien für Sprache – und Politik

Von daher sind Kriterien gefragt, welche Sprache vonnöten ist, welche Worte heilen, und welche verletzen. Christen haben einiges an Rüstzeug anzubieten. Sie kennen etwa die Erzählung vom Turmbau zu Babel, wo die Sprachverwirrung dazu führte, dass die Menschen aufhörten, „an der Stadt zu bauen“. Und als Gegenmodell dazu: Pfingsten, das die Westchristenheit soeben erneut gefeiert hat: Sprache, die Grenzen überwindet, und die zusammenführt und gesund macht.
Auch wenn die Bibel kein Parteiprogramm darstellt, können Kriterien für politische Entscheidungen sehr wohl daraus entwickelt werden. Und selten war es so offenbar, dass
diese Kriterien unmittelbare Auswirkungen für das Verhalten in der Wahlzelle haben. Für jede und jeden im Land.
Auch Österreichs obers*ter Katholik, der ganz gewiss kein „Linker“ ist, entzieht sich der gebotenen Deutlichkeit nicht. Er erwarte „von der Politik nicht das Reich Gottes auf Erden“, sagte Kardinal Schönborn dieser Tage gegenüber der Kleinen Zeitung. Aber die abgeschottete Nationalstaatlichkeit, „die soviel Unheil über Europa gebracht“ habe, dürfe nicht wieder überhandnehmen. Für alle, die hören wollen, ist die Botschaft unüberhörbar.
Es geht um nichts weniger als darum, das eingangs bemühte „Gespräch über Bäume“ wieder in Gang zu bringen. Weil es eben nicht ein Verschweigen von Unrecht darstellen soll. Und weil die Menschen so etwas wie heilsame Sprache zum Leben brauchen. Am kommenden Sonntag wird auch darüber entschieden, wie unbefangen das (noch) möglich sein wird. Von daher haben Herr Wähler und Frau Wählerin eine Verantwortung wie selten zuvor bei einem Urnengang.

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