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05/2013 - Den Geschichten zuhören (Otto Friedrich)
  #1  
Ungelesen , 14:34
l Den Geschichten zuhören

„Flucht ist kein Verbrechen“ war dieser Tage auch das Motto von „Gebeten der Solidarität“ für Menschen auf der Flucht. Dieser Satz wird jedoch erst dann politisch greifbar, wenn Flüchtlinge ihre Geschichten auch erzählen können.

Von Otto Friedrich

Man scheut sich, dieser Tage zum Thema Flüchtlinge in die Internet-Foren zu schauen. „Ein Ultimatum, binnen 24 Stunden das großzügige Angebot der Caritas anzunehmen oder im Flieger in die Heimatländer zu sitzen, wäre das einzig Richtige.“ Dieser Satz zu den Vorgängen in der Wiener Votivkirche, zitiert aus einem Leserbrief im größten Kleinformat, klingt da vergleichsweise zivilisiert. Aber er gibt zweifelsohne Volkes Stimme wieder, wie sie landauf, landab zu hören ist.
Dass die Kronen Zeitung auf eine Umfrage ihres Online-Ablegers verweist, nach der 93 Prozent der Österreicher das Verständnis für die Forderungen der Asylwerber in der Votivkirche fehlt, mag unabhängig davon, dass solche Zahl niemals die Meinung „der Österreicher“ wiedergibt, etwas über die Stimmung im Land aussagen. Man kann auch den Ärger Kardinal Schönborns nachvollziehen, der sich persönlich um eine konkrete Lösung für die Flüchtlinge in der Votiv*kirche müht und dabei Rückschläge hinnehmen muss.

Kein konstruktiver Dialog

Ob es aber hilft, den zurzeit ausgesetzten Hungerstreik in der Votivkirche ins Eck der Verschwörungstheorie einer „abgekarteten linkslinken Aktion“ (© M. Jeannée), wie es der Boulevard insinuiert, zu stellen, darf bezweifelt werden. Dass Schönborn zuletzt präzisierte, keinesfalls die Flüchtlinge im Stich lassen zu wollen, war richtig und wichtig.
Ein Blick hinter die tagesaktuellen Vorgänge zeigt schnell, wie viel hier wieder einmal über einen Kamm geschoren und simplifiziert wird, und wie wenig die politischen Player im Land imstande sind, die Auseinandersetzungen, die die Menschen bewegen, in einen konstruktiven Dialog und eine rationale Politik münden zu lassen.
Eigentlich, so kann man es auf den Punkt bringen, lässt die Politik die Kirche im Stich. Es ist einfach nicht so simpel, dass Österreich eine „vorbildliche Asylgesetzgebung“ vorzuweisen hat. Zumindest zeigt sich wiederholt der offensichtliche Widerspruch zwischen abstrakter Gesetzgebung und Normierung und konkreten Schicksalen. Die Geschichten, die Flüchtlinge über ihr Überleben – ja auch! – in Österreich erzählen, sind oft erschütternd. Neben wirklich gelungenen Beispielen (die sollen keineswegs verschwiegen werden) stehen zahlreiche Berichte, in denen Flüchtlinge glaubhaft von schrecklichem Schicksal erzählen und ihrer unbändigen Angst in selbiges zurückzufallen, wenn ihnen hierzulande der Staat oder die Gesellschaft nicht glaubt.
Man muss natürlich nüchtern sehen: Jedes kodifizierte Recht kann in Widerspruch zur konkreten Situation von Menschen geraten. Das ist ein immanentes Problem. Aber dies verlangt umso mehr, sich möglichst intensiv mit persönlichen Schicksalen auseinanderzusetzen, um eine menschenfreundlichere Gesetzgebung zu erreichen.
Die Tagespolitik (etwa: die Situation in der Votivkirche zu lösen) ist das eine. Aber das dahinterstehende Problem sitzt tief und verlangt den Einsatz aller gesprächs*bereiten Teile der Gesellschaft.

Räume und Orte für Geschichten schaffen

Es geht darum, in einen Dialog über die Ängste zu kommen – nicht nur die der Flüchtlinge sondern auch diejenigen von „Volkes Stimme“. Denn die Argumente von letzterer sind ja auch von Ängsten bestimmt.
20 Jahre nach dem Lichtermeer fehlt dieser Dialog immer noch; das ist eigentlich ein Armutszeugnis. Und da liegt auch die dringliche Herkulesaufgabe für die Christen im Land.
Dass diese sich zuletzt, von der Katholischen Aktion und der Caritas initiiert, zu Gebeten der Solidarität zusammengefunden haben, mag ein Zeichen dafür sein. Dort haben im Übrigen auch Flüchtlinge aus ihren Leben berichtet.
Patentrezepte kennt zurzeit niemand. Aber es ist unabdingbar, Räume und Orte zu schaffen, in denen die Menschen, die hierzulande Schutz suchen, ihre Geschichten erzählen können. Und wo ihnen „Volkes Stimme“ auch zuhört. Ein schwieriges Unterfangen, manche werden sagen: ein unmögliches. Doch was wäre die Alternative?
  #2  
Ungelesen , 14:51
Dr.Herbert Becvar Dr.Herbert Becvar ist offline
 
Registriert seit: 01.10.2011
Beiträge: 1
Flucht ist kein Verbrechen

Als ärztlicher Betreuer seit Jahrzehnten einer Flüchtlingspension mit bis zu 200 Asylanten erlaube ich mir folgendes dazu zu bemerken: Natürlich ist Flucht an sich kein Verbrechen, aber die Begleitumstände der Schlepperei, illegalen Grenzübertritte und der Wechsel zwischen sicheren Drittländern benenne ich dann wie? Besonders die Asylanten der letzten Zeit aus Afghanistan, Pakistan und Indien (!?) stimmen mich nachdenklich. Alle zwischen 16 und 25 Jahre alt, männlich ( wo sind die Familien bzw.Frauen)
-kräftig und scheinbar wenig traumatisiert ,treten äußerst fordernd auf. Die meisten waren schon in Lagern in Griechenland bzw. Italien. Der Verdacht liegt nahe, daß sie gut informiert sind. Alle drängen zu aufwändigen ärztlichen Untersuchungen ohne klinisches Korrelat. Soll der Sinn im Kranksein liegen, um so eher Asyl zu bekommen?
Offensichtlich liegen hier die sogenannten sozioökonomischen Asylgründe vor, die auch von den Besetzern der Votivkirche gefordert werden, ein völlig neuer Aspekt. Soll sein- aber dann wäre die Überschrift anders zu wählen: Auswanderung ist kein Verbrechen.
MR Dr.Herbert Becvar
9692 Nueberg/Mürz
  #3  
Ungelesen , 10:05
Musikant Musikant ist offline
 
Registriert seit: 18.04.2009
Beiträge: 43
Ist das Leben der höchste Wert?

Kürzlich brauchte ich einen neuen Pass. Das Erlebnis, als unbescholtene Bürgerin wie eine Verbrecherin den Fingerabdruck abgenommen zu bekommen, war zutiefst entwürdigend. Ein kleines Beispiel für all das, was derzeit die psychischen Krankheiten in unserem Land beispiellos in die Höhe schnellen lässt, und wozu noch viel Gravierenderes gehört: Tägliche Arbeitsbelastungen, die die menschliche Kapazität weit überschreiten, Vereinsamung in politisch verordneter Individualisierung, drohender Zusammenbruch des Finanz-, Gesundheits- Sozial-, Bildungs- und Pensionssystems, Bienensterben zu Gunsten einer Produktion nährstoffleerer Nahrungsmittel etc. Hinter den verbreiteten Ressentiments den Flüchtlingen gegenüber steckt auch Neid. Da träumen diese Dahergelaufenen doch tatsächlich von einer menschenwürdigen Welt! Was sie so besonders bedrohlich macht: Sie kämpfen um geistig-seelische Werte unter Einsatz von Leben und Gesundheit, während wir immer noch glauben möchten, bequem mit Leserbriefen, Unterschriftenlisten und Teilnahme an Wahlen und Volksbefragungen etwas ändern zu können. Weil doch das physische Überleben das Höchste ist, auch wenn die Seele dabei stirbt - oder nicht?

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