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02/2018 - Die Katerstimmung nach dem Erdbeben
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Alt 28.05.2005, 02:45
Die Katerstimmung nach dem Erdbeben

Was passiert, wenn selbst der tschechische Humor nicht mehr weiterhilft? Über ein Land, dessen Gesellschaft gespalten ist und nach seiner Rolle in Europa sucht.


| Von Martin Becker


Die Stimmung im Prager Café war bedrückend. Die ersten Hochrechnungen der Wahlen zum Abgeordnetenhaus trafen gerade ein. Es war der 21. Oktober 2017. Ich saß mit einer Freundin am Tisch, als wir die Zahlen sahen – und sie bestellte, allen bisherigen Gewohnheiten zum Trotz, einen Schnaps. Und trank ihn schweigend aus.
Zu diesem Zeitpunkt, die Stadt Prag war noch nicht ausgezählt, sah es nicht nur nach dem erwartbaren Triumph des Milliardärs Andrej Babisˇ und der ANO-Bewegung aus. Es schien auch so, als würde Tomio Okamura mit seiner stramm rechten SPD zweitstärkste Kraft im Parlament werden. Am Ende reichte es für Okamura nur für Platz vier, doch die Wahl glich einem politischen Erdbeben. Die etablierten Parteien hatten haushoch verloren. Allein die bis dahin regierenden Sozialdemokraten waren mit nur sieben Prozent aller Stimmen untergegangen.
Obwohl die Umfragen im Vorfeld ein ähnliches Ergebnis prognostiziert hatten: Der Schock saß tief. Meine tschechische Freundin versuchte es nach dem Schnaps mit Zweckoptimismus. Vielleicht ist dieses Resultat ja sogar gut und wünschenswert, meinte sie – als eine Art von Therapie. Und ein anderer tschechischer Freund von mir sagte später: „Die Menschen haben für Veränderung gestimmt – nur wissen sie nicht, was genau sich eigentlich ändern und wer es machen soll.“
Nach der Wahl machte sich eine gewaltige Katerstimmung breit in Prag. Zwischendurch gab es keinen Platz mehr für den tschechischen Humor, der doch bislang immer geholfen hatte. Wie konnte all das passieren? Dass ein Politiker tschechisch-japanischer Abstammung Stimmung gegen Migranten macht und Angst vor Flüchtlingen schürt – die in Tschechien keine Rolle spielen? Dass ein EU-skeptischer Milliardär wie Andrej Babisˇ sich den Kampf gegen die Korruption auf die Fahnen schreibt – schon vor seinem Wahlsieg aber selbst unter Korruptionsverdacht gerät und seine früheren Geschäfte mit EU-Subventionen bis heute Gegenstand von Ermittlungen sind? Dass der unberechenbare und bei jeder Gelegenheit gegen Minderheiten und Medien pöbelnde Staatspräsident Miloš Zeman beste Aussichten auf seine Wiederwahl hat?

Gefühlte Unzufriedenheit

Es muss die gefühlte Unzufriedenheit sein, die zu diesem Zustand geführt hat. Natürlich, einige Nebengeräusche mögen die Lage nicht besser gemacht haben: Ausgerechnet in Tschechien, wo die Kneipe nun mal das Wohnzimmer darstellt, setzte erst 2016 die Registrierkassenpflicht den Wirten zu, weil jedes einzelne Pilsener seither mit einem Kassenbon zu versehen ist – dazu kam im letzten Jahr auch noch das Rauchverbot. Fragt man mal beim Bier nach, dann bekommt man oft den eurokritischen Standard zu hören: Diese EU, diese Verordnungen! Damit ist Tschechien in Europa natürlich nicht allein. Nur ist die tschechische Situation in vielerlei Hinsicht speziell: Das Land erlebt einen wirtschaftlichen Aufschwung, die Arbeitslosigkeit stagniert auf niedrigem Niveau. Kein Grund zum Klagen also. Aber doch ist das innertschechische Klima in den letzten Jahren rauer geworden, scheint selbst im metropolischen Prag die Gesellschaft gespalten zu sein.
Exemplarisch dafür ist der Umgang mit einem der größten Helden der jüngeren Geschichte: Der Schriftsteller Václav Havel prägte das Land nicht zuletzt natürlich als Staatspräsident. „Wahrheit und Liebe müssen siegen über Lüge und Hass“: Dieser Satz wurde bei der Samtenen Revolution im Jahr 1989 sein Wahlspruch. Und er nahm ihn sich zu Herzen. Auch, wenn er deshalb oft mit seinen politischen Entscheidungen haderte – daraus aber eben keinen Hehl machte und seine moralischen Maßstäbe nicht über Bord warf.
Als er im Dezember 2011 im Alter von fünfundsiebzig Jahren nach schwerer Krankheit starb, war ich gerade in Prag. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von Havels Tod. Es dauerte nur wenige Stunden, bis die Prager Innenstadt einem Kerzenmeer glich und Menschenmengen einen Trauermarsch durch die bitterkalten Straßen veranstalteten. Das alles war so anrührend und überwältigend, wie man es wohl selten nach dem Tod eines europäischen Staatsmannes erlebt hatte. Und natürlich, es gibt immer noch diejenigen, die für Havels Ideale kämpfen, für eine freie und offene Gesellschaft. Doch gehören gerade die Havel-Anhänger seit geraumer Zeit zum erklärten Hassobjekt der tschechischen Rechten: Als Naivlinge werden sie beschimpft, als Kaffeehausintellektuelle, die von der wirklichen Wirklichkeit keine Ahnung haben. Die ihre Lebenszeit beim Bier in der Kneipe verquatschen und dabei nur dumme Scherze machen. Havel war übrigens in der Tat auch berühmt für seinen Witz. Und dafür, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.

Bier und Humor

Womit wir wieder beim Thema sind: dem tschechischen Humor. Unbestreitbar, dass er in fast allen Lebenslagen hilft, dass er kaum Grenzen kennt und selbst aus einer Tragödie noch eine Groteske macht, über die man wenigstens lachen kann. Nur: Was passiert, wenn es dazu nicht mehr reicht? Wenn das erleichternde Lachen der schwergewichtigen Melancholie weicht, die ich nach einem Jahrzehnt auf Tuchfühlung mit dem Land als ebenso prägenden Bestandteil des tschechischen Wesens ausgemacht habe?
Vielleicht lohnt sich der Blick auf eine Geschichte, die sich vor einigen Jahren ereignet hat – und bei der es im Grunde um all diese Dinge ging, die jetzt gerade wieder das Land bewegen. Sei es die Europäische Union, sei es das kapitalistische Versprechen, sei es eine schwelende Unzufriedenheit, die sich irgendwann artikuliert: 2004 drehten die Prager Filmstudenten Vít Klusák und Filip Remunda als Abschlussarbeit ihren Film „Ceskysen“, übersetzt: „Der tschechische Traum“. Die Filmemacher wollten zeigen, wie sehr Werbung die Meinung der Tschechinnen und Tschechen manipulieren kann. Anlass damals war eine massive und teure Kampagne für den Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union. „Der tschechische Traum“ heißt in dem Dokumentarfilm ein fiktiver Hypermarkt: Ganz Prag wird von Werbung für das neue Einkaufsparadies überschwemmt. Im Fernsehen und im Radio, auf Plakaten, in der Metro: Der tschechische Traum ist überall. Am Tag der Eröffnung kommen viele tausend Menschen zum Gelände, auf dem der vermeintliche Einkaufsmarkt stehen soll, um die unschlagbaren Angebote zu kaufen – doch sie finden nur eine Fassade vor. Die Filmemacher stellen sich als Initiatoren dem Zorn der Besucher und versuchen, ihnen ihr Projekt zu erklären. Ein älterer Mann erklärt kopfschüttelnd: „Wir sind jahrzehntelang immer nur hereingelegt worden. Und so geht es jetzt nahtlos weiter.“
Dazu passt ein nicht fiktiver Skandal, der das östliche Europa im Jahr 2017 beschäftigte: die sogenannte „Nutella-Krise“. Was jahrelang nur vermutet wurde, bekam durch Untersuchungen der Prager Universität für Chemie und Technologie eine wissenschaftliche Basis: Identische Produkte vom selben Hersteller sind, beispielsweise in der tschechischen Hauptstadt, nicht nur teurer als in westlichen Städten – sie sind noch dazu qualitativ schlechter.
Das gleiche Spiel beim Waschmittel. Die Begründungen der Hersteller: so hanebüchen wie fadenscheinig. Man schmeckt und wäscht eben anders im Osten, hieß es. Als wäre es eine absurde Szene aus einem Theaterstück von Václav Havel. Während einem selbst das Lachen im Halse stecken bleibt wie ein minderwertiges Fischstäbchen für den osteuropäischen Markt, dürften sich EU-Skeptiker wie Miloš Zeman die Hände reiben – und milde lächeln über die glückliche Fügung zur rechten Zeit.

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  17:04:26 09.07.2005