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31/2016 - Leben und die Welt retten (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 09:22
Leben und die Welt retten

Natürlich sollen die globalen Probleme möglichst effektiv angegangen werden. Dennoch sind ethische Fragen nicht à la Preis-Leistungs-Verhältnis anzugehen.


| Von Otto Friedrich

Im Kurier-Interview breitet dieser Tage der australische Philosoph Peter Singer seinen „effektiven Altruismus“ aus und kritisiert dabei die „Willkommenskultur“ (nicht nur) Angela Merkels als „ethisch sehr fraglich“. Plakativ gesprochen überträgt Singer das Preis-Leistungs-Verhältnis auch auf ethische Fragen. Es geht ihm darum, dass Hilfe für andere, der Einsatz zur Lösung der globalen Probleme so gestaltet wird, dass dabei der größtmögliche Nutzen entsteht.
„Ethisch fraglich“ ist in dieser Betrachtung die Willkommenskultur deswegen, weil sie – Singer nennt das Beispiel Deutschlands – „die Würde einer Million Menschen“ schütze. Es gebe aber 19 Millionen andere, die aus ihren Ländern geflohen seien und 40 Millionen Binnenflüchtlinge. Singers Frage: „Ist es ethisch zu vertreten, dass derjenige, der es übers Meer an den Strand schafft, das Aufenthaltsrecht vor jenen bekommt, die in den Lagern Libanons warten? Sollen einige wenige Flüchtlinge privilegiert werden, nur weil sie in der Lage waren, für die Überfahrt zu zahlen?“
Peter Singers Ethik ist in der katholischen Welt – gelinde gesagt – umstritten. Vor allem seine Positionen zu Abtreibung und Sterbehilfe werden seit Jahren zurückgewiesen. Die zitierten Aussagen Singers zur Flüchtlingsthematik dürften aber auch bei manchen Christen auf fruchtbaren Boden fallen.

Eine christlich grundierte Ethik

Und damit ist nicht nur das – auch ortskirchliche – Nein zur Aufnahme von Flüchtlinge etwa in Polen gemeint. Auch hierzulande mehren sich Stimmen in ähnliche Richtung – und das beileibe nicht nur aus der rechtspopulistischen Ecke.
Unbestreitbar sind die Probleme, die Singer da anschneidet, ethische Herausforderungen. Seit Jahr und Tag weist hierzulande gerade das kirchliche Umfeld darauf hin, dass die Ursachen der Fluchtbewegungen – die Nord-Süd-Armutsschere, der (vom Norden wesentlich zu verantwortende) Klimawandel und die Konfliktlösungen in den Krisenregionen – anzugehen sind.
Bekanntlich mit mäßigem Erfolg. Dennoch unterscheidet sich eine christlich grundierte Ethik fundamental von dem, was „effektiver Altruismus“ meint.
Denn nicht die Effizienz, auch nicht eine „Effizienz guter Taten“ kann die ethische Norm sein, sondern die Menschenwürde. Für Christen (wie für Juden) gilt etwa nach dem Prophetenwort, dass Gott „deinen Namen in die Hand geschrieben“ hat. Das ist keine kollektivistische Aussage nach dem Motto: Um des größeren Ganzen muss man, quasi als Kollateralschaden, die toten Kinder im Mittelmeer hinnehmen.

Individuelles Unglück, dafür aber gesellschaftliches Glück?

Derartige Argumentation ist noch aus den Zeiten des realen Sozialismus im Hinterkopf, als das individuelle Unglück mit dem Verweis auf das Glück der Gesellschaft abgetan wurde.
Klar, dass man dabei auch in ethische Dilemmata gerät. Wer aber an die einzigartige und unveräußerliche Würde jedes einzelnen Menschen glaubt, der kann und darf nicht das hierzulande, Gott sei Dank, verbreitete individuelle Engagement für individuelle Flüchtlinge madig machen. „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“, bringt es bekanntlich das jüdische Sprichwort auf den Punkt. Und Papst Franziskus rief dieser Tage beim Weltjugendtag in Krakau den Teilnehmern zu: „Die Welt muss ein- für allemal begreifen, dass nichts das Blut eines Bruders oder einer Schwester rechtfertigt, dass nichts wertvoller ist als der Mensch neben uns.“
Es wäre da auch ein besonders infamer Gedanke, das (kirchliche) Flüchtlingsengagement in Europa in letzter Konsequenz für Terrorakte wie die Ermordung Père Hamels am Altar seiner Kirche bei Rouen mitverantwortlich zu machen. Bei dessen Beisetzung wurde einer Überwindung des Hasses das Wort geredet – auch französische Muslime nahmen daran teil: Dies ist ein Zeichen dafür, dass Brücken in der Gesellschaft und zwischen den Religionen wichtiger sind denn je.

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