ro ro

Themen-Optionen Ansicht

16/2018 - High am Berg
  #1  
Ungelesen , 01:21
High am Berg

Doping ist beim Höhenbergsteigen gang und gäbe, aber auch ohne künstliche Aufputschmittel schafft die Droge Berg den mitunter tödlichen „Sog von oben“.

| Von Wolfgang Machreich


Ein Paar schwerer, abgewetzter Lederbergschuhe stand am 3. Juli 1953 um sieben Uhr abends mit Sicherheit auf dem Gipfel des Nanga Parbat. Ob der damit nur mehr völlig erschöpft hinaufkriechende Erstbesteiger Hermann Buhl ebenfalls auf dem 8125 Meter hohen Bergriesen anwesend war, ist da weniger gewiss. In seinen Erinnerungen schreibt Buhl: „Ich erinnere mich des Pervitins. Ich weiß von seiner Wirkung, aber auch von der Reaktion, und führe einen wahren Kampf mit mir selbst. Der Körper verlangt sehnlich danach, der Geist aber verbietet es.“ Pervitin ist ein Metamphetamin, das die Deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zur Dämpfung des Angstgefühls und zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit vor allem an Kampfpiloten verabreichte. Das „Fliegersalz“ wurde auch in die Rucksäcke der deutsch-österreichischen Nanga Parbat-Expedition gepackt. „Zögernd stecke ich zwei Tabletten in den Mund“, heißt es in Buhls Tourenbericht, „ich warte auf die Wirkung. Sie bleibt aus, ich spüre nichts. Oder hat es doch geholfen, wäre ich sonst vielleicht hier liegengeblieben?“ Buhl schleppt sich weiter. „Der Körper kann schon lange nicht mehr. Wie in einer Selbsthypnose bewege ich mich vorwärts“. Buhl schafft es auf den Gipfel, wird zum Sport-Helden, zum Alpin-Star, zum Sportler des Jahres … Erst mehr als 50 Jahre später traut sich der deutsche Künstler Harry Walter am Buhl-Mythos zu kratzen und im Rahmen einer Ausstellung im Innsbrucker Alpenvereinsmuseum Buhls Bergschuhe als die eigentlichen Erstbesteiger in eine Vitrine zu stellen. Buhls Rezeptionsvermögen sei durch die Aufputschmittel so weit beeinträchtigt gewesen, „dass streng genommen nur seine Schuhe den Gipfel betreten haben“.

Weitere Sichten


So streng wird es aber auf den Bergen nicht genommen, so eng wird es auf den Bergen nicht gesehen. Berge sind keine Sportstätten, keine Turngeräte, sondern Erlebnisräume. Ehrlichkeit und Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber gelten nach wie vor mehr als Schiedsrichter und Kontrolleure. Mit Doping-Regeln wie in den Wettkampfsportarten müsste auch einem Großteil der 8000er-Besteiger der Gipfelsieg wieder aberkannt werden. Denn der von der überwiegenden Zahl der Höhenbergsteiger genützte Flaschen-Sauerstoff lässt einen über 8000 Meter hohen Berg zu einem hohen 6000er schrumpfen, ist demnach (streng genommen) als Doping einzustufen.
Aber am Berg gelten (noch) andere Regeln: „Wir lassen uns die Freiheit in den Bergen nicht wegnehmen“, kommentierte Oswald Oelz, anerkannter Höhenmediziner und Expeditionsarzt vieler legendärer Himalaja-Expeditionen, das Thema. Und wird dabei von seinem Freund und vielfachen Begleiter auf den höchsten Bergen der Welt, Reinhold Messner, unterstützt, der das Höhenbergsteigen eine „anarchische Angelegenheit“ und die Achttausender „eine Anarchozone“ nennt. Für den Bergpapst ist „offensichtlich, dass beim Bergsport auf Teufel komm raus gedopt wird“.
Der Doping-Teufel ist im Alpinismus aber ein kaum thematisiertes Tabu. Was verwundert, denn ansonsten wird der alpine Ehrenkodex sehr hoch gehalten. Wenn es um die Verwendung von Flaschensauerstoff oder das Einklinken in Fixseilen geht, oder wenn Kletterer penibel darauf achten, dass sie „frei“ klettern, also Seil, Haken, Keile, Schlingen allein zur Absicherung, nicht aber zum Hinaufhangeln über eine Wand nützen, dann werden die höchsten Standards angelegt.

Das große Schweigen

Da wird genau gefragt und detailliert Auskunft gegeben, ob „by fair means“ oder „by any means“, sprich unter fairen Umständen oder mit allen Mitteln der Gipfel erreicht, die Wand durchklettert wurde. Doch bei Medikamenten zur Leistungssteigerung herrscht in der Szene großes Schweigen.
Wobei es durchaus offizielle Vorgaben für diesen Bereich gäbe. Die „Tirol-Deklaration zur Best Practice im Bergsport“ aus dem Jahr 2002 legt fest, dass „guter Stil in den Weltbergen“ den Verzicht auf leistungssteigernde Drogen bedeutet und Medikamente nur für den Notfall in die Rucksackapotheke gehören. Der Weltverband der Bergsteiger und Kletterer (UIAA) hat den „Gebrauch und Missbrauch von Medikamenten beim Bergsteigen“ auf seine Agenda gesetzt, Berichte dazu verfasst. Dabei geht es dem Bergsteiger-Weltverband mit seinem Medikamentenbericht nicht um Kriminalisierung, sondern um Sensibilisierung für das Thema und Aufklärung über die gefährlichen Nebenwirkungen der Wirkstoffe. „Die UIAA ist keine Drogenpolizei. Wer es unbedingt will, soll es halt einwerfen, aber dann auch fair genug sein, dies nach einer erfolgreichen Besteigung anzugeben. Es würde dann nicht nur die Unterscheidung mit/ohne Zusatzsauerstoff geben, sondern als weitere Kategorie mit/ohne Medikamente“, plädiert der deutsche Sportmediziner und Mitautor des UIAA-Berichts, Thomas Küpper, für Transparenz und Fairness im Bergsport. Auch er ist überzeugt, dass Doping beim Bergsteigen „gang und gäbe“ ist. Und das nicht nur auf den höchsten Bergen der Welt. Der Sportmediziner verweist auf eigene Untersuchungen, wonach am nicht einmal 6000 Meter hohen Kilimandscharo sage und schreibe 80 Prozent der Bergsteiger zu Diamox oder Dexamethason greifen. Diamox hilft, die Symptome eines Hirnödems bei auftretender Höhenkrankheit zu mildern. Dexamethason ist ein entzündungshemmendes Cortisonpräparat. „Levanta muertos“ nennt es die spanischsprachige Bergwelt, weil es Tote aufzurichten imstande sein soll.

Ein chemisches Rettungsseil

Deswegen wurde „Dex“ als chemisches Rettungsseil für Höhenbergsteiger mit sich anbahnendem Lungenödem entwickelt. Da es Atemnot, Schwindel und Übelkeit lindert und gleichzeitig aufputscht, verwenden es aber viele Bergsteiger nicht nur im Notfall, sondern schon zur Erleichterung des Aufstiegs. Der mehrmalige Everest-Besteiger Peter Athans gab im amerikanischen „Outside“-Magazin zu, Dex eingenommen zu haben: „Kein Kopfweh zu bekommen, wenn du sonst schlimme Schmerzen gehabt hast – das fühlt sich gut an.“ Und „das Zeug putscht dich auf. Du fühlst dich, als hättest du dir einen Schuss gesetzt.“ Im UIAA-Bericht kommt auch die amerikanische Ärztin Luanne Freer zu Wort, die im Everest-Basislager die höchstgelegene Krankenstation der Welt gegründet hat. Sie warnt: „Wer Dex schon beim Aufstieg nimmt, der kappt im Prinzip sein Rettungsseil.“ Höhenmediziner Oelz will sich von solchen Argumenten die Freiheit in der 8000er-Anarchozone nicht nehmen lassen: „Jeder soll sich so umbringen können, wie er will.“
Reinhold Messner, der auf den höchsten Bergen der Welt nie Zusatzsauerstoff und nach eigenen Angaben nur Aspirin geschluckt hat, zitiert in Interviews und Büchern gern Gottfried Benn, der das Bergsteigen „ein am Tod provoziertes Leben“ nannte. Messner zieht daraus den Schluss: „Wenn die Todesmöglichkeit nicht gegeben wäre, wäre es nicht so intensiv, was wir da oben machen.“ Letztlich gehe es beim Bergsteigen um Seins-Sucht, das Gefühl, intensiv zu leben. Der daraus resultierende Wunsch, diesen Zustand immer wieder zu erleben, kann zu einem „Sog von oben“ führen. Auf die Frage des deutschen Magazins „Bergsteiger“, ob diese Oben-Welt süchtig machen kann, antwortete der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck: „Ja, da muss man schon aufpassen … Das Gefährliche ist, dass man das immer wieder erleben will. Und um das wieder zu erleben, dazu braucht es eine Steigerung. Sie müssen die Dosis erhöhen … Genau, wie bei einer Droge. Irgendwann reicht es einfach nicht mehr, man will mehr. Und mehr, und mehr. Und das endet – wie bei einer Droge – tödlich. Da muss man rechtzeitig den Absprung schaffen.“
Am 30. April 2017 verunglückte Ueli Steck im Alter von 40 Jahren bei einer Trainingstour am Mount Everest tödlich.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  16:21:25 07.18.2005