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23/2017 - Die Welt wird schwarz
  #1  
Ungelesen , 08:21
Die Welt wird schwarz

In Afrika entstand in der Kolonialzeit ein ökonomischer Rassismus, sagt der Philosoph Achille Mbembe.
Heute prägt dieser Rassismus die Welt.


| Von Oliver Tanzer

Afrika ist ein Vorurteil. Sobald man den Namen nennt, entwickelt sich aus dem Gesagten jedenfalls eine Behauptung und diese Behauptung hat immer einen Teil einer Lüge und/oder einer Projektion in sich: Die einen reden vom Hunger, von Kriegen und Vertreibungen, und sie sehen einen Opferkontinent, unfähig, sich selbst zu regieren, sich zu erholen, ständig auf Hilfe angewiesen. Ein Fünftel der Landmasse des Planeten und darauf ein Sechstel der Bevölkerung der Welt – am Tropf der anderen fünf Sechstel. Die anderen bejubeln die Fortschritte bei der Bekämpfung von Armut und Hunger, die Hoffnung so vieler junger Afrikaner in ihren Staaten, sich in der Welt zu etablieren und Wohlstand zu erreichen. Das ist die Phantasie vom erwachenden Kontinent, der zu ökonomischer Macht findet.
Und was wäre Afrika tatsächlich? Die Frage stellt sich jetzt, da die Afrikanische Union 15 Jahre alt wird (siehe Seite 4). Aber es gelingt nicht. So wie Europas Union, über 50 Jahre alt, über seine vorgeblich seelenlosen Institutionen definiert wird, scheint Afrikas Union nur über seine politische Dysfunktionalität definiert zu werden. Afrika ist dort, wo kaum etwas funktioniert, und wenn doch, dann durch Zufall oder Schiebung.
Wem kann man also trauen? Den Kunstfiguren kolonialer Prägung: Daktari, dem weißen Arzt mit seiner blonden Assistentin. Ganz Afrika liegt ihnen zu Füßen, die Löwen wie auch die Affen. Die Schwarzen sind beinah zahm und gelehrig wie Clarence und Cheetah. Zur Abrundung gibt es noch Blood Diamonds, Iris Berben, George Clooney, Henning Mankell. Also Klischees über Afrika in Serie. Die Wahrnehmung des Kontinents verhält sich ähnlich wie ein negativer Abzug des Höhlengleichnisses von Platon. Statt der Schatten der hehren Begriffe werden zu Afrika ausschließlich die Schatten urmenschlicher Primitivität wahrgenommen. Afrika, was brauchst du noch?
Etwas Geschichtsphilosophie für den „geschichtslosen Kontinent“ (Hegel) vielleicht. Achille Mbembe, ein Philosoph aus dem Kamerun gibt dazu Anstoß. Mbembe formuliert, wo das eigentliche Problem liegt mit Afrika und seinen vielen Zerrbildern. Es handelt sich um Rassismus. Nicht nur historischer Rassismus ist gemeint. Nein, es geht vielmehr um aktuellen, ökonomischen Rassismus: Ein kolonialer Rassismus, der so wie die liberalen Ökonomie im 18. Jahrhundert seine Geburtsstunde erlebte, der sich aber nun auf die ganze Welt ausgebreitet hat. Das Konzept heißt simpel: Die Erzeugung „des Negers“. Und weit genug gedacht sind „Der Neger“ und „Afrika“ nichts anderes als wir selbst und unser eigenes zivilisatorisches Befinden unter dem von uns erdachten System.

Ökonomische Mechanismen

Die Grausamkeit der Kämpfe gegen die afrikanischen Stämme, die Auslöschung ganzer Völker, die Unterjochung und Entmenschlichung der Besiegten in den Kautschukplantagen, die Aufteilung ihres Besitzes und die Fragmentierung des Kontinents, die Deportation und die Sklavenwirtschaft auf den Plantagen in den Vereinigten Staaten. All das sieht Mbembe als ein sich entwickelndes Geschwür des Rassismus unter einem ökonomischen Paradigma: Der Afrikaner war die erste „Human-Ressource“ der Geschichte, er war der erste der auf statistische Leistungsdaten, Input und Output reduziert wurde, die erste Mensch-Maschine nach den Sklaven der Antike, die beständig kontrolliert und mit Gewalt gefügig gemacht werden musste. Diese Maschine löste immer auch Misstrauen und Angst bei ihren Besitzern aus und den Zwang zur unbedingten Kontrolle.
Man muss sich die Plantage als einen industriellen Komplex unter Regentschaft der Paranoia vorstellen. Angst auf allen Seiten. Der moderne neokapitalistisch computerisierte Staat, so Mbembe, gehorcht den gleichen Mechanismen. Er muss wie der Plantagenbesitzer der Südstaaten alles kontrollieren und Kontrollverlust ist seine größte Angst. Deshalb wird der Sicherheit, die eigentlich eine Sicherheit des Kapitals ist, alle anderen gesellschaftlichen Interessen untergeordnet.
Wie auf den Plantagen sind die Besitzenden beständig von Angst Besitz, Leib und Wohlergehen durch die Arbeitsmaschine getrieben. Der Angst der Beschäftigten vor den Maschinen der Digitalisierung ist längst zur bestimmenden Kraft in der Debatte um den Fortschritt geworden. Es ist die Angst, nicht mehr gebraucht zu werden und den Tod der Nutzlosigkeit zu sterben. Diese Angst ist ein Bestandteil dessen, was Mbembe als die „Universalisierung der Condition Nigra“ bezeichnet.
Gleichzeitig wiederholt sich diese ökonomische Versklavung heute durch Unterwerfung des modernen Menschen unter die Mechanismen der wirtschaftlichen Machtdoktrin. Es handelt sich dabei um die Kodierung des sozialen Lebens in Zahlen und abstrakten Operationen, die Schaffung von rechtsfreien Räumen im Namen eines international operierenden Kapitals, die Eroberung von Lebensraum und die schleichende Entrechtung der produktiven Mittelklasse („Landgrabbing“ übersetzt in die Dienstleistungsgesellschaft). Die Welt wird, wie damals im Kolonialismus mittels einer Unternehmenslogik rationalisiert.

Der historische Bumerang

Diese Logik macht zwar reich, aber wie ein Bumerang schlägt die Grausamkeit und die Taktik der Eroberer auf sie selbst zurück. Der Schriftsteller und Politaktivist Aimé Césaire schreibt in diesem Zusammenhang von einer „Vergiftung“ der Kolonisatoren durch das Unrecht in den Kolonien. Die Feldzüge des kolonialen Herrenmenschen europäischer Nation, eine Generation vor der Epoche der großen Kriege hat tatsächlich etwas von Selbstvergiftung. Nach einer kurzen Inkubationszeit kam das koloniale Gewaltsyndrom in den Weltkriegen und im Holocaust in Europa noch einmal voll zum Ausbruch: Territoriale, rassistische und kriegerische Exzesse mit Genozid und militärischer Expansion, Unterwerfung und Abwertung des Fremden zur unrettbaren Rasse. Die Geschichte Afrikas wiederholte sich und sie wiederholt sich noch immer – in neuen Feldern der ökonomischen Unterwerfung. Der Urtrieb des Kapitalismus, so Mbembe, sei die „Aufhebung des Unterschieds zwischen Mittel und Zweck“: Das Geld ist dieser Mittelzweck, es bestimmt alles und lässt auch alles zu. So wie es heute in Afrika einen enormen Reichtumsabfluss zulässt, der jedem investierten Euro einen Reichtumsabfluss von zehn Euro gegenüberstellt. So, wie auf der anderen, globalen Seite, die Schere von Arm und Reich auseinandergeht und der Reichtum selbst einem zunehmend anonymen Kapital zugeordnet wird.
Letztlich leben wir heute in Afrika und in Europa in der gleichen Hoffnung, der der Politologe Frantz Fanon in „Die Verdammten dieser Erde“ Ausdruck verliehen hat. Es müsse, so Fanon, zu einer afrikanischen Selbsterfindung unter einer neuen Ordnung kommen. Der Afrikaner müsse wieder Menschen unter anderen Menschen sein. Nicht historisch befreit, sondern ökonomisch. Und damit menschlich in jedem Sinn.

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  20:50:50 05.15.2005