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37/2015 - Ausnahme und Normalität (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 09:54
Ausnahme und Normalität

Die jüngsten Ereignisse in der Flüchtlingskrise haben starke Emotionen freigesetzt. Jenseits aktueller Betroffenheit sollten dennoch ein paar Fragen gestellt werden.

| Von Rudolf Mitlöhner


In dem Punkt musste man dem grünen EU-Abgeordneten Michel Reimon uneingeschränkt zustimmen: Angesichts der Aussage von Bundeskanzler Werner Faymann, nach dem Flüchtlingsausnahmewochenende werde man nun schrittweise zur „Normalität“ zurückkehren, könne man sich „nur an den Kopf greifen“, so Reimon in der ORF-Sendung Im Zentrum. In der Tat: Wie hat sich der Herr Bundeskanzler das denn vorgestellt? Das Ganze wäre demnach eine große Inszenierung gewesen, good vibrations, Bilder vom weltoffenen Wien bzw. Österreich, die um die Welt gehen – danke, das war’s. Fast ist man geneigt, Hofmannsthal („Rosenkavalier“) zu zitieren: „eine Farce und weiter nichts“ …
Nein, die von Werner Faymann verzweifelt erhoffte „Normalität“ kann und wird es natürlich nicht geben. Im nicht ganz unwichtigen EU-Land Deutschland beispielsweise, dessen Kanzlerin zunächst ähnlich wie Faymann getönt hatte, gilt nun die Parole „Wir schaffen das!“. Zurecht fragt sich freilich FAZ-Herausgeber Berthold Kohler, „woher die Koalition ihre Zuversicht nimmt“. Denn die Herausforderungen sind gewaltig – allein die deutschen Zahlen der für dieses Jahr zu erwartenden Migranten werden laufend nach oben korrigiert, die zuletzt genannten 800.000 gelten mittlerweile auch schon wieder als obsolet.

Falsche Rechnungen

Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärte unterdessen, er halte die Aufnahme von 500.000 Flüchtlingen in Deutschland pro Jahr über einige Jahre hinweg für verkraftbar. Wenn man für „einige Jahre“ beispielsweise vier einsetzt, so wären das zwei Millionen. Das ist für ein 80-Millionen-Einwohnerland nun tatsächlich eine halbwegs überschaubare Größenordnung. Was Gabriel freilich nicht sieht oder sehen will, ist, dass diese Rechnung nicht stimmt: Wer solche Signale aussendet, bekommt schon im ersten Jahr mehr als die 500.000 und in den Folgejahren jeweils nocheinmal deutlich mehr. Und weder Herr Gabriel noch Frau Merkel – und schon gar nicht Herr Faymann – wird dann nach „einigen Jahren“ die Rückkehr zur „Normalität“ verordnen können.
Vielleicht täte es also doch not, über den vielen zweifellos tragischen Einzelschicksalen das große Ganze, die längerfristige Perspektive nicht aus dem Blick zu verlieren. Das immerhin wäre ja ureigenste Aufgabe von Politik.

Mangelndes Selbstbewusstsein

Es ist nicht falsch – und es ist, nebenbei bemerkt, auch nicht unchristlich – sich über die mit der massenhaften Zuwanderung zwangsläufig verbundenen religiös-kulturellen Veränderungen und daraus folgenden drohenden sozialen Verwerfungen Gedanken zu machen. Es ist nicht falsch und auch nicht unchristlich, vor einem Import des radikalen Islamismus zu warnen, wie das dieser Tage der Prager Erzbischof Dominik Duka getan hat. Und man darf ihm wohl auch beipflichten, wenn er sagt, dass „das Recht auf Leben und Sicherheit unserer Familien und der Bürger dieses Landes über allen anderen Rechten“ stehe.
Dazu kommt, dass Europa für die Herausforderung schlecht gerüstet scheint. Integration gelinge dort, so schrieb kürzlich die Welt, „wo Gesellschaften mit starker eigener Identität Anpassungsleistungen vor allem von den Neuankömmlingen verlangen“. Letzteres wird bei uns meist unter dem Titel „Assimilationszwang“ diskreditiert. Und dass es mit ersterem nicht weit her ist, wird nicht zuletzt am Subtext gerade der Asyldebatte deutlich: Die jetzige Krise sei gewissermaßen die Folge der historischen Schuld, die Europa auf sich geladen habe. Soviel zum europäischen Selbstbewusstsein. Zu fragen wäre indes, ob es nicht „besorgniserregend“ ist, „dass die christliche Kultur Europas kaum noch in der Lage ist, Europa in der eigenen christlichen Wertordnung zu halten“. Das Zitat stammt von einem gewissen Viktor Orbán, aber das tut nichts zur Sache.

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