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21/2009 - Abendland und Ebensee (Rudolf Mitlöhner)
  #1  
Ungelesen , 14:12
I Abendland und Ebensee

Es gibt wieder einmal jede Menge Stoff für Österreich-Denker: Warum spielen die „Lausbuben“ bei uns rechte „Streiche“? Und warum können diese „Lausbuben“ hierzulande, wenn sie groß sind, sogar erfolgreiche Politiker werden?

Von Rudolf Mitlöhner

Das Land ist wieder einmal dort, wo es viele im In- und Ausland ohnedies am liebsten strukturell verorten: im rechten Eck. Die Mischung aus bewährt unsäglichen FP-Wahlkampfslogans und einer jugendlichen Störaktion bei einer KZ-Gedenkfeier, die Heinz-Christian Strache natürlich flott in seine Kampagne einbaut, dazu noch die Aufregung um mögliche antisemitische Äußerungen von Wiener Gymnasiasten im Rahmen eines Ausch*witz-Besuchs – das ist der Stoff, aus dem große Österreich-Feuilletons gewoben werden. „Was ist nur los mit diesem Land?“, wird da stets von ausländischen Beobachtern gefragt, oder von jenen, die sich selbst nicht zu „diesem Land“ zählen, sondern zum „anderen Österreich“ – einem besseren, lichtvolleren, moralisch irgendwie überlegenen – stilisieren.

Ritualisierte Empörung

Nein, man soll diese Dinge alle nicht verharmlosen – aber mit der ritualisierten Empörung wird man ihnen auch nicht beikommen; eher ist es so, dass man damit das üble Spiel in Bewegung hält. Natürlich kann man fragen, wieso gerade in Österreich rechtspopulistische bis extrem rechte Parteien an der 30-Prozent-Grenze entlangschrammen, also auf ein Potenzial von etwa einem Drittel der Wähler kommen. Aber die Antwort auf diese Frage kann nicht erst bei 1938 ansetzen und auch nicht bei 1934 oder 1918 – jede Zäsur erklärt sich aus Vorherigem, und irgendwann ist man bei der Gegenreformation oder gleich bei Rudolf von Habsburg gegen Ottokar Pˇremysl angelangt … Geschichte erklärt in diesem Sinn nichts – oder nur das, was jemand aus ihr herausdestillieren möchte.
Jedenfalls wird, so lange es keine nennenswerte rechtsliberale Kraft oder aber ein Mehrheitswahlrecht gibt, die FPÖ ein politischer Faktor in diesem Lande bleiben. Und so wie Alfred Gusenbauer Strache aus seinen „Jugendsünden keinen Strick drehen“ mochte, so wird Strache auch weiterhin tatsächliche oder vermeintliche Neo*nazis bloß als „Lausbuben an den Ohren ziehen“ wollen.
Warum aber verhalten sich diese „Lausbuben“ so? Warum gehen ihre „Streiche“, aber auch generell Tabubrüche und Protest bei uns tendenziell nach rechts, nicht nach links? Das hat zum einen mit einer tief greifenden Identitätskrise der Linken zu tun. Die Vernünftigen von ihnen – Roten wie Grünen – sind längst in der Mitte, also im „System“ angekommen, der Rest gefällt sich in Klassenkampfrhetorik von gestern, wenn nicht gar einer Art Ostblock-Nostalgie wie die „Linke“ in Deutschland. Daran glauben Jugendliche offenbar noch weniger als der Schnitt der Bevölkerung. Zum anderen aber gilt, dass – zumal in den „Täterländern“ Österreich und Deutschland – der rechte Tabubruch zweifellos ungleich größer ist. Darüber hinaus ist der Holocaust auch global gesehen das vielleicht letzte umfassende Tabu, wie etwa die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen gezeigt haben: Jene zielten nicht auf Mose oder die Tora, sondern auf die Shoah …

„Antifaschistische Haltung“

Dem entkommt man auch durch die nun wieder geforderte intensivierte Aufklärung und Bildung nicht: Gerade wenn die Schüler – zu Recht – von der Singularität des NS-Terrors in seiner Verbindung von Massenmord, Rassenwahn und „totalem Krieg“ hören, wissen sie, dass singuläre Aufmerksamkeit bekommt, wer da wider den Stachel löckt.
Dieses und andere Dilemmata gälte es zur Kenntnis zu nehmen, zusätzlich bräuchten wir mehr an unaufgeregten aber klaren Worten wie etwa jene des Grazer Bischofs Egon Kapellari, der darauf hinwies, dass „Europa als sogenanntes ‚Abendland‘ sich nicht in Christenhand befindet oder je befinden könnte“.
Was uns indes nicht weiterhilft, ist die notorische Gesinnungs- und Erregungsprosa: Wenn die Roten Falken sich nun ob der Tatsache, dass einer der Ebenseer Tatverdächtigen aus ihrer Organisation kommt, entsetzt zeigen und treuherzig auf ihre „antifaschistische Haltung“ verweisen, so ahnt man, dass noch viele einschlägige Debatten in Österreich nach dem immer gleichen Muster ablaufen werden.
  #2  
Ungelesen , 16:44
Johann Wutzlhofer Johann Wutzlhofer ist gerade online
 
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Der lange Atem der Geschichte

Von einigen Politikerinnen (auch die Frau Bildungsministerin hat sich hier eingebracht) und Politikern – vom Bundeskanzler abwärts – wurde im Zusammenhang mit den Vorfällen in Ebensee und im Rahmen einer Exkursion in das Konzentrationslager Auschwitz wieder einmal auf mehr Aufklärung in den Schulen verwiesen. Dies bedeutet einerseits, dass diese Politikerinnen und Politiker nicht wissen, wieviel an den Schulen in Österreich in diese Richtung – vor allem in den vergangenen beiden Jahrzehnten – gearbeitet wurde. Andererseits scheinen diese Politikerinnen und Politiker um die von Rudolf Mitlöhner richtigerweise angeführte Janusköpfigkeit bei dieser Problematik, nämlich den Zusammenhang zwischen Pubertät und Attraktivität von Tabubrüchen in diesem Lebensalter auf diesem gesellschaftspolitisch besonders sensiblen Gebiet, nicht wirklich Bescheid zu wissen oder diese Umstände ganz einfach auszublenden. Lehrerinnen und Lehrer, die sich mit der Thematik tatsächlich identifizierten und auch erkannten, wie sehr diese Probleme durch populistisch agierende (z. T. rechtsextreme) Politiker mindestens seit 1986 verschärft wurden, haben auch reagiert. Es wurde sowohl vom Ministerium als auch von den Landeschulräten einiges an Weiterbildung angeboten, Zeitzeugen wurden zur Verfügung gestellt. Lehrerinnen und Lehrer, welche die notwendige Sensibilität nicht haben oder sich eher „heraushalten wollen“, wird man nicht zwingen können hier Schwerpunkte zu setzen. Die Abgrenzung zwischen Territorialängsten, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Nationalsozialismus etc. ist auch keine wirklich leichte Aufgabe. Diese abgemischte „braune Brühe“ wird aber dem z. T. mit Bier „sensibilisierten“ Publikum bei FPÖ-Veranstaltungen serviert (erinnert an den Münchner Bürgerbräukeller anno 1923 ff.) – eine Ähnlichkeit mit der Präparierung der Klientel durch entsprechendes Liedgut oder gar Drogen bei Sekten ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Zu dieser „braunen Brühe“ werden von Strache & Co. natürlich auch Fakten gemischt, wie die Konkurrenz am Arbeitsplatz und der Lohndruck, der besonders im vergangenen Jahrzehnt nur für jene Menschen nicht wahrnehmbar war, die diesem Druck selbst nicht ausgesetzt waren und sich nicht die Mühe gemacht haben, auf die Probleme anderer Menschen zu schauen. Grünpolitiker/innen scheinen hier eine besondere Art von Taubheit zu haben und einen ebenfalls nicht ganz ungefährlichen Tugendterrorismus leben zu wollen. Ein Blick auf die Veränderungen der Grünen in Deutschland durch deren Regierungsbeteiligung wäre hier lehrreich gewesen.
Was allerdings den Straches unseres Landes ebenfalls stets sehr viel an Rückenwind gibt, sind die terriergleichen Politreflexe, auf die Generationen von SPÖ- und ÖVP-Funktionäre gegeneinander trainiert sind. Eine verräterische Bemerkung hat dazu der Wiener Bürgermeister Häupl von sich gegeben, nämlich dass nun die FPÖ „der wirkliche politische Gegner“ sei. Wer dies vorher war, ist wohl klar. Die „mieselsüchtigen Koffer“ in Richtung des „Das-darf-nicht-sein-Kanzlers“ Schüssel sind aufmerksamen Beobachtern noch in Erinnerung. Bundeskanzler Faymann und Vizekanzler Pröll haben mit ihrem neuen Stil bereits reagiert, also gelernt, und bekommen nun dafür von Medien-Yuppies das Etikett „Kuschelbären“ aufgedrückt, da dieser Art von Journalismus der relativ einfach vermarktbare personenzentrierte Koalitionsstreit natürlich fehlt, während inhaltliche Konflikte nun einmal mehr Sachkundigkeit erfordern und darüber hinaus schwerer vermittelbar sind.
Nun, auf Knopfdruck kann eine umfassende Stiländerung einerseits aus den genannten Gründen nicht funktionieren, andererseits haben wir – wenn überhaupt – zum Geschichtsabschnitt Zwischenkriegszeit und Nationalsozialismus vielfach sehr unterschiedliche Geschichtsbilder. Das Geschichtsbild vieler SPÖ-Funktionäre beispielsweise ist sehr auf die Jahre 1933/34 fokussiert, Dollfuss ist hier als „Arbeitermörder“ in die Köpfe eingebrannt. Dies gilt nicht bloß für Zeitzeugen, sondern auch für Konsumenten des Schulunterrichts sowie der Vorlesungen und Seminare an den Akademien und Universitäten, wo in den 50er- und 60er-Jahren die Zeit der Ersten Republik vernachlässigt wurde, allerdings dann in den 70er-Jahren und danach vielfach der Schwerpunkt auf 1933/34 gelegt wurde. Schuld am Versagen der Ersten Republik, dessen Folge der Anschluss an Nazi-Deutschland war, waren aus Sicht vieler SPÖ-Funktionäre ausschließlich die Christlich-Sozialen, die Österreich mit einem Verfassungsbruch in die Diktatur und den Austrofaschismus geführt hatten. Auch beim legendären Kanzler Kreisky, der den Status eines Säulenheiligen der Sozialdemokratie genießt, war dieses Geschichtsbild im Umgang mit der ÖVP gut wahrnehmbar. Das Verhalten Kreiskys im Zusammenhang mit der Affäre Peter-Wiesenthal war infam und Stimmenfang bei „alten Kameraden“, die auf dem „Kriegespfad“ gelernt hatten, „felsenfeste und treue Freundschaften“ zu schließen, aus welchen in den 50er- und 60er-Jahren Karriereseilschaften geknüpft wurden. Wer sich manchen Namen aus der ersten Regierung Kreisky genauer angesehen hatte, der hatte auch im Jahr 1986 einen differenzierten Blick in der Affäre Waldheim und einen eben solchen im Jahr 2000 bei der Regierungsbildung zwischen Schüssel und Haider.
Differenzierung wäre also ganz besonders gefragt bei der sensiblen Problematik, die Nationalsozialismus und Faschismus tangiert, und die im Gedächtnis von uns Österreicherinnen und Österreichern – entsprechend unserer Sozialisierung sowohl als Zeitzeugen als auch als Angehörige der Nachkriegsgeneration – sehr unterschiedliche Spuren gezogen hat. Ein typischer Vertreter jener Menschen, die guten Willens sind und auch eine besondere Fähigkeit zur Differenzierung haben, ist Norbert Leser. Leser ist ein unverdächtiger Zeuge – und er hat der SPÖ schon vor Jahren geraten, das Geschichtsbild, das in der Partei über die Erste Republik vorherrscht, zu überprüfen. Dies würde – jedenfalls aus meiner Sicht – bedeuten, in den Fokus das unbestritten größere Unheil zu nehmen.
Johann Wutzlhofer
Forchtenstein
Kaufm. Lehrling, HAK für Berufstätige in Linz
Lehramt für BS, Betriebswirtschaftlicher Unterricht und Politische Bildung

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