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33/2016 - Kaffeesud richtig lesen (Oliver Tanzer)
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Ungelesen , 09:25
Kaffeesud richtig lesen

Im Sommer des Terrors und der Wertediskussion gehen Debatten verschütt, die wir uns leisten sollten, um uns die Zukunft leisten zu können. Ein wirtschaftliches Beispiel.

| Von Oliver Tanzer


Die Krise, in der die europäische Gesellschaft steckt, scheint erdrückend: Mit der Last der Vergangenheit drängt uns die Wirtschaftskrise von 2008 von einer finanziellen Notlage in die nächste. Aus der Zukunft droht der Klimawandel, der sich zu einem Ereignis auswachsen könnte, das selbst mit dem Wort „Schock“ (Copyright: Gernot Wagner) untertrieben beschrieben erscheint. Und im Jetzt wirkt der Druck der Migration aus den durch Krieg und Armut benachteiligten Regionen der Welt. An diesen Reibflächen entstehen brennende Wunden unserer Weltsicht, unseres ökonomisch geprägten Systems und unserer Ethik.
Viele von uns hoffen nun auf ein Wunder, das uns einen neuen technologischen und politischen Schub bringen und alle Verletzungen heilen möge. Das Europäische Forum Alpbach sucht ab kommender Woche gar nach einer „neuen Aufklärung“. Aber jenseits der Überschriften bleibt wenig an Substanz. Am Ende dieses von Terror und
Wertedebatten aufgeheizten Sommers sollte man neben dem Lob der Hoffnung auch eine Bilanz des Gegebenen versuchen. Vielleicht öffnet sich hier ein Weg von kleinen Erleuchtungen im Sinne des englischen „Enlightenment“. Wie wäre es beispielsweise, wenn man ein sehr altes Prinzip der Ökonomie diskutieren würde, das von Aristoteles herrührt: Wie man über Gerechtigkeit eine stabile, offene und produktive Gesellschaft herstellt.

Das Kaffeehaus und sein Gewinn

Klingt abgehoben. Deshalb dazu ein Beispiel aus dem echten Leben, das Reinhard Göweil in der Wiener Zeitung ausgeleuchtet hat: Starbucks. Diese Kaffeehauskette verfügt über 24.000 Filialen weltweit. Und sie beschäftigt gewiss mehrere Zehntausend Menschen in ihren Coffeeshops und Zubringerbetrieben. Das ist schön und gut. In Österreich macht Starbucks 17,2 Millionen Euro Umsatz. Bei so einer Bilanz rechnet der erfahrene Steuerzahler gewiss mit einer Umsatzsteuer von etwa drei Millionen Euro. Hingegen zahlte Starbucks 2014 exakt 814 Euro an Steuern. Das ist zwar legal, hat aber nichts mit Ausgewogenheit zu tun, für die der Staat zu sorgen hätte. Denn das Gemeinwesen verliert an Einkommen, das es dringend bräuchte. Geld, um Unternehmen zu fördern, die Arbeit schaffen. Geld, um Förderungen für Betriebe zu ermöglichen, die sich mit dem Umstieg auf klimaneutrale Produktionsweisen schwer tun. Geld, um Maßnahmen zu finanzieren, die eine intensive Integration von Flüchtlingen in Gesellschaft und Arbeitsmarkt ermöglichen.

Unter dem Scheffel des Vorurteils

Wir sprechen hier nicht nur von Starbucks-Millionen, sondern von Milliarden, die von Konzernen am Fiskus vorbeigeschleust werden. Den europäischen Staaten entgehen insgesamt bis zu 70 Milliarden Euro an Steuergeld jährlich. Das Gute daran: Man bräuchte nur eine EU-Regelung, um die steuerliche Ausgewogenheit wieder herzustellen. Leider hat unter anderen auch Österreichs Regierung dieses Regelwerk blockiert. Warum sie das getan hat, ist leider Gegenstand keiner Debatte. Auch nicht der Milliardenschaden, die Wettbewerbsnachteile und die Budgetausfälle, den die Nichtregelung verursacht.
Das ist unser Problem: Wir fragen nicht mehr nach dem Preis dessen, was wir nicht tun. Statt dessen feiern wir eine tägliche Andacht medial inszenierter Aufwiegelung. Und das ausgerechnet in Belangen, die uns die höchsten Werte nehmen – das Gefühl der Sicherheit und des Zusammenhalts: das Volk gegen die Asylwerber, die Arbeitenden gegen die Lohndumper, die Christen gegen die Muslime. Und die gesuchte Erleuchtung? Unter dem Scheffel des Vorurteils wird sie wohl nicht stattfinden. Sie ergäbe sich aber aus kleinen Schritten gesellschaftlicher Ermöglichung. Dass es höchste Zeit wäre, dieses Mögliche zu tun, ist eine Untertreibung. Und das in einer Zeit, in der die Übertreibung so großes Ansehen hat.

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