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38/2007 - Dialog mit dem Islam (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:37
Über die Feuerprobe für das europäische Lebensmodell.
Von Rudolf Mitlöhner

Eine Woche nach dem Papst-Besuch nun die Islam-Debatte. Was immer genau zur Verhaftung der drei „Drohvideo“-Verdächtigen just zu diesem Zeitpunkt geführt hat – man kann im Ablauf der Ereignisse durchaus eine innere Logik erkennen. Das im Rahmen seiner Österreich-Visite unmissverständlich formulierte Plädoyer des Papstes für mehr europäisches Selbstbewusstsein und eine Rückbesinnung des „alten Kontinents“ auf sein jüdisch-christliches Erbe muss ja im Kontext jenes europäischen Identitätsdiskurses gesehen werden, innerhalb dessen auch die Frage der Rolle des Islams in Europa verhandelt wird. Was bzw. wer wollen wir sein, wie wollen wir leben? Um nichts weniger als um Antworten auf diese Fragen geht es. Das macht das Ringen so erbittert, das verleiht der Debatte ihre Brisanz, die auch jene fühlen, die sich daran nicht aktiv beteiligen wollen oder können. Zunächst gilt es, die eigenen Wertvorstellungen offensiv in den Diskurs einzubringen. Die präventive Verwischung des eigenen Standpunkts bis zur Unkenntlichkeit dient niemandem. Nicht ganz zufällig hat ausgerechnet eine Muslimin die Christen daran erinnert, „dass man als Christ schon selber etwas für die christliche Identität tun muss“ – so Carla Amina Baghajati, Pressereferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), in einem Presse-Gastkommentar. Zu Recht verweist sie dabei auf Papst Benedikt, der ja seine Botschaft gerade nicht ex negativo, also in Abgrenzung zu anderen Religionen, Weltanschauungen oder geistig-kulturellen Strömungen, präsentiert, sondern ihr – positiv – Strahlkraft verleihen will. Und Baghajati geht gewiss nicht fehl, wenn sie die „Verunsicherung über eine steigende Zahl von ihre Religion praktizierenden Muslimen“ mit der „Identitätssuche oder gar dem Identitätsverlust“ der Christen in Zusammenhang setzt. Eine solche Diagnose könnte Christen durchaus beschämen.

Von der Auseinandersetzung mit dem Islam selbst kann all dies freilich nicht dispensieren: Hier liegt die zentrale Herausforderung, hier hat das europäische Lebensmodell, allgemeiner noch: die westliche Wertegemeinschaft ihre Feuerprobe zu bestehen. Gewiss, es geht um einen Dialog – aber um einen, der diesen Namen verdient: ein Dialog, der die Antworten schon bereithält, bevor die Fragen noch richtig verstanden wurden, der sich in eine diffuse Synthese flüchtet, weil er die Antithese aus intellektueller Bequemlichkeit oder falsch verstandener Toleranz nicht aushält, ist keiner. Völlig absurd ist es auch, zu meinen, man könne diese „Wertediskussion“ durch eine „Integrationsdebatte“ ersetzen, wie Alexandra Föderl-Schmid im Standard vorschlägt: Worüber sollte denn in einer solchen Integrationsdebatte geredet werden, wenn nicht über „Werte“: über das Verständnis von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, über die Frage der Trennung von Religion und Gesellschaft bzw. Politik, über Familien- und Geschlechterbilder und Ähnliches.
Und man wird irgendwann auch zum Kern vordringen müssen: Inwieweit ist der Islam selbst – nicht nur seine terroristischen Ausläufer und deren Vorfeld – kompatibel mit westlichen Werten? Anders gefragt: Wo gibt es im Islam Ansätze, die eigene Schrift und Tradition kritisch zu hinterfragen, dem grellen Licht der Aufklärung auszusetzen? Kann sich der Islam, wenn er sich ernst nimmt, „nur“ als Religion verstehen, oder ist er im Kern eine Staatsform bzw. ein Gesellschaftsmodell?
All diesen Fragen weichen jene aus, die auf Kritik am Islam mit reziproker Kritik am Christentum kontern. Der Unterschied dürfte darin liegen, dass dem Christentum selbst ein religions- und autoritätskritisches, aufklärerisches Potenzial innewohnt. Deswegen löst heute – zugegeben nach langer, blutiger Geschichte – auch der reaktionärste katholische Eiferer nur noch Kopfschütteln aus; deswegen kann man auch den bodenständig-traditionellen Kirchgänger, der nach der Predigt mit einem lauten „Vagöltsgott“ aus seinem Schlummer erwacht, milde betrachten, ohne dass man sich um den gesellschaftlichen Grundkonsens sorgen müsste.

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