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07/2017 - Wahrheit? Zu Diensten!
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Ungelesen 15.02.2017, 07:30
Wahrheit? Zu Diensten!

Stets wurden die Horte der Gelehrsamkeit von Kapital und Ideologie in Anspruch genommen.
Hüten wir uns vor dem Mythos Wissenschaft!


| Von Peter Strasser

Unter dem Gesichtspunkt der Aufklärung wurde die Wissenschaft als die große Zerstörerin des Mythos in Stellung gebracht. „Afterglaube und Fetischdienst“, so Immanuel Kant, würden erst aufhören, ihre verdummende, tyrannische Macht zu entfalten, sobald der Mensch gelernt habe, sich seines Verstandes selbständig zu bedienen. Heute, da das Programm der Aufklärung weithin Realität wurde, steht die westliche Rationalität im Verdacht, neuen Mythen Vorschub zu leisten.
Unter den „Querdenkern“ aller Couleurs kursiert vielerlei Kurioses und Esoterisches, teilweise auch Hyperaggressives, etikettiert als die „wahre Erkenntnis“ oder „absolute Wahrheit“. Es war gewiss ein Irrtum zu glauben, die Wissenschaft schütze die Wahrheit davor, in den Dienst wahrheitsfremder Interessen zu treten. Und dass die wissenschaftliche Wertfreiheit vor jeder Instrumentalisierung und dem Abdriften ins Ideologische verlässlich schütze – darin zeigte sich eine Gesinnung, die über alles Menschlich-allzu-Menschliche erhaben schien.
„Eine empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren, was er soll, sondern nur, was er kann und – unter Umständen – was er will.“ Das sind die berühmten Worte Max Webers aus seiner Abhandlung „Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ (1904). Zu Webers Zeit war die Kathederwissenschaft von Obrigkeit und Klerus wohlgelitten, wenn sie genehme Werthaltungen und Dogmen durch scheinrationale Argumente unterstützte. Dies sollte uns zur Vorsicht mahnen, sobald Experten ihre Dienste zur Lösung der großen Menschheitsprobleme offerieren. Beispiele von großer Tragweite sind Klimawandel und Umweltschutz. Es geht um die Rettung der Gletscher, der Regenwälder, die Erhaltung der maritimen Lebensräume, bis hin zum Kampf gegen die globale Erderwärmung. Ökologische Denkanstrengungen gilt es gewiss zu fördern. Zugleich wäre es naiv, wissenschaftsgläubig anzunehmen, dass derlei „Projekte“ stets ergebnisoffen sind.
Meist stehen hinter den angeblich harten Fakten, ausgedrückt in präzisen Zahlen, die unterschiedlichsten Interessen, unterstützt von Machtzirkeln, welche die Suche nach Wahrheit am wenigsten interessiert. Man wird uns beispielsweise erklären, dass wir megatonnenweise Sonnenkollektoren zwecks Erzeugung umweltfreundlicher Energie oder länderweise Rapsfelder zur „grünen“ Treibstoffrevolution benötigen. Oder man wird uns einbläuen, dass wir bei der schlimmsten Weltwirtschaftsdepression enden, wenn wir den Verbrauch nicht erneuerbarer Rohstoffe in den nächsten fünfzig Jahren drosseln. Kurz, das gewünschte Ergebnis ist jeweils jenes, das den Profit anlagepotenter Gruppen am wirksamsten optimiert.

Der brutale „Blick“ auf die Anderen

Erinnern wir uns: Der britische Ökonom Thomas Robert Malthus stellte, basierend auf ihm vorliegenden Daten, 1798 eine mathematische Formel auf, der zufolge jede Anhebung der Nahrungsmenge fürs darbende Volk eine Erhöhung der Geburtenrate „in
geometrischer Progression“ nach sich zöge. Ergo: Wohlstand für alle ist unmöglich. Und Malthus vertrat, quasi als Politikberater, die Ansicht, dass Erdenbürgern, die in eine Umgebung akuter Nahrungsmittelnot hineingeboren würden, auch „nicht das mindeste Recht“ auf Nahrung zustünde – was dem Sozialzynismus der amerikanischen Tea-Party verdächtig ähnelt.
Die Brutalität des wissenschaftlichen „Blicks“ auf die Anderen, die nicht der eigenen Klasse oder Rasse angehören, zieht sich wie ein roter Faden durch die „wertfreien“ Wissenschaften. Eine der Galionsfiguren der ökologischen Bewegung, Konrad Lorenz, „Vater der Graugänse“, war Zeit seines Lebens ein Eugeniker. Als ehemals überzeugter Nationalsozialist hielt er nicht nur die Vermischung biologisch „hochstehender“ Völker mit „Dekadenten“ und „Primitiven“ für zivilisationsschädigend. Er befand auch, dass der massendemokratische Staat zur Domestikation des Menschen führe – Lorenz sprach grobianisch von „Verhausschweinung“ –, wodurch der Untergang des Abendlandes unausweichlich werde (ein Untergang, den Oswald Spengler, wortreich und universalgelehrt, bereits nach dem ersten Weltkrieg beschworen hatte).
Nahezu gleichzeitig forderten, seit den 1970er-Jahren, die „Libertarians“ an den Eliteuniversitäten die Befreiung der Märkte von sozialstaatlicher Gängelung. Dies,
so die These, sei unter dem Vorzeichen des gerechten Wohlstandseffekts geboten. So rückte, zumindest unterschwellig, das Darwin’sche „Überleben des Stärksten“ wieder in den ökonomischen Mittelpunkt. Im britischen Thatcherismus – benannt nach der „Iron Lady“ –, stützte sich dann eine explosive Mischung aus Nationalismus und Schrumpfstaatsideologie auf angeblich wissenschaftliche Befunde. Dabei wurden, bei rapide wachsender Arbeitslosigkeit und weltweiter Bankenkrise, akkurat die Superreichen immer reicher, wozu der Tea-Party jenseits des Atlantiks einfiel: „Born free, taxed to death!“
Im Moment erlebt Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ (1996) eine brandgefährliche Aktualität. Seitdem immer mehr außereuropäische Länder in Krieg und Elend versinken, kämpft die EU mit einem Migrantenzustrom, der die Nationalisten, Rassisten, Anti-Islamisten und Rechtspopulisten auf den Plan ruft. Deshalb wird es auch für aufstrebende Wissenschaftszweige attraktiv, sich mit neuen Methoden altbekannten
Themen zuzuwenden. Hinter den demografischen Ängsten vor kostspieligem „Kinderreichtum“, der nicht der unsere ist, blitzt Malthus hervor, während die bereits totgesagte Rassenbiologie durch eine Palette neuer genetischer Expertisen abgelöst wird. Diese gelten nun leichtfertig als objektiv, indem sie die angeborenen Unterschiede im Fühlen und Verhalten unterschiedlicher Ethnien „wertfrei“ erforschen – angeblich nach standardisierter Methodik mittels unbestechlicher Analyseverfahren. Und wozu? Um zu demonstrieren, dass ein Zusammenleben, geschweige denn Zusammenwachsen, unterschiedlicher Kulturen nicht mehr als ein liberales Ammenmärchen sei.

Spielraum für Diktatoren?

Zurück zu Webers Postulat: Besinnen wir uns auf unser eigenes Wollen, darauf, was uns, den moralischen Subjekten und Staatsbürgern, als das Gesollte einleuchtet! Nicht die Wissenschaft kann darüber entscheiden, ob wir eine demokratische, sozialstaatliche Gesellschaft des schwierigen Miteinanders oder eine nationalistische Kommunität mit dem üblichen Spielraum für Diktatoren und ihre Clans wollen. Um das herauszufinden, sollten wir auf unser eigenes wohlinformiertes Urteil vertrauen. Dann erst wäre der von Kant geforderte „Ausgang“ aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit eine erfolgreiche Strategie gegen unsere eingefleischte Neigung, die Wahrheit anzubeten, wo diese bloß der niederen Selbstsucht zuarbeitet.
Von Wissenschaftsstürmerei kann dabei keine Rede sein. Denn bei aller Methodenstrenge und Bemühung um Objektivität sind die Fakultäten der Gelehrsamkeit, gleich ob Geistes- oder Naturwissenschaften, stets auch den Lobbys, dem Kapital und der Ideologie zu Diensten gewesen. Sobald die Wahrheit zur „Magd der Wissenschaft“ wird, entsteht ein neuer Mythos: der Mythos Wissenschaft.


| Der Autor ist Univ.-Prof. für Rechtsphilosophie an der Universität Graz |

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