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07/2017 - Hartnäckige Mythen der Ernährung
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Alt 15.02.2017, 07:33
Hartnäckige Mythen der Ernährung

Rund um unser Essen und Trinken blühen Vorstellungen, die einer wissenschaftlichen Prüfung
nicht mehr standhalten. Ein Fakten-Check.


| Von Sonja Bettel


Nach dem Motto, was man nicht verbergen kann, soll man betonen, tragen manche Männer mit großem Bauch gerne T-Shirts, auf denen zu lesen ist: „Bier formte diesen wunderbaren Körper“. Jeder versteht diesen Witz sofort, denn schließlich weiß ja jeder, dass Bier dick macht. Aber die gute oder schlechte Nachricht ist: So genau weiß man das nicht. Den Mythos vom Bierbauch hat das Team von medizin-transparent.at für das Buch „100 Ernährungsmythen“ (Konsument Verlag, 2016) unter die Lupe genommen und widerlegt – zumindest teilweise. Denn wissenschaftliche Belege für das dickmachende Bier sind vorhanden, aber „unzureichend“. Manche Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Alkoholkonsum zu einer Gewichtszunahme führt, in anderen zeigt sich kein oder sogar ein gegenteiliger Effekt.
Ein halber Liter Bier hat einen Brennwert von 200 bis 250 Kilokalorien (kcal), also etwa ein Zehntel des Energie-Tagesbedarfs eines durchschnittlichen Erwachsenen. Der Alkohol allein hat schon 140 Kilokalorien (kcal). Entscheidend ist aber vermutlich, dass es flüssige Kalorien sind, die nicht sättigen, sondern womöglich noch den Appetit erhöhen. Offenbar gilt das aber auch nicht für alle Biertrinker, denn in manchen Studien wurde festgestellt, dass Biertrinker über die Jahre sogar Gewicht verloren hatten. Das Fazit der Buch-Autoren: „Alkohol macht wohl nicht automatisch dick.“

Emotionale, rituelle, religiöse Dimensionen

Rund um das Essen und Trinken gibt es zahlreiche Mythen, und das vermutlich schon seit Hunderten von Jahren. Essen und Trinken sind lebensnotwendig, emotional, rituell und religiös bestimmt und von Moden und Werbung gelenkt. Immer wieder tauchen rund um das Essen deshalb Regeln und Behauptungen auf, die einer näheren Überprüfung nicht standhalten. Generationen von Kindern wurden gezwungen, Spinat zu essen, weil er angeblich so viel Eisen enthalte. Später stellte man fest, dass es sich dabei um eine Fehlinterpretation einer Analyse oder einen Kommafehler handelte, denn der Eisengehalt war um ein Zehnfaches geringer als angenommen. Heute weiß das wahrscheinlich jedes Kind, das keinen Spinat mag. Doch viele Ernährungsmythen halten sich hartnäckig. Zum Beispiel, dass der Verzehr von Eiern das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen erhöht, weil Eier viel Cholesterin enthalten. Die Beweislage dafür ist jedoch niedrig, schreiben die Autoren von „100 Ernährungs-Mythen“: „Gesättigte (tierische) Fette und Transfette aus der Nahrung wirken sich deutlich negativer auf den Blut-Cholesterinspiegel sowie auf das Herz-Kreislaufrisiko aus.“ Für gesunde Menschen scheine der Verzehr von nicht mehr als einem Ei pro Tag keinen Einfluss auf das Herz-Kreislaufrisiko zu haben, anders sei das jedoch bei Diabetikern: „Studien deuten darauf hin, dass bei dieser Personengruppe sehr wohl ein Zusammenhang zwischen Eierverzehr und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bestehen scheint.“
Das Beispiel der Eier zeigt, dass das Team von medizin-transparent.at seine Aufgabe sehr ernst genommen und die Ernährungs-Mythen nach allen Regeln der evidenzbasierten Medizin durchgecheckt hat. medizin-transparent.at ist ein Projekt von Cochrane Österreich, einem Netz von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Gesundheitsfachleuten sowie Patientinnen und Patienten, das unter anderem eben die wissenschaftliche Relevanz von Studien überprüft.
Bei vielen der 100 bearbeiteten Gesundheits-Mythen gibt es keine oder nur sehr wenige Hinweise, dass die Behauptung jemals wissenschaftlich überprüft worden ist. So gibt es zum Beispiel keine Studie dazu, ob bestimmte Edelsteine im Wasserkrug eine gesundheitliche Wirkung haben. Es gebe auch keinen plausiblen Grund, eine Wirkung anzunehmen, schreiben die Autoren. Auch zur angeblichen Gesundheitsförderung von Chia-Samen, die seit einer Weile als „Superfood“ angepriesen und in allen möglichen Süßspeisen, Getränken oder Brot angeboten werden, gibt es nur unzureichende Beweise. Dazu seien die Studien von zu geringer Qualität und zu kurzer Dauer. Aufpassen sollten allerdings Menschen mit einer Allergie gegen Oregano, Thymian, Erdnüssen oder Sesam. Bei ihnen könnten die Chia-Samen eine Kreuzallergie auslösen.
Sehr hoch ist die Beweislage bei Multivitaminpräparaten oder Antioxidantien, die lebensverlängernd wirken sollen. Jeder zehnte Österreicher nimmt zumindest gelegentlich solche Präparate. Personen, die keinen Nährstoffmangel haben und gesund sind, nütze die Einnahme von Vitaminen aber nichts. Manche Vitamine sind sogar schädlich, wenn man sie überdosiert.

Trend zum selber Anbauen

Grüner Tee hingegen könnte möglicherweise die Wahrscheinlichkeit verringern, frühzeitig an Herz-Kreislauferkrankungen zu sterben. Zumindest zeigen Studien, dass „passionierte Grüntee-Trinker im Durchschnitt länger leben“, und dass sich grüner Tee oder Extrakte daraus möglicherweise günstig auf die Cholesterin- und Blutdruckwerte auswirken. Welche Substanzen das bewirken könnten und welche Mengen man zu sich nehmen müsste, sei jedoch unklar. Man sieht schon: Zu vereinfachenden Behauptungen haben sich die Mythen-Checker in keinem Fall hinreißen lassen. Bei manchen der angeführten Ernährungs-Mythen wundert man sich, auf welch seltsame Ideen Menschen kommen können. Bei anderen nimmt man sich selbst an der Nase, dass man das jahrelang kritiklos übernommen hat.
„Zur Ernährung gibt es heute eine Flut an fundierten Informationen“, sagt Sandra Holasek, Professorin am Institut für Pathophysiologie und Immunologie der Medizinischen Universität Graz und Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung, „es ist jedoch schwierig, diese Informationen unter die Leute zu bringen.“ Der direkte Bezug zu Lebensmitteln ist aber auch erschwert, weil 98 Prozent davon verarbeitet sind. Das reicht vom Waschen von Erdäpfeln oder Karotten und der Lagerung unter kontrollierten Bedingungen bis zu Halbfertigprodukten, sogenanntes „Convenience-Food“, die sogar in der Gastronomie verwendet werden. Vielleicht ist angesichts einer gewissen Entfremdung der Gegentrend des selber Anbauens, selber Erntens, selber Kochens und selber Einkochens entstanden.
Überhaupt scheint es nun ständig neue Ernährungstrends und -schulen zu geben: die Reduzierung der Kohlenhydrate (weil sie angeblich dick und krank machen), die Paläo-Ernährung (Essen wie in der Steinzeit), die Rohkost (angeblich gesünder, eventuell aber sogar nachteilig für die Gesundheit) und natürlich vegetarisches und veganes Essen.
Zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung ernähren sich bereits fleischlos, manche verzichten auch auf Fisch und manche auf jegliche tierische Produkte. Auf verarbeitete Fleischprodukte zu verzichten und statt dessen viel Obst und Gemüse zu essen, kann das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen oder von Krebs möglicherweise verringern, heißt es im Buch „100 Ernährungsmythen“. Ein längeres Leben haben sie deshalb aber nicht unbedingt zur Folge. Welche Rolle es spielt, dass Vegetarier meist schlanker sind, seltener rauchen oder Alkohol trinken und mehr Sport betreiben, ist auch noch nicht untersucht.

Personalisierte Ernährung am Horizont

Essen ist eben sehr komplex, wie zuletzt beim „Science Talk“ in Wien, einer Diskussionsveranstaltung des Wissenschaftsministeriums mit dem Titel „Nahrungsaufnahme – Ersatzreligion – Lifestyle“, festgestellt wurde. Sandra Holasek prognostizierte dort, dass man basierend auf der genetischen Ausstattung eines Menschen künftig hoch individuelle Ernährungsempfehlungen geben können werde. Haben Ernährungs-Mythen dann vielleicht keine Chance mehr?
Andererseits stellte der Theologe und Ernährungsethiker Michael Rosenberger von der Katholischen Privatuniversität Linz fest, dass Essen und Trinken „hochsoziale“ und „hochgeistige“ Vorgänge seien und es deshalb schwer sei, diese auf einer rein physiologischen Ebene zu erfassen. Doch warum scheinen Ernährungs-Mythen in Zeiten umfassender Verfügbarkeit von wissenschaftlich basierten Informationen eher mehr statt weniger zu werden? Handelt es sich vielleicht doch um Formen von Ersatzreligion? Rosenberger zitierte dazu eine viel beachtete Vegetarierstudie der Universität Jena (2007). Die Mehrzahl der befragten Vegetarier war jedenfalls konfessionslos.

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