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07/2017 - „Pseudowissenschaft hat leichtes Spiel“
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Ungelesen 15.02.2017, 07:39
„Pseudowissenschaft hat leichtes Spiel“

Die Entlarvung von Esoterik und irrationalem „Schmarrn“ sowie der unterschätzte Wert wissenschaftlicher Irrtümer zählen zu den Lieblingsthemen von Florian Freistetter. Ein Gespräch über Wissenschaft als Bollwerk gegen postfaktische Zumutungen.

| Das Gespräch führteMartin Tauss

Florian Freistetter ist Astronom, umtriebiger Science-Blogger und Wissenschaftsautor sowie seit 2015 auch Mitglied der Wissenschaftskabarett-Truppe „Science Busters“.

DIE FURCHE: Der neue US-Präsident leugnet den Klimawandel, in der Türkei werden nicht-systemkonforme Wissenschafter entlassen. Das globale Umfeld der Wissenschaft scheint ungünstiger zu werden. Teilen Sie diese Sorge?
Florian Freistetter: Klar! Die Wissenschaft ist schon lange ein internationales Projekt. Die großen Erkenntnisse in den Naturwissenschaften werden an Organisationen wie dem CERN oder der Europäischen Südsternwarte gewonnen, wo Staaten aus aller Welt kooperieren. Nationale Streitigkeiten spielen da keine Rolle. Wenn die Politik mitmischt, wird das zum Problem, etwa die von Donald Trump gewünschten Einreiseverbote in die USA. Wenn junge Forscher nicht mehr ihren Job antreten können, weil sie zufällig aus dem „falschen“ Land kommen, würde das den Fortschritt verhindern. Ebenso wenn von oberster Stelle verordnet wird, dass Studien über den Klimawandel politisch zu prüfen sind. In der Forschung muss man möglichst viele Wege gehen. Wenn Verbote ausgesprochen werden, kann das nur böse enden.
DIE FURCHE: Sie plädieren dafür, die Irrtümer der Wissenschaft genauso zu schätzen wie die großen Erfolgsgeschichten. Warum sind Umwege und Sackgassen wichtig für die Weiterentwicklung der Wissenschaft?
Freistetter: In der Schule wird Wissenschaft oft so präsentiert, als gäbe es keine Misserfolge. Die Realität sieht aber anders aus. Stets geht es darum, dass man etwas herausfindet, was man vorher nicht wusste. Zunächst kann man keinen geraden Weg von A nach B angeben, sondern man hat eine Hypothese, und die probiert man aus. Oft funktioniert es nicht, aber das ist eigentlich kein Fehlschlag. Zu wissen, dass etwas nicht so funktioniert, ist genauso wertvoll wie zu wissen, wie es funktioniert. Wenn man sieht, dass ein Naturphänomen so nicht erklärbar ist, hat man ja schon etwas ausgeschlossen. Max Planck hat sich um 1900 mit einem Objekt beschäftigt, das jede Strahlung komplett absorbiert. Er hat dabei die Quantenmechanik erfunden. Aber es hat 50 bis 60 Jahre gedauert, bis daraus die ersten Anwendungen entstanden sind. Heute basiert jeder Computer auf Plancks Entdeckung. Aber diesen Weg hätte niemand nur ansatzweise vorhersehen können.
DIE FURCHE: Brauchen wir hier also viel eher eine „Kultur des Scheiterns“ anstelle der Erfolgskultur?
Freistetter: Zumindest in der Wissenschaft müsste der Fehlschlag mehr wertgeschätzt werden. Und die Forschungsförderung sollte mehr auf Grundlagenforschung, weniger auf kommerzielle Anwendungen abzielen. Als James Maxwell im 19. Jahrhundert seine berühmten Gleichungen zur Beschreibung der elektromagnetischen Strahlung aufgestellt hat, konnte niemand ahnen, dass dies künftig für die Technik von Fernsehgeräten wichtig werden würde. Leider ist es ein Problem, wenn man Studien mit negativem Ergebnis publizieren will, denn die Fachjournale wollen auch nur die spektakulären Entdeckungen. Das führt dazu, dass die negativen Ergebnisse verschwinden. Niemand interessiert sich dafür. Das muss sich ändern, damit dieses verzerrt positive Bild der Wissenschaft zurechtgerückt wird.
DIE FURCHE: Wie kann es sein, dass in unserer scheinbar aufgeklärten Welt Esoterik, Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorien offenbar unverminderte Anziehungskraft versprühen?
Freistetter: Durch die neuen Technologien sind sie jedenfalls stärker sichtbar. Die Astrologie etwa ist früher gemeinsam mit der Astronomie durch die Weltgeschichte gegangen. Aus den Himmelsbeobachtungen hat man wissenschaftliche Schlüsse gezogen, aber auch mythologische, prophetische Deutungen. Wer im 17. Jahrhundert Astrologe sein wollte, musste Mathematik beherrschen, denn die Bewegungen der Himmelskörper sind kompliziert zu berechnen. Heute kauft man sich ein Astrologie-Buch, lädt sich ein Computerprogramm herunter und beginnt mit den astrologischen Prognosen. Unsere Welt ist so extrem von Wissenschaft und Technik geprägt, dass wir es gar nicht mehr merken – vielleicht ein Grund, warum Pseudowissenschaft heute leichtes Spiel hat. Bei der ersten industriellen Revolution war den Menschen wohl stärker bewusst, was die Wissenschaft für ihr Leben geleistet hat. Heute ist sie mit unserem Alltag fast schon unsichtbar verwoben. Es überrascht mich immer wieder, dass mir Personen über das Internet mitteilen, die ganze moderne Physik sei ein Unsinn – aber nicht kapieren, dass die Gültigkeit der Quantenmechanik ihnen erst erlaubt, ihren Computer überhaupt zu benutzen.
DIE FURCHE: Wie könnte man das Bild der Wissenschaft aufwerten?
Freistetter: Vorurteile über die Wissenschaft haben mit ihrer verzerrten Darstellung zu tun – eben dass sie als gerader Weg zwischen Idee und Erkenntnis gesehen wird. Viele Menschen sind dann verwirrt, wenn sich die wissenschaftliche Einschätzung zu einem Thema verändert. Dann denkt man vielleicht: „Die Forscher haben ja auch keine Ahnung, sie sagen alle paar Jahre etwas Anderes.“ Aber genau das ist der „normale“ Weg der Wissenschaft, der besser vermittelt werden müsste. Wissenschaft wird leider noch nicht als Teil unserer Kultur betrachtet. Was andere Menschen fühlen, wenn sie sich die Mona Lisa im Museum ansehen oder eine Symphonie von Beethoven hören, empfinden viele dann, wenn sie lernen, wie das Universum entstanden ist oder wie sich das Leben im Lauf der Evolution entwickelt hat. Die meisten wissen noch gar nicht, dass sie sich für Wissenschaft interessieren. Wenn sie das einmal herausgefunden hätten!
DIE FURCHE: Immerhin wurde an der Uni Graz 2016 die erste Professur für Wissenschaftskommunikation in Österreich geschaffen ...
Freistetter: Man hätte schon früher daran denken können, wie wichtig das ist. Wissenschaftsvermittlung ist generell unterbewertet. Wenn man sich als Forscher um Fördergelder bewirbt, zählt die Zahl der Fachartikel, die man publiziert hat. Ob man daneben auch gute Lehre und Öffentlichkeitsarbeit gemacht hat, schadet im besten Fall nicht. Oft aber schadet es indirekt, weil die Zeit, die dafür aufgewendet wurde, dann im wissenschaftlichen Wettbewerb fehlt.
DIE FURCHE: Was wünschen Sie sich als Forscher in diesen bewegten Zeiten?
Freistetter: Dass sich Wissenschaftler mehr politisch engagieren, und dass die Wissenschaft viel stärker in der Gesellschaft verankert wird. Dann gäbe es weniger Probleme mit Pseudowissenschaft und Postfaktischem. Ganz nach dem Ansporn der „Science Busters“, der von Marie von Ebner Eschenbach stammt: „Wer nichts weiß, muss alles glauben.“

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