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13/2018 - „… dann wird es nie wieder Auschwitz geben“
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Ungelesen , 01:39
„… dann wird es nie wieder Auschwitz geben“

Für den argentinischen Rabbiner und Papstfreund Abraham Skorka gibt es keine Alternative zum Dialog der Religionen. Mit Jorge Bergoglio/Papst Franziskus lebt er das seit langem vor.


| Das Gespräch führte Ralf Leonhard


Abraham Skorka ist ein argentinischer Rabbiner, Biophysiker und Autor. Er leitet das latein*amerikanische Rabbinerseminar und hält an Universitäten in Buenos Aires Vorlesungen über talmudisches Recht. Und er ist ein Freund von Papst Franziskus: Zusammen mit dem damaligen Erzbischof von Buenos Aires Jorge Mario Bergoglio, heute: Papst Franziskus, verfasste er das Buch „Sobre el Cielo y la Tierra – Über Himmel und Erde“, das eine Reihe interreligiöser Gespräche über verschiedene Themen wie Gott, Fundamentalismus, Atheisten, Tod, die Schoa, Homosexualität oder Kapitalismus beinhaltet. Die Dialoge fanden abwechselnd am Sitz des Bischofs und bei der jüdischen Gemeinde Benei Tikva statt. Die FURCHE traf Rabbi Skorka auf der Antisemitismus-Konferenz, die Ende Februar in Wien stattfand.

DIE FURCHE: Worum geht es in dem Buch „Über Himmel und Erde“?
Rabbi Abraham Skorka: Das Buch ist das Ergebnis eines jüdisch-christlichen Dialogs. Es dreht sich nicht über Dialoge, sondern besteht aus diesen. Darin analysieren wir Themen wie die Schoa, den Atheismus, die dunk*len Jahre der argentinischen Diktatur, den Nahostkonflikt ...
DIE FURCHE: Gibt es da mehr Übereinstimmungen oder Differenzen?
Skorka: Da unser Glaube und unsere Weltsicht auf der Hebräischen Bibel basieren, konnten wir einen Dialog entwickeln, bei dem wir – trotz kleiner Differenzen im Detail – in den meisten Themen übereinstimmen. Wir stimmen überein, dass es einen Dialog mit allen geben muss, mit Gläubigen wie auch Agnostikern und Atheisten. Niemand darf ausgeschlossen werden. Jene, die Gott nahe sind oder ihn suchen, und jene, die ihn aufgegeben haben, können und sollen eine gemeinsame Sprache finden, die für alle verständlich ist, denn es einen uns die Conditio humana und der Wille, eine bessere Welt zu schaffen.
DIE FURCHE: Gibt es auch im Nahostkonflikt eine gemeinsame Position?
Skorka: Wir stimmen überein, dass es eine Zweistaatenlösung geben muss, bei der beide Seiten in Frieden und Wohlstand leben können.
DIE FURCHE: Ist diese Annäherung erst unter diesem Papst möglich gewesen oder hat sich unter seinen Vorgängern schon etwas getan?
Skorka: Der Annäherungsprozess zwischen den Religionen geht auf die Erklärung Nostra Aetate des II. Vatikanums aus dem Jahr 1965 zurück. Dieser Papst hat den dort begonnenenWeg fortgesetzt und vertieft.
DIE FURCHE: Argentinien hat mit etwa 200.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde Lateinamerikas. Gleichzeitig haben nach dem Krieg viele Ex-Nazis dort Unterschlupf gefunden. Wie leben deutsche Juden und deutsche Nazis in Argentinien zusammen?
Skorka: Ein Zusammenleben hat es da nie gegeben. Die Juden lebten auf der einen Seite und die Nazis auf der anderen. Die Juden, die in den 1930er-Jahren aus Europa flohen, hatten ihre Organisationen. Darüber gibt es jede Menge demografische und soziologische Studien. Am Anfang sprachen die meisten kein Spanisch, daher organisierten sie ihre Gottesdienste auf Deutsch. Von den Nazis wissen wir nicht, wie viele es waren. Man kennt Namen wie Josef Mengele, Erich Priebke und natürlich Adolf Eichmann. Es gab auch kroatische Faschisten, die aktiv mit den Nazis kollaboriert hatten. Es gibt Studien darüber, welche Funktionäre unter Präsident Juan Perón die Einreise von Nazis ermöglichten.
DIE FURCHE: Die FPÖ will ja jetzt ihre eigene Historikerkommission einsetzen, die sich mit der dunklen Vergangenheit der Partei beschäftigen soll. Da gab es auch Verbindungen zu Kriegsverbrechern in Argentinien. Kann die jüdische Gemeinde da etwas beitragen?
Skorka: Es gibt da die Archive und natürlich Institutionen wie Yad Vashem in Israel, die viele Dokumente haben und immer wieder sehr seriöse Studien veröffentlichen. Wenn diese Partei die Geschichte wirklich aufarbeiten will, so ist das zu begrüßen. Wenn es aber darum gehen sollte, die Geschichte umzuschreiben, dann wäre das höchst problematisch.
DIE FURCHE: In Argentinien hat es mit Carlos Menem einen syrisch-stämmigen Präsidenten gegeben. In vielen Ländern Lateinamerikas gibt es in der Geschäftswelt Juden und Araber, die gut miteinander arbeiten. Gibt es da auch eine Art jüdisch-muslimischen Dialog?
Skorka: Jeder Hass ist irrational. Fast jeder. Wir sehen, dass Menschen, die im guten Dialog stehen, einander plötzlich von heute auf morgen hassen können. Ich bin Rabbiner einer Gemeinde deutscher Juden, die in den 1930er-Jahren geflohen sind. Sie erzählen, wie Freunde und Nachbarn, Schulkollegen plötzlich nicht mehr mit ihnen sprechen wollten. In Argentinien sind wir weit weg von Europa, wo so viele Konflikte ausgetragen wurden und die Schoa, die Inquisition, Pogrome und andere Gewaltakte stattfanden. In Argentinien waren sie zunächst alle fremd und kamen mit ihren jeweiligen Vorurteilen: Juden, Christen, Türken, Syrer waren vereint durch das Trauma der Flucht oder Vertreibung, der Entwurzelung. Sie litten gleichermaßen. Mit der Zeit haben sie nicht nur die jeweiligen Vorurteile abgelegt, sondern sich gegenseitig unterstützt. Wenn man den Anderen durch die menschliche Brille betrachtet, wird er zum Bruder und die Vorurteile werden abgebaut.
DIE FURCHE: Gibt es also einen jüdisch-muslimischen Dialog?
Skorka: Ja, er ist genauso entwickelt wie der jüdisch-christliche. Am weitesten entwickelt ist der Dialog mit der katholischen Kirche. Die Erklärung „Nostra Aetate“ war der entscheidende Impuls. Wenig hilfreich sind die Gegenkräfte in einigen muslimischen Ländern.
DIE FURCHE: Katholiken sehen mit Sorge, wie sich vor allem in Lateinamerika die fundamentalistischen Sekten und Pfingstkirchen verbreiten. Sehen Sie darin auch ein Problem?
Skorka: Alle fundamentalistischen Glaubensrichtungen, die sich einbilden, sie hätten die alleinseligmachende Wahrheit gepachtet, sind ein Problem. Es gibt auch Gewaltausbrüche, die zu irrwitziger Zerstörung führen. Als der Heilige Vater das KZ Auschwitz besuchte, bat er mich, ihn zu begleiten. In Birkenau haben mich polnische Journalisten über meine Beziehung zum Papst befragt und über die Bedeutung des interreligiösen Dialogs. Ich habe auf die Lagerbaracken gezeigt und gesagt, all das hätte nicht stattfinden können, wenn es damals einen interreligiösen Dialog gegeben hätte.
Ich verstehe unter Dialog nicht einfach eine soziale Zusammenkunft, sondern die totale Verpflichtung, wie Brüder zu leben. Ber*goglio mit seinen italienischen Wurzeln hat diese Bereitschaft, diese südländische Vehemenz. Wenn es diese Brüderlichkeit gibt, dann wird es nie wieder ein Auschwitz geben. Fundamentalismen werden aber immer existieren. Deswegen ist der Dialog so wichtig, um Kriege und Katastrophen zu vermeiden. Und wenn es Krieg und Verbrechen gibt,
dann bedarf es auch der Macht des Wortes.
DIE FURCHE: Wie ist das mit den orthodoxen Kirchen?
Skorka: Mit der griechisch-orthodoxen Kirche gab es in Argentinien schon vor Nostra Aetate einen sehr intensiven Dialog. In der Neuen Welt, wie man Lateinamerika zu nennen pflegte, gab es auch eine neue Vision. Gar nicht zu reden von der armenisch-apostolischen Kirche: Mit der gibt es ausgezeichnete Kontakte. Denn wir beide haben im 20. Jahrhundert einen Holocaust erlebt.
DIE FURCHE: In der katholischen Kirche wird viel über Reformen diskutiert. Sie kennen die Probleme der wiederverheirateten Geschiedenen und andere. Wie reformfreudig ist das Judentum?
Skorka: Da wird schon sehr lange diskutiert, seit dem 18. Jahrhundert. Das Leben ist dynamisch und auch die Religion muss dynamisch sein. Als Kardinal Bergoglio zum Papst gewählt wurde, kamen viele Journalisten zu mir wegen des Buches, das ich mit ihm geschrieben hatte. Da gibt es ein Kapitel über das Priestersein. Der Zölibat wurde im Laufe der Kirchengeschichte eingeführt, ist aber keine tiefe doktrinäre Norm. *Bergoglio hat gesagt, irgendwann in der Zukunft werde sie fallen. Er selbst habe zölibatär gelebt und werde das nicht mehr ändern. Aber man dürfe das nicht unter den Teppich kehren.
DIE FURCHE: Zurück zum Judentum: Können Sie sich vorstellen, dass die Beschneidung, die ja in Europa diskutiert wird, oder das Schweinefleischverbot fallen?
Skorka: Es gibt Gebote für die Ernährung und die Sexualität. Wir sollen unsere Instinkte im Zaume halten. Darum geht es, nicht um medizinische oder sanitäre Vorschriften. Weder an der Beschneidung, noch am Verbot des Schweinefleisches wird gerüttelt.
DIE FURCHE: Wie nützlich sind Veranstaltungen, wie die Antisemitismus-Konferenz in Wien?
Skorka: Sehr nützlich. Sie fördern den Dialog. Es kommen ja auch viele nichtjüdische Menschen, nicht nur Würdenträger, viele Österreicher, die mit Sorge vom Antisemitismus hören. Ich halte es auch für wichtig, dass diese Konferenz in Österreich stattfand. Denn dieses Land hat eine sehr lange Geschichte des Zusammenlebens mit Juden. Die Kultur in Wien um 1900 war ja vom jüdischen Geist geprägt: Freud, Wittgenstein, die meisten Schriftsteller. Gleichzeitig hat es hier auch immer Antisemitismus und Hass gegeben. Man müsste die Wurzeln dessen analysieren: Warum gab es soviel Hass?
DIE FURCHE: Wie sehen Sie den Antisemitismus heute in Österreich?
Skorka: Es gibt noch immer antisemitische Gruppen und Äußerungen. Kein wirklich großes Problem. Aber ich fürchte, es genügt ein Funke, damit die Lunte wieder brennt. Der Sprengstoff ist da.

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  21:34:46 07.19.2005