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19/2018 - „Ich muss sagen können: Das ist mein Leben“
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Ungelesen , 01:14
„Ich muss sagen können: Das ist mein Leben“

Die Philosophin Beate Rössler über persönliche Autonomie, Schicksal, Selbstbestimmung von Frauen und digitale Selbsttäuschungen.


| Das Gespräch führte Doris Helmberger

Leben heißt Entscheidungen treffen – häufig triviale, oft genug wegweisende. Was hier konkret Selbstbestimmung bedeutet, hat die an der Universität Amsterdam lehrende Philosophin Beate Rössler in ihrem neuen Buch „Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben“ hinterfragt. Ein Gespräch – von Kant bis zu Kopftuch und Datenschutz.

DIE FURCHE: Jeder nimmt heute für sich Autonomie in Anspruch, aber der Begriff ist reichlich diffus. Was bedeutet er philosophisch?
Beate Rössler: Immanuel Kant hat Autonomie noch moralisch verstanden – als Vermögen, sich selbst jene sittlichen Gesetze geben zu können, nach denen wir handeln. Aber heute verstehen wir sie persönlich, individuell. Eine Person ist dann autonom, wenn sie sich annähernd darüber im Klaren ist, was sie will – und wenn sie ungefähr so handeln kann, wie sie es will. Autonomie ist also ein sehr breiter, nicht sehr anspruchsvoller Begriff, der für viele Personen passt. Das ist deshalb so wichtig, weil unsere liberal-demokratischen Gesellschaften davon ausgehen, dass Personen eigene Entscheidungen treffen können. Autonomie ist also nicht nur ein Faktum, sondern auch eine Aufgabe.
DIE FURCHE: Wenn Sie sagen, dass Autonomie „für viele“ passt – für wen passt sie nicht? Diese Frage ist ja eminent, vor allem bei Beeinträchtigungen oder am Ende des Lebens.
Rössler: Wenn eine Person im Koma liegt, können wir ihr natürlich keine Autonomie zuschreiben. Aber Autonomie ist ein Schwellenbegriff: Ich muss zwar Gründe für Entscheidungen angeben können, aber das müssen keine besonders intelligenten sein. Kinder mit fünf Jahren können das noch nicht richtig, mit 15 aber schon sehr gut. Das derzeit angesetzte Alter von 18 Jahren ist also willkürlich. Außerdem gibt es auch assis-tierte Autonomie: Als Patient braucht man oft Personen, mit denen man darüber reden kann, was man eigentlich will. Und auch Menschen oberhalb dieser Schwelle können in verschiedenen Hinsichten ihres Lebens unterschiedlich selbstbestimmt sein: Wenn man etwa raucht, obwohl man eigentlich gar nicht rauchen will, macht einen das ja nicht im Ganzen zu einem nicht autonomen Menschen.
DIE FURCHE: Die Frage ist, wieviel Entscheidungsspielraum Menschen überhaupt haben – angesichts ihrer Herkunft oder des „Schicksals“. Sie zitieren in Ihrem Buch die 1999 verstorbene Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch: „Man schaut nicht einfach hin und wählt etwas, man steckt immer schon bis zum Hals in seinem Leben.“
Rössler: Wir nehmen häufig in uns diesen Widerspruch wahr. Einerseits glauben wir, selbst bestimmen zu können, aber wenn wir näher darüber nachdenken, wird es schwierig: Haben wir autonom unsere Herkunftsfamilie gewählt? Nein, aber trotzdem bestimmt sie unser Leben mit, auch die Kinder haben wir uns nicht ausgesucht. Wir stehen also in der Tat in sozialen Beziehungen, aber wir können uns auch gegen sie entscheiden, uns auch von unserer Familie lossagen. Wir sind ja nicht determiniert auf dieser Welt! Und wenn wir Glück haben, dann haben uns unsere Eltern auch gezeigt, was es heißt, ein selbstverantwortliches Leben zu führen.
DIE FURCHE: Das kann auch bedeuten, „falsch“ zu entscheiden. Wie in Murdochs Roman „A Word Child“ der Student Hilary Burde, der mit der Frau seines Lehrers eine Affäre beginnt, worauf diese bei einem Unfall stirbt. Jahre später trifft er den Lehrer mit neuer Frau, und alles wiederholt sich.
Rössler: Murdoch zeigt hier, wie sehr Menschen immer wieder in schicksalhafte Zusammenhänge verstrickt sind. Es geht aber auch um die mangelnde Selbsttransparenz dieses Hilary Burde, die ihn dazu bringt, sich wieder in die Frau seines Lehrers zu verlieben. Wem wir begegnen, ist Zufall, aber wie wir auf jemanden anspringen, nicht. Diese Grenzen zwischen Schicksal, sozialer Bestimmtheit und Selbstbestimmung will ich ausloten. Es ist faszinierend zu fragen: Was ist Schicksal und was nicht?
DIE FURCHE: Klar ist für Sie jedenfalls, dass Autonomie zu einem gelungenen Leben gehört. Aber macht sie auch glücklich?
Rössler: Automatisch glücklich macht sie sicher nicht. Uns machen Beziehungen glücklich oder Projekte, mit denen wir zufrieden sind. Aber beim gelungenen Leben haben wir beides – Glück und Selbstbestimmung. Erst kürzlich habe ich mit Studierenden über John Stuart Mill diskutiert, der unglaublich viel erreicht hat, wozu ihn sein Vater angeleitet hatte: Er hat viele Sprachen gesprochen und wichtige Beiträge zur Ökonomie verfasst. Dennoch hatte er subjektiv das Gefühl: Das ist nicht mein Leben! Wenn mir jemand ständig vorschreibt, was ich tun soll, gibt es Entfremdungserfahrungen. Ich muss mein Leben selbst bestimmt haben, um mich darin zuhause zu fühlen, ich muss sagen können: Das ist mein Leben!
DIE FURCHE: Frauen durften ihr Leben früher kaum bestimmen. Heute haben sie diese Option – von der Berufswahl bis zur Empfängnisverhütung. Sehen Sie hier noch Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Rössler: Die Autonomie von Frauen und Männern ist in den letzten 50 Jahren deutlich größer geworden, aber das heißt nicht, dass die Unterschiede völlig überwunden sind. Das zeigt sich beim Einkommen oder in der Zahl von Frauen in hohen Positionen. Die herrschenden Geschlechterstereotype führen dazu, dass Frauen und Männer sich jenen Regeln anpassen, die die patriarchale Gesellschaft aufrechterhalten. Wer bleibt daheim, wenn Kinder kommen? Die Frauen. Oder sie arbeiten drei Tage pro Woche.
DIE FURCHE: Vielleicht deshalb, weil es sie glücklicher macht?
Rössler: Kann sein. Und wenn es so ist und sich die Frau das gut überlegt und nicht nur damit angefangen hat, weil ihre Eltern und ihr Mann das wollten, dann ist das prima. Problematisch ist es, wenn diese autonome Entscheidung nicht wirklich in dem Sinn autonom gefällt wurde, dass die anderen Möglichkeiten ernsthaft erwogen werden konnten. Doch das ist bei vielen Frauen der Fall. Ich verwende hier den Begriff der „adaptierten Präferenz“: Die Bereitschaft, eigene Pläne anzupassen, ist bei Frauen deutlich größer als bei Männern.
DIE FURCHE: Die „Anpassungen“ muslimischer Frauen werden gerade besonders diskutiert. Viele können sich nur schwer vorstellen, wie man sich selbstbestimmt dafür entscheiden kann, sich zu verschleiern.
Rössler: Aber man kann nicht einer religiösen Gruppe global Autonomie ab- oder zusprechen, jedenfalls nicht mit der Idee der persönlichen Autonomie, die ich in meinem Buch entwickle. Natürlich kann man sagen, dass mit bestimmten religiösen Vorschriften Einschränkungen verbunden sind, und man muss auch kritisieren, dass Frauen sehr oft unterdrückt werden. Aber diesen angeblichen Feminismus in Deutschland und Österreich, der Frauen mit Kopftuch generell für nicht autonom hält, halte ich für absurd.
DIE FURCHE: Die Frage ist, wie sehr der Staat insgesamt in die Freiheiten seiner Staatsbürger eingreifen darf – vom derzeit in Österreich diskutierten „Kopftuchverbot“ in Volksschulen bis zum Rauchverbot.
Rössler: Ich würde das deutlich unterscheiden! Es kann gute Gründe geben, das Rauchen zu verbieten, schlicht weil es gesundheitsschädlich ist, aber ein Kopftuch zu tragen tut ja nicht weh! Ich halte ein Kopftuchverbot in Schulen deshalb auch für nicht begründbar. Wenn man wie in Frankreich die Idee eines völlig neutralen Staates vertritt, der überhaupt keine religiösen Symbole zulässt, dann könnte man das noch argumentieren, aber dann dürfte man auch nicht akzeptieren, dass Kinder Kreuze tragen. Entweder man zieht das ganz durch – oder man stellt es jedem frei.
DIE FURCHE: Kommen wir noch zu einer anderen Einschränkung persönlicher Autonomie – nämlich jener durch die digitale Vernetzung, Stichwort Facebook.
Rössler: Das ist tatsächlich ein Problem, deshalb tritt am 25. Mai auch die EU-Datenschutz-Grundverordnung in Kraft …
DIE FURCHE: …unter der gerade viele Unternehmen stöhnen …
Rössler: Mag sein. Aber die Verordnung geht zu Recht davon aus, dass wir mehr Kontrolle darüber erhalten müssen, was mit unseren Daten passiert. Firmen könnten nun natürlich geneigt sein, ihren Sitz in die USA zu verlegen. Aber den Unternehmen die Verantwortung aufzutragen, mit den Daten so umzugehen, wie die betroffenen Personen das wollen, ist absolut in meinem Sinn.
DIE FURCHE: Noch gehen viele aber sorglos mit ihren Daten um. Ein Beispiel ist das „Self-tracking“, bei dem vom Puls bis zum Schlafprotokoll alles gesammelt wird. Man könne damit den inneren Schweinehund überwinden und ein gesünderes, besseres, selbstbestimmteres Leben führen, heißt es.
Rössler: Ich halte das für eine Selbsttäuschung. Diese Selftracker haben die Vorstellung, abends nach einem Blick in die App sagen zu können: So bin ich! „Selbsterkenntnis durch Zahlen“ lautet das Motto. Natürlich kann das helfen, triviale Ziele schneller zu erreichen – etwa weniger Kalorien zu sich zu nehmen. Aber es hilft leider nicht dabei, sich darüber klar zu werden, wer man überhaupt ist und wie man leben will.

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  20:07:02 07.18.2005