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15/2018 - Ja, weil es eine Hetz(e) ist
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Ungelesen , 02:38
Ja, weil es eine Hetz(e) ist

Aktuelle Medienkritik ist nötig – von der „Voodoo“-Affäre, die in Wien zum Rücktritt einer Stadträtin geführt hat, bis zur nach 43 Jahren aufgewärmten Affäre Toni Sailer.


| Von Otto Friedrich


Man kann der nunmehr zurücktretenden Wiener Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger zweifelsohne einige Verantwortlichkeiten um die Ohren schmeißen oder ihr zumindest fehlende politische Fortüne konstatieren. Dennoch ist verständlich, dass die SPÖ-Politikerin auch wegen des medialen Umgangs – namentlich des Boulevards – mit ihr das Handtuch wirft. Insbesondere die Stilisierung zur „Voodoo“-Stadträtin, deren sich Krone, Heute & Co. befleißigten, sprengte alles Maß.
Dass bei einem Wiener Großspitalbau auch Gelder für esoterische Verfahren flossen, kann und soll kritisiert werden, auch die politische Verantwortung mag ein Thema sein. Aber dass Boulevardblätter, die – von Horoskopseiten angefangen – alles Mögliche befördern, was nicht auf evidenz-basierten Methoden beruht, hier arg scheinheilig agieren, ist offensichtlich. Obwohl: „Voodoo“ ist ja schon lautmalerisch ein Begriff, um aus einer sachlichen Kritik eine Hetz machen, wie es auf Wienerisch so schön heißt (und die von Hetze
gar nicht weit entfernt ist).
Dass gerade im tagtäglichen medialen Kampf um Aufmerksamkeit das Moment der Hetz(e) ein bedeutende Rolle spielt, ist natürlich seit langem ein Gegenstand der Medienkritik. Aber dass die Zeiten ruhiger werden, oder zumindest sich die Medien ruhiger gebärden und nicht jedes aufgeregte Geschnatter in ihren Echoräumen weiter potenzieren, ist dennoch nicht in Sicht.

Im Boulevard wie bei den Qualitätsmedien

Man darf aber nicht meinen, dass beschriebene Unzukömmlichkeiten des öffentlichen Diskurses bloß ein Problem des Boulevards sind. Auch der Qualitätsjournalismus im Lande ist davor nicht gefeit, zumal die Qualitätsmedien gleichfalls um Leser, Quoten, Clicks – wie immer die Branche das misst – rittern.
In der März-Ausgabe der Literaturzeitschrift Wespennest hat ein Beitrag von Bernhard Kraller diesbezüglich Entlarvendes zutage gefördert: Kraller nahm die Berichterstattung über die im Jänner aufgepoppte Affäre um die 2009 verstorbene Schi*legende Toni Sailer unter die Lupe. Elf Fachleute – darunter neun Journalisten in Österreich, Polen und Slowenien – haben nach Krallers Zählung wochenlang für den Standard, Dossier, und Ö1 recherchiert. Das Substrat der Recherche über den angeblichen sexuellen Missbrauch Sailers ging, so Kraller, über die Erkenntnisse der deutschen Illustrierten Stern, die das schon im Jahr 1975 berichtet hatte, nicht hinaus.

(Selbst-)Kontrolle und notwendige Langsamkeit

Eigentlich ein dürftiges Ergebnis, das aber eben in Zeiten von Aufmerksamkeitsmaximierung aufgepeppt werden musste. Etwa acht volle Seiten zählte Kraller allein im Standard über die Affäre, wobei er sich am Rande auch darüber mokiert, dass der Standard-Redakteur in seinem Beitrag gar behauptet hatte, die Nationalbibliothek würde Toni Sailer schützen, weil der Redakteur die angeforderten Ausgaben des Stern aus 1975 nicht allsogleich erhalten hatte …
Beide hier angeführten Beispiele von aktuellem Journalismus mögen im Einzelfall minder bedeutend sein, sie stehen aber pars pro toto für ein Grundproblem nicht nur der Medien selber, sondern auch von deren Rezipienten. Die Frage, wie und ob notwendige Auseinandersetzungen jenseits von Hetz und Hetze zu führen sind, ist drängend.
Dabei bleibt unbestritten, dass investigative Recherche in Zeiten wie diesen bitter notwendig ist. Die Vorfälle rund ums Bundesamt für Verfassungsschutz etwa erweisen sich da als jüngstes prominentes Beispiel, wofür Medien und Journalisten gut sind. Aber gerade das enthebt diese nicht von der Verpflichtung zur (Selbst-)Kontrolle und zur Langsamkeit, die gründlicher Journalismus auch verlangt. Letztere mag angesichts des Primats der Aufgeregtheit – also Hetz –, denen sich die Medien gegenüber sehen, als frommer Wunsch daherkommen. Es hilft aber nichts: Sie muss wieder und wieder eingemahnt werden.

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