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50/2010 - Schule als Großbaustelle (Claus Reitan)
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Ungelesen , 14:01
Schule als Großbaustelle

Internationale Vergleiche erhöhen den Reformdruck auf das heimische Schulwesen. Manche meinen, jetzt komme die Stunde der Gesamtschule. Wer das nicht meint, sollte sich zu Wort melden. Denn das Projekt ist auf Schiene.

Von Claus Reitan

Was sich als Schulreform ausgibt, ist in Wahrheit eine gesellschafts*politische Weichenstellung, auf die Österreich zusteuert: Gesamtschule oder nicht? Die Frage an der Weggabelung klingt etwas klein, in Wahrheit ist sie vor dem Hintergrund des Staats- und Selbstverständnisses unserer Gesellschaft zu entscheiden. Daran ist zu erinnern, weil die gegenwärtigen Umstände eine Art von Automatismus in Richtung Gesamtschule erkennen lassen, noch ehe darüber befunden wurde, ob dieser Kurs denn tatsächlich der beste und der von allen gewünschte ist.
Reformen an den Schulen sind jedenfalls die richtigen Reaktionen auf Analysen des Schulwesens und die Unzufriedenheit seiner Angehörigen. Die Lehrer beklagen ihre Überforderung, die Eltern den Mangel an ganztägigen Schulformen und an ausreichendem Schulerfolg. Die Bildungspolitik muss ein mäßiges Abschneiden der österreichischen Schülerinnen und Schüler bei internationalen Vergleichen erklären, wo es im Grunde wenig zu sagen und viel zu tun gäbe.

Überforderung des Systems Schule

Der Handlungs-, sprich Reformbedarf hat sich über Jahre aufgebaut und ist die Folge einer jeweils an Partikularinteressen orientierten Politik. Ein in seiner Ausdifferenzierung etwas ins Kraut geschossenes Schulwesen führt zu unüberschaubaren Gesetzen, einer nicht mehr anwendbaren Menge an Vorschriften, einer Anzahl Hunderter Schulversuche. Selbst Beamte beklagen Bürokratie, Politikern fehlt die Steuerbarkeit des Systems, Schulleiter verweisen auf ihre Ohnmacht. Jahrzehnte der Kritik an Ins*titutionen und an Leistung erschütterten die Selbstsicherheit des Systems Schule, das es heute jedem recht machen, niemanden überfordern und alle integrieren soll. Das kann nicht gelingen.
Die Umstände scheinen sich nicht zu bessern. Ganz im Gegenteil. Die Schulpolitik steckt in einer Blockade entgegengesetzt wirkender Kräfte. Daher hat sich eine Art zivilgesellschaftlicher Parallelaktion ergeben: Manche Medien und Persönlichkeiten wollen der Politik das Zepter entwinden. Sie versuchen, Takt und Kurs der Schul*reform zu bestimmen, gestützt von einem angeblich aus des Volkes Stimmen gebildeten Chor, den sie selbst dirigieren. Der Refrain lautet: Gesamtschule.
So einfach wird das nicht sein. Die Jugendlichen anderer Länder mögen bei internatio*nalen Vergleichen mehr Punkte erreichen als jene Österreichs, aber deswegen muss man nicht diese Länder und deren System unbesehen zum Vorbild nehmen. Schon gar nicht, wenn sich bei Lichte betrachtet zeigt, dass etwa das deutsche Bundesland Hessen und das skandinavische Musterland Schweden beginnen, manches an der Gesamt*schule kritisch zu betrachten. Die Notwendigkeit von Reformen in Österreich ist dennoch unbestritten. Der Verweis auf Fehlentwicklungen andernorts kann die hier gebotene Weiterentwicklung des Schulwesens nicht aushebeln. Was also tun?

Konkrete Projekte für ein klares Ziel

Unterrichtsministerin Claudia Schmied hat einige konkrete Reformen in der Ausbildung und im Dienstrecht der Lehrer mit Wissenschaftsministerin Beatrix Karl auf die Reihe gebracht. Sie arbeitet mit bemerkenswerter Beharrlichkeit an der Neuen Mittelschule. Diese löst keinesfalls alle Probleme, pflastert aber den Weg zur Reform. Schmied rea*lisiert Schritt für Schritt das hoch elaborierte Konzept „Bildungsreform für Österreich“. Das Unterrichtsministerium hat einen Fahrplan für legislative Vorhaben im Jahr 2011 und folgende. Schmied hat das klare Ziel Gesamtschule.
Wer das nicht oder etwas anderes will, wie etwa die Volkspartei und manche der Länder, sollte sich melden. Ansonsten könnten sich durch die Parallelaktion sowie Schmied und die Sozialdemokraten andere Mehrheiten ergeben. Der Reformdruck unter den Lehrern und im Schulwesen ist trotz unbestrittener Leistungen und auch ohne Blick auf internationale Vergleiche so hoch, dass die Zustimmung jenem zufallen könnte, der ein Konzept hat, diesen Druck zu mildern.

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  20:37:02 07.15.2005