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31/2014 - Von Krieg und Festspielen (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 10:59
Von Krieg und Festspielen

Der australisch-britische Historiker Christopher Clark hat die Salzburger Festspiele mit einer vordergründig beklemmenden, doch letztlich optimistischen Rede eröffnet.

Von Rudolf Mitlöhner

Es war eine ausgezeichnete Idee, den australischen, in Großbritannien lehrenden Historiker Christopher Clark als Eröffnungsredner der Salzburger Festspiele im Gedenkjahr 2014 einzuladen. Die angelsächsisch unaufgeregte, dennoch scharfsichtige Analyse geopolitischer Entwicklungen im großen historischen Bogen war bestechend. Wohltuend auch der Blick von außen auf die Europäische Union: Clark sieht darin „einen Akt transnationalen politischen Willens, der zu den größten Errungenschaften der Geschichte der Menschheit gehört“. Diese größere Perspektive ist wichtig, gerade angesichts des Klein-kleins in den Niederungen des EU-Alltags bis hin zum Poker um die Besetzung der Topjobs.
Die Gefahr ist freilich, dass das die beflissenen Berufs*europäer (oder berufsmäßigen Europabeflissenen) zu schnell in ihrem Sinne verstehen: als ein Statement zuguns*ten von jenem „mehr Europa“, welches mehr Zentralismus, Bürokratie und Reglementierung und weniger Freiheit, Vielfalt und Wettbewerb bedeutet. Aber das tut der Einsicht keinen Abbruch, dass die Entwicklung Europas nach 1945, alles in allem betrachtet, eine beispiellose Erfolgsstory, ein fast unglaubliches Wunder und Geschenk bedeutet.

Robustes europäisches Gefüge

Dass man sich das stets aufs Neue erarbeiten und verdienen muss, hat Clark (in einem ZIB 2-Interview) auch nicht verschwiegen, als er von einem „Reformstau“ in der EU sprach. Allerdings hat er, ganz gegen den notorischen Mainstream, vor einer Hysterie angesichts der Erfolge der europaskeptischen bis -feindlichen Rechts(außen)-Parteien (die, nebenbei bemerkt, der ORF gerne alle in einen Topf wirft) gewarnt: Man dürfe das „nicht überschätzen“, das „Gefüge“ bleibe „robust“. So viel Gelassenheit würde man sich auch für die innenpolitische Diskussion wünschen.
Kein Wunder, dass sich die üblichen Unverdächtigen an Clark abarbeiten. Das geht freilich weit über die Festspiel-Eröffnungsrede hinaus. Lehnt Clark doch die landläufige einseitige Beantwortung der Kriegsschuldfrage zulasten der Mittelmächte (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn) ebenso ab, wie die von den Linken hochgehaltene These vom „Deutschen Sonderweg“, welcher die Annahme einer Art antiliberalen und antidemokratischen Defekts der Deutschen zugrunde liegt.

„Der Muse heiliges Haus …“


So spulen Zeithistoriker wie Oliver Rathkolb oder Alfred Pfoser auch in diesen Tagen wieder die beliebte Nummer von Österreich als Land des Verdrängens und Vergessens ab und weisen darauf hin, dass Clarks Buch zum Ersten Weltkrieg, „Die Schlafwandler“, gerade in Österreich deshalb so gut ankomme, weil es diesen Tendenzen Vorschub leiste.
Wie gesagt, es war eine ausgezeichnete Idee, Clark einzuladen. Ob es zwischen seinen Ausführungen und den Festspielen auch einen inneren Zusammenhang gibt, darf man zumindest hinterfragen. Der Glaube an die friedens- und identitätsstiftende Funktion der Kultur, der nach dem Ersten Weltkrieg an der Wiege der Salzburger Festspiele stand, dürfte doch durch den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts nachhaltig erschüttert worden sein. Und einer heutigen schnelllebigen wie müde-saturierten Gesellschaft ist er wohl überhaupt weitgehend abhanden gekommen. Wie fremd etwa mutet uns der, die Fassade des Großen Festspielhauses zierende Spruch des Benediktinerpaters Thomas Michels (1892–1979) an: „Sacra camenae domus / concitis carmine patet / quo nos attonitos / numen ad auras ferat“ („Der Muse heiliges Haus steht Kunstbegeisterten offen, als Entflammte empor trage uns göttliche Macht“)? Zumindest im Modus der Hoffnung aber lebt diese Festspielidee dennoch weiter. Und etwas Besseres als – reflektierte – Hoffnung haben wir, wie nicht zuletzt Clark deutlich machte, auch 2014 nicht.


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