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20/2009 - Versäumte Möglichkeiten (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 14:39
I Versäumte Möglichkeiten

Benedikt XVI. im Minenfeld des Nahen Ostens: Es bewahrheitet sich, dass der Papst auf einer Mission Impossible ist. Für die Entkrampfung des Verhältnisses von Katholiken und Juden blieben Chancen dennoch ungenutzt.

Von Otto Friedrich

Mit Argusaugen werde die Welt jeden seiner Schritte in Nahost beobachten: Die Prognose des Kommentators in der letztwöchigen FURCHE über Benedikts XVI. gegenwärtige Reise hat sich bewahrheitet. So viel lässt sich auch schon vor dem Ende der heikelsten Mission seines Pontifikats konstatieren. Man darf argumentieren, in diesem Kontext kann es der Papst niemandem recht machen: Was er auch tut, wird ihm von irgendeiner Seite angekreidet werden. Eine No-win Situation also.
Die Ausgangslage mochte schwierig sein. Sie war dennoch nicht ohne Möglichkeiten – gerade beim schwierigen Weg zu einem vertrauensvollen Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Judentum. Zumal es die katholische Seite war, die zuletzt Steine auf diesen Weg geworfen hat.
Die Worte des Papstes zur Schoa sowie zu seinem Standpunkt dazu waren eindeutig, keine Frage. Und doch geschah dabei wenig Bewegendes. Und: Gerade was Benedikt XVI. nicht sagte und tat, sprach für sich.

Zeichen für die Scham der Erinnerung

Andere haben vorgezeigt: Es bedarf da nur kleiner, aber umso wirkmächtigerer Zeichen. Johannes Paul II. schrieb Weltgeschichte, als er im Jahr 2000 an der Klagemauer die Vergebungsbitte der Christen gegenüber den Juden in die Ritze zwischen die Steine steckte und in Yad Vashem sprach. Und das bedeutendste „religiöse“ Zeichen eines Deutschen, das die Scham der Erinnerung deutlich machte, stammt gar von einem Agnostiker: Als 1970 der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Denkmal des jüdischen Gettos in Warschau kniete, sagte das Bild mehr als eine Million Worte.
Nun hat die Öffentlichkeit längst gelernt, dass dieser Papst kein Mann großer Zeichen ist. Das soll ihm nicht vorgeworfen werden. Aber auch auf kleine Hinweise, wie das jüdisch-christliche Gespräch weitergehen kann, wartete der Beobachter vergebens.
Ein damals junger Zeitzeuge der NS-Zeit auf deutscher Seite kam nach Yad Vashem; doch er thematisierte diese persönliche Verwobenheit in die deutsche Geschichte nicht. Ein Christ stand da und äußerte bewegend „tiefes Mitgefühl“ mit den Opfern der Schoa, ließ aber mit keinem Wort die Gründe für den Genozid und die Mitverantwortung von Christen anklingen.
So stark seine Meditation über das unverstehbare Leid der „getöteten“ (Benedikt sprach auch nicht von „ermordeten“) Juden war, so sehr fehlte die politische Konsequenz. Nicht nur Mystik, sondern auch Politik: Dieses Schlagwort christlicher Weltgestaltung wäre auch in diesem Zusammenhang vonnöten. Man hoffte umsonst auf einen päpstlichen Hinweis, wie der Pontifex die Zukunft des Verhältnisses zum Judentum gestalten will. Dabei stehen einige Brocken auf der katholischen Agenda, die hier anzugehen wären. Aus den aktuellen Anlässen ist die rasche Klärung des Verhältnisses der Lefebvrianer zum Judentum dringlich: Keineswegs „bloß“ der „Fall Williamson“ wäre zu bereinigen; sondern die ganze Theologie und die auch in letzter Zeit nur notdürftig kaschierten antijüdischen Tendenzen der Pius-Brüder gilt es klarzustellen.

Agenda von Pius XII. bis zu „Radio Maryja“

Eine weitere schmerzliche Auseinandersetzung schwelt weiter um das Verhalten Pius XII. Die Öffnung der vatikanischen Archive über dessen Pontifikat könnte ein Zeichen sein, auch wenn nicht zu erwarten ist, dass die jüdische und die vatikanische Bewertung des Pacelli-Papstes völlig zur Deckung kommen.
Schließlich bedarf es auch klarerer Zeichen, wie die katholische Kirche mit dem Antisemitismus in den eigenen Reihen zurandekommt. Dass etwa in Polen ein Sender wie Radio Maryja weiter als „katholisches“ Medium on air gehen kann, ist – im besten Fall – als Unvermögen Roms, die eigenen Grund*überzeugungen durchzusetzen, anzusehen.
All das hat Benedikt XVI. in Israel nicht thematisiert. In Kenntnis der Amtsauffassung dieses Papstes überrascht das alles nicht. Aber es schmerzt, wenn man ahnt, wie weit das Gespräch zwischen (katholischen) Christen und Juden schon sein könnte.

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