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07/2018 - Von Helden und Bösewichten
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Ungelesen , 02:22
Von Helden und Bösewichten

Oft ist Religion ein „Beifahrerthema“ der Politik- oder riminalitätsberichterstattung. Insbesondere in Bezug auf den Islam werden negative Einstellungen medial verstärkt.

| Von Carmen Koch

Medien haben die Aufgabe, die Welt zu beobachten und darüber zu berichten, wobei sie Komplexität reduzieren müssen. Damit sind sie ein zentraler Agent bei der Vermittlung von Bildern von Bevölkerungsgruppen und somit auch von Religionen. Mit der Verwendung sich ständig wiederholender Deutungsmuster und somit auch Stereotypen beeinflussen sie die Einstellung der Bevölkerung diesen Gruppierungen gegenüber stark mit. Dies tun sie umso intensiver, je fremder die Gruppierungen dem Rezipienten sind.
Eine Studie von Nadine Müller et al. belegt beispielsweise, dass die Wahrnehmung der medialen Darstellung des Islam in der westlichen Welt „eine wichtige Rolle im Kontext der Herausbildung, Stabilisierung und/oder Bestätigung der eigenen negativen Einstellungen gegenüber dem Islam und den Muslimen sowie der Islamophobie“ spielt. Auch das Christentum ist davor nicht gefeit, folgert der Medienforscher Christian Kolmer, der für das Institut „Media Tenor“ regelmäßig Inhaltsanalysen von zahlreichen deutschen Newsmedien durchführt. Kolmer begründet dies mit der zunehmenden Entfremdung weiter Bevölkerungskreise von der Kirche.

Religion besonders heikles Thema

Am Institut für Angewandte Medienwissenschaft IAM der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und am Institut für Publizistik- und Medienwissenschaft IPMZ der Universität Zürich wurde das Verhältnis von Religion und Medien 2008 im Rahmen einer vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Studie eingehend untersucht. Zahlreiche Schweizer Nachrichtenmedien (Print, Online, TV, Radio) wurden einer Inhaltsanalyse unterzogen und über 4500 Beiträge analysiert. Auch wurden Gespräche mit Journalist(inn)en und Religionsvertreter(inne)n geführt.
Aktuellere Studien, die das Thema umfassend beachten, sind rar. Sie beschränken sich oftmals auf die Analyse der Berichterstattung über den Islam oder die Kirche. Diese Studien bestätigen dafür grundsätzlich die Erkenntnisse älterer Arbeiten. Sie werden in den nachfolgenden Ausführungen mitberücksichtigt.
Obwohl Religion von Journalisten als gesellschaftsrelevant und wichtig erachtet wird, hat es als eigenständiges Thema in der Berichterstattung wenig Tragkraft. Insgesamt kommen religiöses Hintergrundwissen und religiöse Dimensionen wenig zum Tragen. Kommen religiöse Dimensionen dann doch einmal vor, geht es insbesondere um religiöse Ideologie und/oder Rituale.
Gründe dafür sind vielfältiger Natur: Zum einen fehlt in vielen Fällen das Fachwissen. Das Religionswissen ziehen die Journalist(inn)en aus der eigenen Sozialisation oder durch das Lesen einzelner Bücher, selten aber aus einem Fachstudium. Durch die zunehmende Auflösung der Ressorts in den Redaktionen verstärkt sich dieses Phänomen noch mehr.
Zum anderen nehmen viele Journalisten Religion als besonders heikles Thema wahr und erfahren in ihrem Berufsalltag, dass die Gefühle Gläubiger schnell verletzt werden. Entsprechend wird Religion als etwas sehr Privates betrachtet. Und schließlich glauben viele daran, dass Religion als alleinstehendes Thema wenig Tragkraft habe. Häufig ist es ein „Beifahrerthema“ zum Beispiel in der Politik-, Terror- oder Kriminalitätsberichterstattung. Nur in einem Drittel der untersuchten Beiträge geht es um den Glauben an und für sich oder um das Tun und Wirken einer Religionsgemeinschaft. Beispiele für solche Beiträge sind:
Dialog von Religionen, Kontroversen innerhalb einer Religionsgemeinschaft, religiöse Bräuche, Rituale und Feste, Papstbesuche, aber auch kirchliche Verwaltung.
Mag die Religionslandschaft noch so vielfältig erscheinen, die Berichterstattung hat vor allem zwei Religionsgemeinschaften im Blickfeld: den Islam und das Christentum (wobei vor allem der Katholizismus dominiert). Sie machen zusammen mehr als vier Fünftel der Berichterstattung mit und über Religion aus.
Nach aktuelleren Untersuchungen ist dabei davon auszugehen, dass auf einen Bericht über das Christentum drei Berichte über den Islam kommen. Dabei werden Muslime oftmals als homogene Einheit betrachtet, die Differenzierung nach verschiedenen Ausrichtungen (z. B. Schiiten, Sunniten, Salafisten etc.) entfällt weitgehend, wie auch eine Untersuchung von Nadja el Saeed aus 2015 belegt.
Dies ganz im Gegensatz zum Christentum, bei welchem die Konfession in der großen Mehrheit der Beiträge erwähnt wird.

Trennlinien der Berichterstattung

Bezeichnend ist, dass nichtchristliche Religionsgemeinschaften vor allem aus der Perspektive eines „politischen Konflikts“ präsentiert werden. Dies im Gegensatz zu den christlichen Religionsgemeinschaften, die mehrheitlich aus einer Religions- oder Moralperspektive heraus thematisiert werden. Entsprechend lässt sich schlussfolgern, dass christliche Religionsgemeinschaften als religiöse Akteure wahrgenommen werden, während nichtchristliche Religionsgemeinschaften viel eher als politische Akteure präsentiert werden.
Diese Trennlinie zwischen der Darstellung von christlichen und nichtchristlichen Religionsgemeinschaften spiegelt sich auch in der Valenz der Beiträge, also ob der Beitrag von einem positiven, negativen oder neutralen Ereignis ausgelöst wurde: Geht es ums Christentum, sind die Ereignisse, über die berichtet wird, deutlich häufiger positiv oder neutral als in der Berichterstattung über den Islam, den Buddhismus oder das Judentum.
Negativität prägt die Berichterstattung über Religion generell – was nicht außergewöhnlich und auch ein entscheidendes Selektionskriterium in der Berichterstattung in anderen Themenfeldern wie Wirtschaft oder Politik ist. Auffallend ist jedoch, dass negative Nachrichtenfaktoren, wie Aggression, Kriminalität, Schaden, Misserfolg oder Kontroverse signifikant häufiger in Beiträgen über den Islam, Buddhismus oder Judentum zu finden sind (zwei Drittel bis vier Fünftel!) als in solchen über das Christentum (bei Protestanten in jedem Dritten, bei Katholiken in 56 Prozent der Beiträge).

Der Papst als positives Gesicht

Weitere Faktoren, die Beiträge mit oder über Religion sehr häufig enthalten, sind Betroffenheit (viele Personen sind betroffen) oder das Vorkommen einer prominenten und/oder einflussreichen Person wie etwa der Papst oder der Dalai Lama. Letzterer genießt eine gewisse Unantastbarkeit in den Medien, Kritik über seine Person und sein Handeln finden sich kaum. Und auch der aktuelle Papst hat in der Berichterstattung ein positives Ansehen und beeinflusst die Berichterstattung zu Gunsten der katholischen Kirche, wie Medienwissenschaftlerin Stephanie von Luttitz aufzeigen kann.
Trotzdem musste die katholische Kirche in jüngerer Zeit mehrere Skandale verarbeiten, u. a. die Aufdeckung zahlreicher sexueller Übergriffe durch Geistliche, die Vatileaks-Affäre oder auch die Geldverschwendung im Bistum Limburg. Das schlägt sich in der Berichterstattung nieder, für welche gerade der Fall einer moralischen Instanz besonders interessant ist. Regelmäßig (in rund einem Drittel) werden katholische Akteure, welche hauptsächlich Geistliche sind, als Kriminelle/Bösewichte/Schuldige präsentiert; allerdings auch als Helden und aufopfernde, helfende Personen. Explizite negative Attribuierungen sind nur bei einem Viertel der katholischen Akteure zu finden, fast ein Drittel wird positiv attribuiert.
Dies ganz im Gegensatz zu den Muslimen, die nur in jedem fünften Beitrag positiv attribuiert werden, jedoch in jedem zweiten negativ. Jeder zweite muslimische Akteur ist dann in den Medien auch ein Krimineller, Bösewicht oder Schuldiger. Geistliche kommen dabei selten explizit vor; häufig wird von „den Muslimen“ gesprochen. Die Buddhisten finden in den Medien vor allem durch den Dalai Lama Gehör. Sie werden sehr häufig positiv attribuiert und als Helden, Robin Hoods oder helfende und aufopfernde Personen dargestellt. In der Berichterstattung über Juden stehen vor allem Anhänger, weniger Geistliche im Zentrum. Sehr häufig (jeder dritte Akteur) sind Juden in den Medien in der Opferrolle, jeder siebte als aufopfernde helfende Person.


| Die Autorin ist Medienwissenschafterin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften |

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