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11/2017 - Gegen den Strom
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Alt 15.03.2017, 07:37
Gegen den Strom

Fasten ist mehr als zeitweilig eingeschränkte Kost. Die alte Tradition birgt eine Vision, die den Triebkräften der Gesellschaft zuwiderläuft.

| Von Martin Tauss

Mistplätze zählen zu seinen absoluten Lieblingsorten, erzählte mir ein guter Freund schon vor einiger Zeit. Wenn er seine Wohnung beim Frühjahrsputz wieder einmal so richtig ausgemistet habe und er die ehemaligen Gebrauchsgegenstände dann in die Container schmeiße, könne es schon vorkommen, dass ihn ein richtiges Glücksgefühl überströme, vertraute er mir einmal humorvoll an.
Das war lange, bevor solche Gedanken offenbar zunehmend auf Resonanz stießen und ein Buch wie „Magic Cleaning“ (2013) zum Bestseller geworden ist: Darin beschreibt die Autorin Marie Kondo, wie freudvoll es sein kann, das herumliegende „Gerümpel des Alltags“ endlich anzupacken und sich all jener Dinge zu entledigen, die man nicht wirklich braucht.

Das Fressen und die Moral

Von ähnlichen positiven Gefühlen berichten regelmäßig auch Menschen, die sich einer traditionellen Fastenkur unterziehen oder den Begriff des „Fastens“ neben der Ernährung auch auf andere Lebensbereiche ausdehnen: zum Beispiel auf den Umgang mit dem Smartphone und anderen digitalen Geräten, auf die alltäglichen Konsumgewohnheiten, auf Flugreisen oder das Autofahren. Die „Aktion Autofasten“ der katholischen und evangelischen Kirche, an der bis heute mehr als 16.000 Menschen teilgenommen haben, etwa lädt seit zwölf Jahren in der Fastenzeit dazu ein, „Verzicht auf allzu selbstverständlich erlebten Wohlstand einzuüben“ (Weihbischof Stephan Turnovszky). Das Verbindende und Gemeinsame all dieser Aktionen lässt sich auf einen simplen Nenner bringen: Weniger ist mehr.
Woher aber kommt die Erfahrung von Glück? Warum stellen sich Gefühle der Freude und Zufriedenheit bei Handlungen ein, die unserer biologischen Programmierung, aber auch unserer gesellschaftlichen Konditionierung krass zuwiderzulaufen scheinen? Biologisch sind wir darauf getrimmt, jegliches Hungergefühl zu stillen oder – deftiger gesagt – sich den Bauch vollzuschlagen, und zwar am besten gleich so, dass man auch für eventuelle Notzeiten mit Fettreserven gerüstet ist. Für unsere Urahnen war ein reichhaltiges Mahl keine Selbstverständlichkeit, und nichts war für ihr unmittelbares Überleben so primär wie die Nahrungsaufnahme. Das Fressen, so ein beliebtes Bonmot, kommt vor der Moral. Beim Fasten freiwillig auf bestimmte Nahrungsmittel zu verzichten oder die Kost generell einzuschränken, ist daher zunächst einmal ein seltsamer Akt.
Aber auch in der modernen Konsumgesellschaft wird die unmittelbare Trieb- und Bedürfnisbefriedigung mit zahllosen Kaufanreizen gefördert. Werbestrategien zielen mitunter darauf ab, Bedürfnisse überhaupt erst entstehen zu lassen. Der gesellschaftliche Mainstream folgt nach wie vor der Logik des Vermehrens, des Anhäufens, des Ausschöpfens – egal, ob es sich um materielle Werte oder um symbolisches Kapital handelt. Die Kunst und Reflexion des Weglassens, die Einübung in den Verzicht bleibt demgegenüber eine Minderheitenposition. Und doch wird das Schicksal dieses Planeten unter anderem davon abhängen, wie viele Menschen wirklichen Gefallen an einer bewussten Einschränkung ihres Lebensstils finden werden.

Die süchtige Gesellschaft

Mit einer inneren Haltung des Verzichts durch das Leben zu gehen, heißt gegen den Strom zu schwimmen: Sich der Dynamik der eigenen Impulse zur unmittelbaren Triebbefriedigung sowie den Verlockungen der Konsumgesellschaft zu widersetzen, ist ein Akt der „Selbststeuerung“, wie der Arzt Joachim Bauer in seinem gleichnamigen Buch erhellend dargelegt hat: „Dies ist allerdings nicht einfach, denn wir leben in einer sozusagen süchtigen Gesellschaft, deren allgegenwärtigen Angeboten zu mehr Bequemlichkeit, fortwährendem Konsum und ständiger – vor allem medialer – Ablenkung wir uns nur mit Mühe entziehen können.“ Doch mit jeder Fastenkur, mit jedem kleinen Verzicht kann ein Gewinn einhergehen. „Momente gelungener Selbststeuerung haben eine hohen Lustfaktor“, schreibt Bauer. Die Fähigkeit zur gezielt ausgeübten Selbstbeschränkung, zur bewussten Hemmung kurzfristiger Impulse und Gelüste bringe ein erhöhtes Maß an Freiheitsräumen mit sich. Dies verlangt nach Balance zwischen zwei Gehirnzentren: dem älteren Trieb- und Belohnungssystem sowie dem vorderen Stirnlappen, wo die menschliche Fähigkeit angesiedelt ist, über den Tag hinaus zu denken und längerfristige Ziele zu verfolgen.
In der evolutionären Entwicklung musste sich der menschliche Körper für Hungerperioden wappnen. Die oft beschriebene geistig-seelische Klarheit beim Fasten, die meist von positiven Gefühlen begleitet wird, ist vielleicht als Reaktion auf die wiederkehrende Erfahrung von Nahrungsknappheit bei unseren Urahnen zu erklären. Sie durften in solchen Notsituationen eben nicht den Kopf hängen lassen, sondern mussten sich hoch motiviert und konzentriert auf die Nahrungssuche begeben.
Philosophisch gesehen bietet die jahrtausendealte Kulturtechnik des Fastens eine gute Gelegenheit, unser Verhältnis zu den Dingen generell zu hinterfragen – wer hat hier eigentlich wen im Griff? Die Phänomenologen unter den Philosophen sprechen vom latenten „Aufforderungscharakter der Dinge“: Das Smartphone etwa ist sehr nützlich, um Freunde zu kontaktieren oder eine Adresse zu finden, aber allein durch seine Präsenz kann es den Besitzer in seinen Bann ziehen und zu ablenkenden Tätigkeiten verführen. Es frisst dann unsere wertvollste Ressource, die Zeit. Der vorübergehende Verzicht auf das Handy oder den Computer wird daher oft als große Befreiung von solchen „stillen Aufforderungen“ wahrgenommen.

Lebenslust in allen Situationen

Selbst ein dem Genuss nicht abgewandter Philosoph wie Epikur erwies sich in dieser Hinsicht als schlauer Fuchs: Antiken Berichten zufolge fastete der Denker, um sich seine Lebenslust in allen Lebenslagen zu erhalten. Durch den Verzicht wollte sich Epikur dafür rüsten, sein Dasein auch ohne Luxus genießen zu können – für den Fall, dass es ihm einmal schlechter gehen sollte als er es gewohnt war. Und tatsächlich ermöglichen Entsagung und Entbehrung oft, tiefer in sinnliche Erfahrungen einzutauchen. Wer nach einem Zehn-Kilometerlauf durstig nach der Wasserflasche greift oder nach einer anstrengenden Bergwanderung eine Scheibe Brot isst, wird bestätigen, wie selbst die simpelsten Speisen und Getränke zu einer richtigen Offenbarung werden können.
Das Fasten, der Verzicht worauf auch immer, ist im besten Fall nicht eine weltabgewandte Form der Askese, sondern ein Ausdruck von Lebensbejahung. Wer sich einmal auf das Experimentierfeld des Weglassens begibt, kann freudige Überraschungen erleben – und wird vielleicht immer wieder dorthin zurückkehren. Zentrale Aspekte des Lustfaktors, der sich aus der Selbststeuerung ergeben kann, sind die persönliche Weiterentwicklung und das Entstehen von Lebenssinn, bemerkt Joachim Bauer.
In der Zwischenzeit ist das Wort „Mistplatz“ zu einem „Running Gag“ in meinem Freundeskreis geworden. Auch ich habe darin eine Art Antidepressivum erkannt: Selbst wenn das Leben sonst wenig Anlass für Glücksgefühle bietet, ist die Fahrt zum Mistplatz ein denkbar einfacher Weg zur Stimmungsaufhellung geworden.

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