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06/2017 - Trumps Grenznutzen (Oliver Tanzer)
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Alt 08.02.2017, 06:47
Trumps Grenznutzen

Die Antwort auf die aggressive Politik der USA unter ihrem neuen Präsidenten kann nicht sein, ihn zu kopieren. Europa kann vielmehr mit dem Gegenteil reüssieren.


| Von Oliver Tanzer


Eine alte Regel aus dem Boxsport besagt, dass derjenige, der agiert, stets einen Vorteil hat gegenüber dem Reagierenden – oder anders gesagt: Der Reagierende muss schon sehr viel besser sein als der Aggressor, um einerseits den Angriff abzufangen und andererseits eine Gegenoffensive zu starten. So etwas kann man Faustregel nennen, und sie passt in ihrer Anwendung derzeit leider auch auf die Weltpolitik und unseren Präsidentseibeiuns Donald Trump.
Seit Wochen sprechen wir über nichts anderes als seine At-tacken, sein Imponiergehabe, seine monotone Gestik, seine Vorschulgrammatik, seinen superlativen Redeschwall – und den suggestiven Sog den die immer wieder gedroschenen Phrasen erzeugen. Er ist uns ein Idiot und ein Dämon zugleich. Ein Manipulator, der gerüchteweise selbst von düsteren Mächten manipuliert wird, von seinen Sprechern, Beratern, die wir nun verachten und fürchten – und über die wir uns täglich unsere Zungen wund reden.
Diese kurze Aufstellung zeigt schon das eigentliche Problem, vor dem wir stehen und dem wir täglich auf allen TV-Kanälen entgegenstarren: Wir haben immer noch keine Ahnung, mit wem wir es eigentlich zu tun haben. Und wir versuchen alles, um zu begreifen und Zukünftiges einschätzen zu können. Wenn wir all das nun wieder auf die Situation eines Boxers im Ring übertragen – alle Rocky Balboas und Muhammad Alis dieser Welt würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wir wären chancenlos gegen einen unbekannten Gegner, dessen Schlag wir ängstlich erwarten. Und wir sind es auch in gewissem Sinn.

Trumps unfreiwillige Helfer

Denn indem wir handeln, wie wir es tun, tun wir Donald Trump den größten Gefallen. Das Momentum des Kampfes setzt ihn derart in den Vorteil, dass alle Gegner schon in der Ringecke gegen das technische Knockout kämpfen, noch ehe die erste Runde zu Ende ist. Ein linker Haken gegen Mexiko, eine Gerade gegen die Muslime, einmal kurz abgeduckt und ein massiver Schlag unter die Gürtellinie des politischen Systems der USA reichen schon, um eine Schockstarre auszulösen. Dabei ist der Mann erst wenige Tage im Amt. Ängstlich fragen nun die einen, was und wer als nächstes dran kommt. Andere wieder versuchen zu beweisen, dass Trump eigentlich ja ganz normal sei. Aber leider ist das alles nicht normal, weder der US-Präsident noch unsere Reaktion auf ihn.

Die Taktik des Gegenteils

Der Boxer wie der Politiker kann in Dranglagen nur dann bestehen, wenn er seine eigene Taktik entwickelt und verfolgt. Und diese Taktik muss unabhängig von den impulsiven Manövern im Weißen Haus erfolgen. In etwa wie folgt: Washington mag China nicht mehr? Umso mehr sollte Europa sich diesen Handelspartner sichern. Die USA schaffen das Nordamerikanische Freihandelsabkommen ab? Umso mehr muss Europa am Freihandel mit Südamerika und Kanada bauen. Die USA wollen einen Handelsrückzug im Pazifik? Eine willkommene Gelegenheit.
Wir sollten uns selbst nicht dazu herabwürdigen, Trump zu kopieren, wie das Innenminister Sobotka vorzuexerzieren scheint, wenn er das Demonstrationsrecht einschränken will. Bevor wir dies tun, sollten wir überlegen, ob unsere Chance nicht im geraden Gegenteil Donald Trumps liegt: In Kooperation statt Konfrontation, geradliniger Politik statt instinktgetriebenem Zickzackkurs. In Vertrauen und Partnerschaft statt Ringkampf. In Handelsabkommen statt Isolation, im Aufbau von Märkten statt in ihrer Schließung. Und was Trump betrifft, reicht das Wissen, dass dies ein Politiker ist, der uns dort alle Tore öffnet, wo er sie seinem Land gerade zuwirft. Im Boxring hieße dieses Manöver auskontern. Und so hart das klingt: Die neuen Grenzen der USA können unser Nutzen sein – und zwar solange, bis der Spuk in Washington vorbei ist.

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