ro ro

Themen-Optionen Ansicht

42/2012 - Literatur unter Druck (Brigitte Schwens-Harrant)
  #1  
Ungelesen , 14:27
l Literatur unter Druck

Die Debatte um den diesjährigen Literaturnobelpreisträger Mo Yan macht deutlich, dass sich Literatur und Politik schwer trennen lassen – vor allem wenn Literatur in repressiven Systemen entsteht.

Von Brigitte Schwens-Harrant

„Die Knoblauchrevolte“ heißt ein Roman des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers und er beginnt mit einer brutalen Festnahme durch das „Amt für öffentliche Sicherheit“: Gao Yang hat aus Protest gegen die Preispolitik die Kreisverwaltung verwüstet. Mo Yan, der Autor dieses Romans, lebt und schreibt nicht im Exil, sondern in seiner Heimat, wo realiter Regimekritiker – wie der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo – festgenommen werden. Das geht nicht ohne Anpassung an die Rahmenbedingungen, was Dissidenten gegen Mo Yan aufbringt, wie etwa Liao Yiwu, der am 14. Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt.
Risse klaffen auch zwischen Exilanten und jenen, die zuhause bleiben: Wechselseitig wirft man sich Verrat vor: an der Heimat, an den Idealen. Die Frage, wo innere Emigration beginnt oder Mitläufertum endet, auch jene nach moralischer Integrität, wird nie leicht zu beantworten sein. Das zeigte auch der Fall Christa Wolf. Die Debatten dar*über machen eher Denkschubladen sichtbar denn die „Wahrheit“. Das Pauschal-
urteil, wer im repressiven System bleibt und dort wirkt, sei per se Parteigänger und Mitläufer und deshalb moralisch zu diskreditieren, ist ebenso falsch wie das Gegenstück, für Exilliteratur gehöre Kritik an der Heimat zur Political Correctness und vor allem zum Geschäft. Zudem lehrt die Geschichte: Wenn Außen, wo Kritik öffentlich gemacht werden kann und muss, und subversives Innen zusammenwirken, erreicht man mehr bei Machtapparaten, die mundtot machen wollen.
Die Verleihung des Nobelpreises an Mo Yan stößt unter anderem auf Kritik, weil der Autor Vizevorsitzender der chinesischen Schriftstellervereinigung ist. 2009 verließ auf der Frankfurter Buchmesse die offizielle chinesische Delegation aus Protest gegen die Symposiumsteilnahme von Dissidenten den Saal und Mo Yan ging mit.

Auszeichnung für das literarische Werk

Das Nobelkomitee hat Mo Yan für seine Literatur ausgezeichnet. Und dass seine Werke für die Entwicklung der chinesischen Literatur auch formal bedeutend sind, kann man schwer bestreiten. Man kann aber auch schwer überlesen, dass sie politisch sind. Mo Yan sucht die Provinz seiner Kindheit auf, das Land der „kleinen Leute“. Gewalt und Bestialität stellt Mo Yan ausschweifend dar – und liefert China damit gerade keinen Spiegel eines perfekten Staates, als der sich China doch gerne inszeniert. Mo Yans *China, ob das vergangene oder das gegenwärtige, ist ungerecht und gewalttätig, ein Land der Folter und des Missbrauchs.
„Die Knoblauchrevolte“ erzählt Korruption und Misswirtschaft des Beamtenapparats und den Aufstand der Bauern dagegen. Vor jedem Kapitel tritt – die Tradition des politischen Liedes aufgreifend – ein blinder Sänger auf, der Balladen singt von korrupten Regierungsbeamten, Aufstand, Gefangenenlager. Der Roman erschien 1988, ein Jahr vor dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens. Angesichts dessen erscheint die Begründung des Nobelkomitees erstaunlich harmlos: Mo Yan vereine „mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart“. Groteske und Satire boten immer schon Schlupflöcher durch die Zensur und so geheuer dürften die Romane den Funktionären selbst nicht gewesen sein: „Die Schnapsstadt“ etwa – in der die Revolution laut Gerücht im wörtlichen Sinn ihre Kinder frisst – erschien zunächst nur in Taiwan. Daran will sich das offizielle China nun offensichtlich nicht erinnern; es feiert Mo Yan als seinen ersten Nobelpreisträger, die vorangegangenen bewusst übersehend.
Der japanische (!) Nobelpreisträger Kenzaburo Oe meinte vor Jahren, wenn er den Nobelpreis verleihen dürfe, ginge er an Mo Yan. Nun hat die Akademie mit Mo Yan einen Autor nicht nur „halluzinatorischer“, sondern auch subversiver Texte ausgezeichnet. „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“, sagte Liao Yiwu vergangenen Sonntag auf Deutsch. Dass Mo Yan in seiner Pressekonferenz kundtat, er hoffe, Liu Xiaobo gewinne bald seine Freiheit, kann ein erster Schritt sein, jene zu überzeugen, die seine Literatur noch nicht gelesen haben.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  17:23:43 07.20.2005