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08/2017 - Die besorgten Katholiken (Otto Friedrich)
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Ungelesen 22.02.2017, 08:32
Die besorgten Katholiken

| Von Otto Friedrich

In Zeiten, in denen jede noch so nebensächliche Wortspende dank der mit dem Prädikat „sozial“ versehenen Netzwerke global verbreitet wird, erweist sich die Beurteilung der Relevanz von Entwicklungen als immer schwieriger. Wer sich da im Netz über die Ereignisse an der katholischen Kirchenspitze kundig zu machen sucht, begegnet im Nu der Einschätzung, Papst Franziskus führe seine Kirche schnurstracks in den Abgrund.
Da meldeten einige (zumeist im Ruhestand befindliche) Kardinäle in forschem Ton Zweifel („Dubia“) an der päpstlichen Linie in Bezug auf geschiedene Wiederverheiratete an – und der Pontifex reagiert darauf nicht in der gefordeten Weise. Da hängen in Rom Franziskus-kritische Plakate herum und eine Fake-Ausgabe des Osservatore Romano wird weltweit an Multiplikatoren verschickt. Die Urheber all dieser Aktivitäten werden in der besonders konservativen Ecke des katholischen Spektrums vermutet, das sich bis zum Amtsantritt von Franziskus als besonders papsttreu gerierte, und das nun, da der Pontifex sein Papsttum anders als diese Strömung versteht, diese Treue quasi über Nacht entsorgte.
Würde man die entsprechenden Webseiten und Blogs für bare Münze nehmen, dann wäre dieser Papst ein Häretiker, der die „seit 2000 Jahren unveränderte kirchliche Lehre“ verrate, und der überdies allen „glaubenstreuen“ Amtsträgern ans Leder gehe. Natürlich ist die Wahrnehmung dieser Stimmen äußerst selektiv, es handelt sich überdies um ein sehr lautstark agierendes Konglomerat „besorgter“ Katholiken.

Ein Déjà-vu für österreichische Katholiken

Hierzulande kennt man Ähnliches ja aus den katholischen Kämpfen der 1990er-Jahre, als sich eine kleine, sich lautstark gerierende Minderheit in Rom über die angeblich zu progressive österreichische Kirche beschwerte – dort leider Gehör fand und immensen Schaden an der hiesigen Ortskirche anrichtete. Für den gelernten österreichischen Katholiken sind die beschriebenen römischen Verhältnisse somit ein Déjà-vu. Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass das Agieren dieser Gruppen auch im globalen Maßstab entlarvend bleibt.
Solches lässt sich an der Speerspitze der Kritiker, des US-amerikanischen Kurienkardinals Raymond Burke zeigen, der gegen jede Abweichung vom Rigorismus in Sachen Geschiedene Sturm läuft und als Spiritus rector hinter den „Dubia“ gilt. Zuletzt geriet Burke auch beim Machtkampf beim Malteser-Ritterorden, dessen Höhepunkt die Demission von Großmeister Andrew Festing war, ins Visier der Öffentlichkeit.

Schwierige Transformation hermetischer Institutionen

Burke hatte öffentlich sogar erwogen, Franziskus in Sachen Zulassung von Geschiedenen zu den Sakramenten eine „brüderliche Zurechtweisung“ zu erteilen – in der jüngsten Kirchengeschichte unerhörter Vorgang. Auf den Punkt gebracht kann man die rabiat- konservative Positionierung mit „absolut loyal zum Papst – aber nur, wenn der sein Amt nach unserer Façon ausübt“ beschreiben.
Die hier skizzierten Vorgänge haben aber nicht nur eine in den handelnden Personen begründete Dimension. Sondern sie sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass auch in einer bis vor Kurzem politisch hermetischen Institution wie der katholischen Kirchenspitze ein dramatischer Transformationsprozess im Gang ist. Einmal mehr ist diesbezüglich an jüngere historische Vorbilder für solchen Prozess zu erinnern.
Diese weisen darauf hin, dass längst nicht ausgemacht ist, ob die Transformation erfolgreich sein wird: Als Michail Gorbatschow vor 30 Jahren in der Sowjetunion Glasnost (Offenheit) ermöglichte und Perestroika (Umbau) versprach, kamen Entwicklungen in Gang, die das System der Sowjetunion zum Einsturz brachten. In der russischen Autokratie Wladimir Putins sieht man jedoch, wie zumindest Elemente dieses Hermetismus erkennbar neu Fuß fassen. Für die anstehenden Entwicklungen in der katholischen Kirche ist das kein gutes Omen.

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