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24/2017 - Forschung auf kontemplativen Spuren
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Alt 13.06.2017, 07:49
Forschung auf kontemplativen Spuren

Weisheitstraditionen gibt es viele. Doch wenn es darum geht, diese für die moderne Gesellschaft nutzbar zu machen, schielen viele Forscher auf eine Lehre aus dem alten Indien. Warum ist gerade der Buddhismus für die Wissenschaft so interessant geworden?

| Von Martin Tauss

Als Dozent an einer amerikanischen Medizin-Fakultät begegnete Jon Kabat-Zinn oft Patienten mit chronischen Schmerzen, die auf kein Medikament ansprachen. „Als ich Ende der 1970er-Jahre anfing, mit Meditationstechniken zu arbeiten, erschien die Idee, sie mit der westlichen Schulmedizin zu verbinden, vollkommen abwegig – beinahe lächerlich“, erinnerte sich der Pionier der sogenannten Achtsamkeitstherapien. Heute sind solche Methoden an westlichen Kliniken weit verbreitet. Unzählige Studien belegen ihre Wirksamkeit.
Die Entdeckung der Achtsamkeit ist dem „Import“ aus einer östlichen Weisheitslehre zu verdanken: Im Zuge der Hippie-Bewegung entwickelten manche westliche Globetrotter ein ernsthaftes Interesse am Buddhismus. Sie lernten in asiatischen Klöstern und trugen nach ihrer Rückkehr dazu bei, die buddhistische Lehre im Westen zu verbreiten. Akademiker wie Jon Kabat-Zinn nahmen den Impuls auf und integrierten meditative Elemente in Therapieprogramme, um Menschen zu helfen, besser mit Stress, Angst und Erkrankung umgehen zu können.

Die Einladungen des Dalai Lama


Bald traten Hirnforscher auf den Plan, um zu untersuchen, ob Meditation tatsächlich Veränderungen im Nervensystem nach sich ziehen kann. Die Studien zeigten, dass die Veränderungen im Erleben, die von Meditierenden berichtet werden, nicht auf Illusionen beruhen, sondern zu einer messbaren Veränderung der Gehirnfunktion führen. Die Studien belegten auch, dass langjährige meditative Übung zu plastischen Veränderungen im Gehirn führen kann. Prominente Vertreter des Buddhismus wie der tibetische Mönch Matthieu Ricard stellten sich für Experimente zur Verfügung und meditierten mit Elektroden am Kopf, um ihre Hirnaktivität aufzeichnen zu lassen (siehe Kasten).
Der Dalai Lama selbst bringt ein wissenschaftsnahes Verständnis seiner Tradition zum Ausdruck. Die buddhistische Lehre sieht er als „Wissenschaft des Geistes“ – eine erfahrungsbasierte Wissenschaft, die darauf ausgerichtet ist, leidvolles Erleben so weit wie möglich zu verhindern und heilsames Verhalten zu kultivieren: „Auch die Worte des Buddha stehen der Prüfung offen“, schreibt er im Buch „Die Essenz der Meditation“ (2002). „Eines der großartigsten Merkmale der buddhistischen Kultur ist, dass der Praktizierende das Recht hat, die Lehren zu prüfen (...). Die buddhistische Annäherung an das Wissen ähnelt der modernen Naturwissenschaft.“ In seinem indischen Exil in Dharamsala hat er immer wieder westliche Wissenschafter empfangen. Aus diesen Begegnungen ist 1990 das Mind & Life-Institut hervorgegangen, das den Dialog von Wissenschaft und Weisheit fördern soll.
Im Zuge dieser rasanten Entwicklungen wurde der Begriff der „Meditation“ aus dem esoterischen Eck geholt und akademisch salonfähig gemacht. Doch damit nicht genug: Es scheint, als ob die Erfolgsgeschichte der Achtsamkeit zu einer wahren Goldgräberstimmung geführt hat. Vielerorts wird eine „Achtsamkeitsrevolution“ beschworen, Manager buchen Meditationsseminare und selbst IT-Giganten wie Google bieten heute Achtsamkeitstraining an. Wissenschafter indes halten Ausschau nach anderen Lehren im Buddhismus, die sich ebenfalls für forschungsbasierte Anwendungen nutzbar machen lassen.

Buddhismus und Positive Psychologie


Die Hinwendung zu den „vier unermesslichen Qualitäten von Geist und Herz“ (Brahmavihara), wie sie in der buddhistischen Lehre dargelegt sind, ist da durchaus naheliegend: Denn liebende Güte, Mitleid, Mitfreude und Gleichmut werden dort als vier herausragende Bewusstseinsverfassungen beschrieben, deren Kultivierung großen Nutzen für den spirituellen Weg bringen soll. Aus einer modernen Sicht lassen sich darin Eckpfeiler der Empathie erkennen. Forscher wie Rick Hanson, Barbara Fredrickson und Tania Singer haben sich davon inspirieren lassen und das Einüben dieser Qualitäten psychologisch und neurowissenschaftlich beschrieben.
Generell kann man in der buddhistischen Geistesschulung ein Programm erkennen, das sich auch die relativ junge Strömung der Positiven Psychologie auf die Fahnen geheftet hat: nämlich heilsame Bewusstseinsqualitäten ins Leben zu rufen und zu kultivieren. Umgekehrt finden sich in den buddhistischen Traditionen auch jede Menge „geschickte Mittel“, um mit schwierigen Zuständen wie Unruhe, Gier, Angst, Zweifel oder Aversion umgehen zu lernen.

Zerrbild des „wissenschaftlichen Buddha“


All das hat zweifellos mit Weisheit zu tun, wie Gert Scobel in seinem gleichnamigen Buch (2. Auflage, 2017) herausarbeitet. Der deutsche TV-Moderator präsentiert darin einen Überblick zur aktuellen Begegnung des Buddhismus mit der Wissenschaft. Doch Scobel scheint angesichts dessen den kritischen Blick zu verlieren – und geht mit Bezug auf neurowissenschaftliche Studien sogar soweit, die „Erleuchtung“ als einen Zustand des Gehirns erfassen zu wollen. Spätestens hier wird der Verdacht akut, dass ein fundamentaler Fehlschluss vorliegt. Denn die buddhistische Lehre bestimmt ihr höchstes Ziel nicht als bestimmten Zustand, sondern sehr weise „ex negativo“ – als das Ende von Leid und Ungenügen, das Verlöschen von Gier, Hass und Verblendung.
Scobels Ausführungen erhärten somit unfreiwillig die Kritik von Donald Lopez: In „The Scientific Buddha“ (2012) beschreibt der amerikanische Autor, wie westliche Akademiker seit dem 19. Jahrhundert eine wissenschaftlich kompatible Form des Buddhismus konstruierten, die wesentlich von der ursprünglichen Lehre im alten Indien abweicht. Dieses Konstrukt eines „wissenschaftlichen Buddha“ sei der damals verbreiteten Degradierung des Buddhismus als Aberglauben entgegengesetzt worden.
Die durch Meditation entwickelte Weisheit ist, so heißt es in den buddhistischen Schriften, „auf Geistesentfaltung beruhend“: ein Erfahrungswissen, das es mit Haut und Haar zu verinnerlichen gilt. Es fällt nicht in den Bereich des intellektuellen Reflektierens, sondern hat mit einem direkten Sehen zu tun. Das ist tatsächlich ein empirischer Zugang – frei nach der legendären Redewendung von Karl Farkas: „Schau’n Sie sich das an!“

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