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20/2017 - Beeinflussen, aber richtig
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Ungelesen 17.05.2017, 06:32
Beeinflussen, aber richtig

Das umstrittene NLP ist ein effektives Werkzeug, das nicht in falsche Hände geraten sollte.
Politisch wird es gerne missbraucht, dabei kann es auch viel Gutes bewirken.


| Von Sylvia Einöder

Ein lichtdurchfluteter Seminarraum im dritten Wiener Bezirk, 16 Leute sitzen im Sesselkreis. Ein junger Mann mit akuratem Haarschnitt und weißem Hemdkragen erzählt, dass er im Vertrieb tätig ist und seine Kommunikation verbessern möchte.
Die junge Frau neben ihm will sich nach der Karenz selbstständig machen, aber zuerst lernen, ihre „Stärken besser einzusetzen.“ Sie hofft, dass NLP (Neurolinguistisches Programmieren) sie „beruflich und privat bereichert, wie auch Entspannung oder Sport.“ Eine Frau mittleren Alters erklärt, dass sie mittels NLP Konflikte mit ihrem Partner besser bewältigen möchte.

Viel Verwirrung und Unsicherheit

Allen ist gemeinsam, dass sie über NLP nicht nur Gutes, aber Vielversprechendes gehört haben und sich nun im Schnupperseminar ein Bild machen wollen. „Es gibt das sanftere, therapeutische NLP und das kommerziellere Business- und Verkaufs-NLP, von dem ihr offenbar schon gehört habt“, stellt Seminarleiter Michael Winter klar. Er betont, dass er ersteren Zugang vertritt, hat er doch einen therapeutisch-beraterischen Hintergrund. Der groß gewachsene 48-Jährige, dessen Eltern Sigrid und Kurt Winter das Institut Winter als eines der ersten im Land 1989 gründeten, beschäftigt sich seither mit der Weiterentwicklung von NLP-Methoden. Die Frage, was NLP genau sei, beantwortet er folgend: „Eine Methode, um Ziele zu erreichen – so breit kann man es definieren. ‚Neuro‘ steht für die fünf Sinneskanäle, über die wir die Welt wahrnehmen und mit ihr kommunizieren, das Wort ‚linguistisch‘ meint, welche sprachlichen Formen wir daraus wählen, und ‚programmiert‘ sind wir alle durch unsere Prägungen.“ Aber man könne eben an einer Erweiterung „seines Programmes“ mittels NLP -Erkenntnissen arbeiten.
Die Methode umfasst eine nicht umumstrittene Sammlung von Kommunikationstechniken und Mustern zur Analyse von Wahrnehmung im Sinne einer erfolgsorientierten Kommunikation. NLP ist zwar in der Psychotherapie eine anerkannte Methode, aber nicht alle NLP-Lehrenden müssen ausgebildete Psychotherapeuten sein. Eine gute NLP-Ausbildung dauert aber bis zu sieben Jahren: Zuerst muss der Practitioner absolviert werden, dann der Master, gefolgt vom Trainer und vom Lehrtrainer.
Obwohl die Wirkmacht von NLP vielfältig genützt wird, etwa in der Werbung, gelten bestimmte NLP-Methoden als unwissenschaftlich, weil sie empirisch nicht belegbar sind. Als Beispiel dafür wird gerne jenes der Augenmuster genannt, wonach man von den Augenbewegungen ablesen können soll, ob jemand sich gerade erinnert oder sich etwas ausdenkt. Angesprochen auf den Vorwurf der Manipulation erwidert Sigrid Winter: „Da höre ich auch Neid heraus, weil NLP eine sehr effiziente Kommunikationsform ist. Die meisten, die über NLP schimpfen, kennen es nicht gut.“ Das Wissen um die Wirkung der Augenmuster etwa sei sehr hilfreich beim Lernen, weil man damit verstehen könne, über welchen Sinneskanal jemand kommuniziert und wie dieser Mensch leichter lernen könnte.
Vom Österreichischen Dachverband für NLP heißt es, mit der Methode sei es wie mit einem Messer: Man könne es benutzen, um ein Stück von der Hochzeitstorte zu schneiden, aber auch, um jemanden zu verletzen. Zwar setzt man sich dort für Standards und Richtlinien bei NLP-Ausbildungen ein, doch wer etwa einen Kurs „Verkaufen mit NLP“ anbietet, braucht weder den NLP-Lehrtrainer noch den NLP-Trainer vorweisen. Der Grund: Consulting gehört zu den freien Gewerben.

Selbsterfahrung statt Wundertrick

Mit Versprechen wie „Werde zum Superhero“ oder „Starten Sie jetzt in Ihr außergewöhnliches Leben“ werben heimische NLP-Insitute um Klienten. Seriöse Insitute erkenne man daran, dass sie nicht um jeden Preis versuchen, Kunden zu keilen, dass es keine Vertragsbindung gibt, sondern Leute jederzeit aussteigen können: „Selbsterfahrung kann man nicht unter Druck machen, nach dem Motto: Weil ich jetzt schon gezahlt habe, mache ich halt Selbsterfahrung“, lacht Winter.
Die Nachfrage im Institut Winter kommt jedenfalls aus verschiedensten Richtungen: Viele Firmen bieten ihren Mitarbeitern einen NLP-Kurs an, um die Kommunikation mit Kunden oder Kollegen zu verbessern. Außerdem kommen viele Lehrkräfte, aber auch Juristen und Wirtschaftsleute. Ob es dem einen oder anderen Teilnehmer auch darum geht, herauszufinden, wie er andere austricksen und sich einen Vorteil verschaffen kann? „Das ist nicht Teil unseres Wertesystems. NLP baut darauf auf, dass man sich selbst einen guten inneren Gesamtzustand programmieren kann und aus diesem heraus handeln kann. Wer kongruent ist, ist erfolgreich. Wir haben auch einige Schauspieler und Sänger in den Kursen.“ Auch Ärzte kommen mit schwierigen Themen in die Seminare. „Die Wahrnehmung des Gegenübers oder seiner Körpersprache ist auch Teil des NLP, genauso wie sich respektvoll abgrenzen zu lernen oder auf Patienten zielorientierter einzugehen“, betont Winter.
Wie stark NLP in der Politik eingesetzt wird, ist laut Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle schwer abschätzbar: „NLP lässt sich nicht genau abgrenzen von Methoden der Kampfrhetorik oder Demagogie, oder bloß simpler Schlagfertigkeit oder emotionaler Intelligenz.“ Insofern gebe es derlei Versuche schon lange, aber sicher habe die Intensität in den letzten Jahren zugenommen.
In aller Mund war NLP zuletzt im Bundespräsidentschafts-Wahlkampf, als FPÖ-Kandidat Norbert Hofer mit allerlei Kommunikations-Kniffen in den TV-Debatten auffiel. Stainer-Hämmerle ortet in der Politik überall dort Missbrauch von NLP, wo versucht werde, „unabhängig vom diskutierten Thema die persönliche Integrität des Gegenübers in Frage zu stellen.“ Die Attacke erfolge dann auf die Person selbst oder die soziale Gruppe, der jemand angehört, in Van der Bellens Fall eben Uniprofessoren, Experten, Eliten.
Auch im Einsatz von Techniken und Einwürfen, die vom Argumentationsfluss ablenken, wie etwa Hofers Ansage „Sprechen Sie mit dem Wasserkrug!“, erkennt die Professorin an der FH Kärnten einen eindeutigen Missbrauch. „Hier wird versucht, Gespräche zu zerstören statt Argumente darzustellen, darauf einzugehen und abzuwiegen. Für die Zuseher verkommt Politik dann aber zum Kasperltheater.“ Im Reframing, also der Umdeutung von Begriffen, stecke aber prinzipiell immer auch eine Chance. „Van der Bellen hat etwa versucht, den Begriff ‚Heimat‘ wieder neu zu besetzen.“

Missbrauch von NLP durch Rechte

Seit in der FPÖ-Akademie mit der NLP-Methode gearbeitet wird, ließen sich auch einige SPÖ-Politiker ausbilden, um den Freiheitlichen Paroli bieten zu können. Bei den Grünen gilt NLP tendenziell als verpönt. „Natürlich versuchen die Rechten, jedes brauchbare Werkzeug zu nutzen. Aber mit einem Hammer kann man eine Scheibe einschlagen oder aber einen Nagel – je nach Wertesystem“, relativiert Winter. Daher müsse auch jede gute NLP-Ausbildung unbedingt den Aspekt Ethik beinhalten. Ein unethischer Einsatz von NLP wurzle fast immer im Bedürfnis nach Kompensation.
In den USA etwa wird eine Reihe von sogenannten „pick up seminars“, also „Aufriss-Kursen“ mit NLP angeboten. Die Trainer prahlen damit, jede Frau mit nach Hause nehmen zu können, nur aufgrund ihrer rhetorischen Künste. „Würde so jemand mit gutem NLP arbeiten, bräuchte er diese Kompensation nicht mehr“, ist Winter überzeugt. Wenn Machtmittel missbraucht werden, sollten damit letztlich immer eigene Unzulänglichkeit verdeckt werden. Das erinnert doch an die heimische Politik.

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