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36/2007 - Auf Benedikt schauen (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 15:44
Auf Benedikt schauen

Welches Österreich wird der Papst bei seinem Besuch kennen lernen?
Von Rudolf Mitlöhner

Eine eigenartige Stimmung liegt in diesen Tagen vor dem Papstbesuch über dem Land. Sie ist gekennzeichnet von einer deutlichen Diskrepanz zwischen dem etwas angestrengt wirkenden Bemühen seitens der Veranstalter und Gastgeber, den Eindruck von Jubel und Aufbruch entstehen zu lassen – und nüchterner Skepsis bei weiten Teilen des Kirchenvolks, also an der vielzitierten „Basis“. Was für die Kirche Österreichs generell gilt, tritt im Vorfeld der Visite Benedikts XVI. noch klarer zutage: Charismatische Gemeinschaften, fromm-brave Bewegungen stramm konservativen Zuschnitts gelten manchen Hirten als Zeichen einer fröhlich-jungen, lebendigen Kirche; aber sie können nicht über den Schwund an Glaubenssubstanz, über das Sinken des „Grundwasserspiegels des Glaubens“ hinwegtäuschen.

„Patent portae, magis cor“ – „Die Türen stehen offen, mehr noch unser Herz“: Dieses zisterziensische Motto hat Stift Heiligenkreuz, eine Station der päpstlichen Pilgerreise, als Losung für den Papstbesuch ausgegeben. Indes, die frohen Worte wollen nicht so recht zu dem passen, was Katholikinnen und Katholiken dieses Landes umtreibt. Es sind beileibe nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ – Kirchenvolksbegehrer, hauptamtliche Laien, kirchliche Funktionäre –, die den kommenden Tagen mit kritischer Zurückhaltung entgegensehen. Unmut und Enttäuschung haben längst die Mitte des – ohnedies schrumpfenden – katholischen Aktivsegments erfasst.
Auch jene, welche die Wahl Joseph Ratzingers auf den Stuhl Petri begrüßten, die vielleicht von ihm, dem deutschen Intellektuellen, dem Theologen von Rang, eine Wegweisung gerade für die Kirche Europas – dieses Kontinents, der wie kein anderer in seiner geistigen, kulturellen und politischen Tiefenstruktur vom Christentum geprägt ist – erwartet haben mochten, auch die sind heute, gelinde gesagt, ratlos geworden: Soll die Kirche im Rückgriff auf Vergangenes, vielfach überwunden Geglaubtes ihre Bewährungsprobe in einer pluralistischen, vielfach gleichgültigen Welt bestehen?

Zurecht betont Benedikt XVI. die Vernünftigkeit des Glaubens: Das Christentum will auf dem Areopag bestehen, fordert von seinen Anhängern wache Zeitgenossenschaft, pseudomystische Weltflüchtigkeit ist seine Sache nicht. Aber gerade jene, die sich dieser Auseinandersetzung mit der modernen Welt stellen, die ihre Kirche nicht als „Bollwerk wider den Zeitgeist“ verstehen wollen, sondern um die Übersetzung der christlichen Botschaft in die Gegenwart, um ihre „Verheutigung“ (Aggiornamento) bemüht sind, wurden von diesem Pontifikat bisher nicht eben ermutigt. Statt dessen wurden jede Menge Signale unterschiedlichster Art an traditionalistische Kreise ausgesandt, von denen jene am anderen Ende des katholischen Spektrums nicht einmal zu träumen wagen. (Oder ist es, um ein Beispiel zu bringen, auch nur denkmöglich, dass der Papst den Chef eines Mediums empfängt, das soweit „links“ steht wie das polnische Radio Maryja „rechts“?)
Nein, die Kritik an Aufwand und Inszenierung des Papstbesuchs greift eindeutig zu kurz. Wer meint, der Pontifex müsse es dem Wanderprediger aus Nazaret gleich tun („Jesus lebte einfach und war arm“), sitzt einem Biblizismus auf, der in seinem ahistorischen Denken selbst latent fundamentalistisch ist. Ebenso ist es naiv, sich an Sicherheitsvorkehrungen wie Platzsperren, Scharfschützen und dergleichen mehr zu stoßen: Sie sind der Preis einer Welt grenzenloser Freiheit, deren Kehrseite ihre Verletzlichkeit ist.

Auch das Papsttum selbst steht nicht zur Disposition: einen „Leuchtturm“ nannte es Bischof Kapellari jüngst. In der Tat, der kann es dem Prinzip nach sein – zumal in der heutigen „globalisierten“ Welt, die nach Orientierung, nach heilenden und versöhnenden Worten und Werken sucht. Doch seine Strahlkraft schwindet, wenn die ausgesandte Botschaft die konkrete Lebenswirklichkeit der Menschen, die Nöte und Sorgen der Ortskirchen nicht trifft. Besuche wie der nun bevorstehende wären eigentlich eine Gelegenheit, dem Papst etwas davon näher zu bringen.

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