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51-52/2007 - Unter dem offenen Himmel (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 12:52
Unter dem offenen Himmel

Über das „Ende der Astrologie“ und die Paradoxie von Weihnachten.
Von Rudolf Mitlöhner

Wie von Weihnachten reden? Im Rückgriff auf „frühere Zeiten“, als das Fest (vermeintlich) noch nichts von seinem Glanz eingebüßt hatte; als – historisch gesehen – die Höhepunkte des Kirchenjahres in ihrer religiösen Bedeutung noch von gesamtgesellschaftlicher Relevanz waren; oder als – in der eigenen Biographie – „Weihnachten“ noch ungebrochen als Inbegriff von Geborgenheit, Nähe, Liebe erfahren wurde? Oder taugt „Weihnachten“ bloß als Vehikel zur Kritik an allem, was wir das ganze Jahr über für kritikwürdig befinden, sich aber gerade um Weihnachten besonders deutlich manifestiert und daher gelegentlich gerne mit Begriffen wie „Weihnachtswahnsinn“ bezeichnet wird: Konsumrausch, Wohlstandssättigung, gnadenlose Hektik, …? Oder auch zur Überhöhung von allem, was man für politisch wünschenswert hält – etwa im Asyl- („Herbergssuche“) oder Sozialbereich (Familie, Armut, …)? Nichts von dem ist ganz falsch; aber all dies greift zu kurz. Indes wäre es auch zu wenig, würden Christen ihrerseits nur auf diese Defizite in der Wahrnehmung von Weihnachten hinweisen und sich in kulturpessimistischer lamentatio ergehen. Vielmehr liegt es an ihnen – nicht nur an den Kirchen mit ihren beauftragten Amtsträgern, sondern an jedem einzelnen –, von Weihnachten zu reden und etwas davon spür- und sichtbar werden zu lassen. Dabei geht es zunächst um Unterscheidbarkeit, um den spezifisch religiösen Gehalt, das „Evangelium“ der Heiligen Nacht. Das lässt sich nicht auf Seelenfrieden, Wohlfühlatmosphäre oder familiäre Idylle herunterbrechen. Umgekehrt sind die Kirchen gut beraten, die vielfältigen diffusen Projektionen, das Amalgam aus vagen Sehnsüchten, die diversen tastenden Suchbewegungen nach „anderem“ nicht vorschnell als oberflächlich, am Kern vorbeigehend abzutun, sondern aufzugreifen und – ohne sie gleich für die eigene Sache zu vereinnahmen – die „anonyme Christlichkeit“ darin wahrzunehmen. Es braucht, liturgisch gesprochen, beides: Jene, die die Christmette aus ganzem Herzen mitfeiern, und jene, die im Kirchendunkel hinter einer Säule stehen, vielleicht gar nicht genau wissen, warum sie da sind, aber irgendeinem inneren Antrieb gefolgt sind …

Worin liegt das Unterscheidbare? Benedikt XVI. bezieht sich in seiner jüngsten Enzyklika „Spe salvi“ auf einen Text des griechischen Kirchenlehrers Gregor von Nazianz (4. Jh.), worin es heißt, „dass in dem Augenblick, in dem die vom Stern geführten Magier den neuen König Christus anbeteten, das Ende der Astrologie gekommen war“. Und Benedikt bekräftigt: „In der Tat ist in dieser Szene das Weltbild von damals umgekehrt, das auf andere Weise auch heute wieder bestimmend ist.“ Der Papst hat dabei wohl nicht vordergründig Gerda Rogers & Co. im Blick, sondern den Hang des Menschen, alles zu glauben, wenn er nicht glaubt. Einmal mehr wendet sich Benedikt XVI. gegen rein innerweltliche Heilslehren, gegen Machbarkeitsphantasien und Fortschrittseuphorie – unter Verweis auf ihre historischen desaströsen Ausprägungen. Dabei leitet ihn jedoch nicht, wie Kritiker vermerkten, ein grundsätzlich negatives Verständnis von Vernunft und Freiheit, sondern ein realistischer Blick auf den Menschen in seinem Glanz und Elend, in seiner Autonomie und seiner Bedürftigkeit, in seinen Fähigkeiten zur schöpferischen Selbsttranszendenz (nicht nur im religiösen Sinn) und seiner Verführbarkeit („Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt Einem, wenn man hinunterschaut“; Berg/Büchner, „Wozzeck“). Im Zentrum von Weihnachten steht die Berührung von „Himmel“ und „Erde“ in Gestalt des Jesuskindes (siehe auch obiges Bild). Den christlichen Glauben kennzeichnet die Überzeugung, dass unter einem solcherart geöffneten Himmel ein Mehr an vollem Menschsein möglich ist. Die Paradoxie von Weihnachten liegt darin, dass den „Heiligen Drei Königen“ nicht nur kein Stein aus der Krone fällt, wenn sie vor dem Kind in der Krippe niederknien, sondern sie an Würde gewinnen. Nicht um einen menschenunwürdigen Akt der Unterwerfung handelt es sich, vielmehr um einen Zuwachs an Freiheit.
  #2  
Ungelesen , 10:42
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Wunderbares Beispiel

Ich gratuliere der FURCHE und allen Lesern zum Leitartikel von Rudolf Mitlöhner. Hier kommt die Weihnachtsbotschaft herrlich zum Ausdruck: Wenn ich vor Gott klein werde, wird meine Freiheit größer. Die „Heiligen Drei Könige“ haben uns dazu ein wunderbares Beispiel geliefert. Möge dieses Beispiel hineinwirken in alle großen und kleinen Gemeinschaften.
Leopold Harratzmüller
leopold.harratzmueller@inode.at
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Ungelesen , 17:06
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Wohltuend anders

Ich möchte Ihnen ausdrücklich zu Ihrem Leitartikel gratulieren und Ihnen dafür danken. Er hebt sich so wohltuend von den üblichen Kommentaren ab, die immer ganz genau wissen, was die Amtskirche tun sollte und was dort nicht alles verkehrt läuft – und berührt, im Gegensatz dazu, unser aller So-Sein.
Dr. Wilhelm Just
Psychotherapeut
4040 Linz-Urfahr, Reindlstraße 14
rewi_just@hotmail.com

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  07:47:09 07.19.2005