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Reaktion des österreichischen Episkopates auf das Kreuzurteil
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Ungelesen , 20:01
koenigo koenigo ist gerade online
 
Registriert seit: 22.11.2009
Beiträge: 1
Liebe, geschätzte Furche,
Sie haben in ihrem Beitrag: „Weder Kreuz noch Kruzifix“ auf die Möglichkeit „unaufgeregter“ und „gelassener“ Reaktion auf das so genannte Kruzifix-Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes hingewiesen. Berechtigter- und wohltuenderweise.
Wenn dagegen die katholischen Bischöfe diese Entscheidung mit einer Erinnerung an „totalitäre politische Systeme“ verbinden, dann muss man sich fragen, ob der Geist und die Sprache der Konzilsdeklaration „Nostra aetate“ wirklich in den Gehirnen- und vielleicht noch wichtiger - in den Herzen der österreichischen Bischöfe angekommen ist?
Scheint nicht vielmehr die Katholische Kirche, genauer: die Amtskirche Österreichs, in konkreten Umständen, wo es um ihre immer noch (oder besser: gerade noch) gegebene gesellschaftliche Macht- und Bedeutungsfunktion geht, der Gefahr zu erliegen, hinter das Konzil zurückzufallen und in den Geist und in die Sprache jenes unheilvollen Syllabus zu geraten, der mit seiner aggressiven Sprache der Denunziation (Religions- und Gewissensfreiheit als deliramentum) jenen Bruch der katholischen Kirche mit den modernen Gesellschaften geschaffen hat, den das Konzil mit großem Nachdruck zu reparieren versuchte. Wie immer man so einen „Rückfall“ verstehen kann - auch Bischöfe sind von dem, was Karl Rahner die grundsätzliche erbsündliche Verfasstheit menschlicher Existenz genannt hat, nicht ausgenommen, besonders dann, wenn sie den Schalthebeln der Macht nahe stehen oder stehen müssen. Entschuldbar ist er aber nicht. Und die Vergebungsbitte steht noch aus – und je später sie kommt, umso unentschuldbarer wird sie.
Natürlich kann man verstehen, dass im Engagement für das Kreuz es letztlich nicht um die Kirche und ihre Selbstbehauptung oder gar Dominanz geht, sondern um das gesellschaftliche Sinn- und Kraftpotential, das im Kreuz, und noch viel mehr, in der Rede der Auferstehung steckt. Gerade in Zeiten der Krise. Nicht der Resignation zu verfallen, sondern neu anzufangen, weiter sich gegen alle Aussichtslosigkeit zu engagieren. Mutig, selbstlos und unprätentiös für die Sache des Guten, für mehr Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit, für die unantastbare Würde jedes einzelnen, besonders der Ausgeschlossenen und der unter die Räder Gekommenen zu kämpfen. Das ist doch seine Kernbotschaft. Natürlich bin ich als Christ zutiefst überzeugt von der Menschrecht und Menschenwürde sichernden Kraft der Rede von Kreuz und Auferstehung, und hab sie, wie viele andere auch, an mir selbst erfahren. Und niemand darf daran gehindert werden, diese Überzeugung und Erfahrung öffentlich wirksam und sichtbar zum Ausdruck zu bringen.
Warum es aber hier geht, und das haben die Bischöfe damals auf dem Konzil von ihren nordamerikanischen Kollegen gelernt – und es war kein einfacher Lernprozess – ist, dass der Staat nicht zuständig ist, für die Wahrheit und das Gute. Er hat „nur“ für die Rahmenbedingungen zu sorgen, dass Menschen mit ihren verschiedenen weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen über das Gute und das Wahre, respektvoll und friedlich miteinander leben können und sich zum Nutzen des Gemeinwohls betätigen können. Freilich: Die Grundvoraussetzungen für ein Zusammenleben kann der Staat nicht aus sich heraus zur Verfügung stellen. In diesem Sinne stimmt der Satz, dass nicht die Kirchen, das Kreuz brauchen, sondern der Staat. Der braucht aber auch die Kräfte des Islams, der Lehre des „achtfachen Weges“, etc.
Ich gehe, wie einer der Gründungsväter der amerikanischen Bill of Rights, James Madison, wenigstens für das Christentum davon aus, dass je ohnmächtiger, machtloser, die Kirchen den Anspruch des Kreuzes und seine Symbolkraft vertreten, dies umso authentischer und wirksamer tun. Und ich vermute, dass das auch für die anderen großen religiösen Traditionen dieser Welt gilt.
Wäre also nicht ein Verzicht auf die liebgewordenen Tradition des Aufhängens des Kreuzes in öffentlichen Gebäuden, ihre „Unterbrechung“, das Durchstreichen, die „Leerstelle“, wirksamer und dem Symbolgehalt des Kreuzes näher als ein gewaltsames daran Festhalten. In der modernen Kunst ließen sich durchaus solche heute „sprechenderen“ Darstellungen der Kreuzes- und Auferstehungsbotschaft finden.
Man könnte natürlich auch vertreten, in öffentlichen Gebäuden den herrschenden Religionspluralismus zu signalisieren und ihn so zugleich akzeptieren, durch das Aufhängen der spezifischen Symbole der jeweils in der Gesellschaft vertretenen religiösen Traditionen. Man müsste dann freilich auch Nicht-Religiösen, Agnostikern und Atheisten erlauben, ihre Überzeugungen zu manifestieren, davon, dass für sie Gott „tot“ ist. Eine Provokation und doch für Christen ein durchaus anschlussfähiger, da interpretationsfähiger Satz. Man könnte ein solches „symbolisches Babylon“ in öffentlichen Gebäuden auch als Aufforderung verstehen zum fröhlichen Wettstreit der Weltanschauungen und Religionen (Koran Sure 5:48), die ihnen eigene sinnstiftende und transformative Kraft sichtbarer und wirksamer zu machen. Ein solcher Wettstreit wäre nicht zum Schaden des religiös unabhängigen Staates und besonders nicht des Gemeinwohls seiner BürgerInnen. Gerade in Schulen könnte die Klassengemeinschaft durch gemeinsames feierliches Aufhängen von religiösen Symbolen den Respekt vor der Identität des religiös Anderen bekunden, seine unvereinnahmbare Andersheit zu akzeptieren und zu lieben. Und ihn, den Neuen, den Anderen, zugleich einladen, von der Schönheit und Bedeutung seiner Tradition zu sprechen. Und von diesem Symbol- und Bedeutungspluralismus könnte man lernen. Die „große Seele“. Mahatma Gandhi wäre kein geringer Zeuge von der heilsamen Produktivität eines solchen Prozesses.
Was auch immer herauskommen mag, ob Leere oder Fülle, eines sollte nicht mehr passieren, den Staat verpflichten zu wollen, die Bedeutungs- und Sinnansprüche einer Religion - wie immer konstitutiv ihre Rolle für das Gelingen einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung war - öffentlich durchzusetzen und zu behaupten. Das wäre gegen den Geist des Menschenrechtes auf Religionsfreiheit und vor allem gegen den Geist der Religion selbst, wenigstens der christlichen.

Mit freundlichen Grüßen Otto König

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  15:48:07 07.13.2005