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52/2009 - Der stärkste Gott (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:23
I Der stärkste Gott

Ein herbeigeschriebener Kampf der Götter, ein dürres Strohgebilde als Weihnachtsstern und die „Tragödie“ des Zusammenstoßens von Gott und Mensch: Gedanken zur Paradoxie von Weihnachten und Christentum.

Von Rudolf Mitlöhner

… die Hungerblässe in ungeheizten / Zimmern und die sternlose Schwärze / einer fieberdumpfen Heiligen Nacht, // in der unüberhörbar mit dünner Stimme / eine ferne Glocke zu singen begann.
Christine Busta, Kleine Dezemberelegie


„Wer hat den stärkeren Gott?“, titelt der Spiegel in seiner Weihnachtsausgabe. Die an Michelangelo gemahnende Illustration auf dem Cover zeigt die Hände Allahs und des Christengottes (oder auch nur von je einem ihrer hochrangigen Repräsentanten?) beim Hakelziehen resp. Fingerhakeln. Das ist aufs Erste gesehen griffig und steht in der Tradition religiös indifferenter Publikationen, sich zu Weihnachten in irgendeiner Weise dem Thema Religion zu widmen. Beim zweiten Hinsehen könnte einem bereits ein etwas unernster, latent blasphemischer Gedanke kommen: Unter der von beiden Religionen geteilten Voraussetzung, dass es hier nicht um zwei Götter wie Mars und Apollo geht, sondern um den einen Gott, den Schöpfer und Herrn der Welt, ließe sich der Spiegel-Titel auf Johann Nestroy herunterbrechen: Wer is’ stärker? I’ oder i’?

Schwäche als Stärke

Drittens aber, und das ist das Entscheidende, muss jedenfalls in christlicher Perspektive gesagt werden, dass die Frage falsch gestellt ist. Denn für den Gott, wie er sich in und durch Jesus von Nazaret ganz konkret geschichtlich erfahrbar gemacht hat, ist Stärke keine Kategorie. Von der Geburt in der Notunterkunft an der Peripherie bis hin zu Folter und Hinrichtung auf der „Schädelstätte“ wird nicht gehakelt, äußere Überlegenheit ostentativ zur Schau gestellt. Das durchgängige Wirkprinzip Jesu ist vielmehr eine innere Kraft, die gerade durch den Verzicht auf „Stärke“ überzeugt. Darin liegt jene christliche Paradoxie von Schwäche als Stärke begründet, die Paulus dann theologisch ausformuliert hat (2 Kor 12,1 ff.). Einen ungeheuer starken bildlichen Niederschlag hat dieser Gedanke in der „Anbetung der Könige“ (ca. 1510) von Hieronymus Bosch gefunden: An Stelle des Sterns auf dem „Stall“, hier eine Elendshütte, findet sich ein sternförmiges Gebilde aus bloßem Stroh …
Überhaupt ist die Paradoxie der genetische Code des Christentums: das Kind in der Krippe als Retter und Heiland; die drei „Könige“, die niederknien; die vielen Handlungen Jesu, die quer zu den allgemeinen Erwartungshaltungen stehen; der Spirit der Bergpredigt; die Sonderstellung von Petrus und Paulus, der eine fettnäpfchenaffin und charakterschwach, der andere ein ehemaliger Gegner der Jesus-Leute; und natürlich Ostern, die Paradoxie schlechthin.
„Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie“ – unter dieses Motto stellen die Salzburger Festspiele ihr Programm im Jubiläumsjahr 2010 (s. auch in dieser Ausgabe „Anno“, S. V). Weihnachten lässt sich dazu als Gegengeschichte lesen: Gott und Mensch stoßen nicht zusammen, sondern in Betlehem wird ein neues, unerhörtes Kapitel in der Geschichte zwischen Gott und Mensch aufgeschlagen. Keine Tragödie, denn es gilt die Zusage einer neuen, größeren Freiheit unter dem offenen Himmel.

Ein Christbaum ist ein Christbaum ist …

Dieser offene Himmel ist spektakulärer als die Tragödien des vielfältigen Zusammenstoßens zwischen Gott und Mensch. In der Paradoxie von Weihnachten liegt die Sprengkraft des Festes. Dazu passt die Geschichte, die uns zuletzt aus London erreicht hat: Der traditionell von einem zeitgenössischen Künstler gestaltete Christbaum in der Tate Britain ist heuer – einfach ein Christbaum. Keine sozialkritische, antikapitalistische, -militaristische, gegenderte oder sonst wie künstlerische „Intervention“ zum Thema „Weihnachten“, sondern schlicht ein Baum mit Wachskerzen.
Manche haben darin einen Bruch mit der Tradition der Provokation erkannt. Man kann das so sehen. In Wahrheit aber hat die Künstlerin Tacita Dean – vielleicht teils unbewusst – Weihnachten radikal ernstgenommen: Die stärkste Provokation liegt in der Erzählung dieses Festes selbst.

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