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01/2010 - Schluss mit „Tante“
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Ungelesen , 13:00
I Schluss mit „Tante“

Kindergartenpädagoginnen wollen nicht mehr länger alles schlucken, sie kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Wertschätzung.

Von Regine Bogensberger

Der Kindergarten der „Kinderfreunde“ in der Stromstraße im 20. Wiener Bezirk ist ein moderner Neubau mit ausreichend Grünfläche davor. Dahinter ragt ein Wohnbau für Jungfamilien empor. Fröhlich spielen Kinder in den großen, freundlichen, hellen Räumen. Es herrscht professionelle Routine. Doch unter den Pädagoginnen und Helferinnen des Kindergartens gärt es.
Nicht nur hier in diesem Kindergarten oder bei diesem Trägerverein, sondern zunehmend bundesweit. Zu lange hätten die Pädagoginnen, zu meist Frauen, „brav und angepasst“ gearbeitet, betont Kindergartenleiterin Karin Samer. Doch nun ist Schluss damit. „Jetzt ist eine Diskussion im Gange. Es wird aber ein langer Prozess, bis sich für alle etwas verbessert“, sagt Samer, die seit 22 Jahren als Pädagogin arbeitet und seit der Eröffnung des Standortes im September 2006 den Kindergarten leitet. „Doch der Höhepunkt des Unmutes ist noch nicht erreicht“, ist sie sicher. Es hatte lange gedauert, dass sich der Frust vieler Pädagoginnen über zu große Gruppen, Personalmangel, geringes Prestige und Bezahlung erstmals öffentlich entlud.
Erst Ende 2009 wurde ein Aktionstag und eine Demo in Wien abgehalten. Die wesentliche Forderung der Veranstalter vom Dachverband der Berufsgruppen der Kindergarten- und Hortpädagoginnen: Pädagoginnen in der vorschulischen Bildung wollen endlich jene Wertschätzung, die ihnen auch die Wissenschaft zuspricht. Arbeitsbedingungen müssten sich verbessern: Sie fordern eine höhere Bezahlung, zwei Pädagoginnen pro 15 Kinder (eine Empfehlung von Experten), ein Bundesrahmengesetz für qualitative Mindeststandards in ganz Österreich und eine universitäre Ausbildung.
Fast 15.000 Unterschriften wurden vor Weihnachten der Regierungsspitze überreicht. Das magere Output des Gespräches: Man bleibe in Kontakt, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Berufsgruppe, Raphaela Keller. „Wir sind nicht enttäuscht, wir sind realistisch. Es wird weitere Gespräche geben“, entgegnet sie.
Doch noch lassen konkrete Verbesserungen in der Arbeit mit den Kindern auf sich warten. Zurück in den Kindergarten in der Stromstraße – ein Beispiel von vielen. Klagen gibt es auch von anderen Trägern und in den Bundesländern. Leiterin Samer führt durch die schönen Räume. Es gibt drei Kindergartengruppen und eine Kinderstube für Kinder von ein bis drei Jahren. In einer Kindergartengruppe werden 25 Kinder betreut, es arbeiten eine Pädagogin und eine Helferin pro Gruppe. Aufgrund der über 50-stündigen Öffnungszeiten müssen zwei Pädagoginnen pro Gruppe angestellt sein.
In der Krippe finden 15 Kinder Platz. Zwei Pädagoginnen sowie zwei Helferinnen (eine Vollzeit, eine Teilzeit) arbeiten mit den Kindern und betreuen sie. Samer arbeitet zusätzlich zur administrativen Tätigkeit auch 20 Stunden die Woche im sogenannten „Kinderdienst“, also mit den Kleinen in der Gruppe. Insgesamt 90 Kinder werden hier betreut. „Der Personalstand macht es schwierig, den immer höheren Anforderungen an unseren Bildungsauftrag gerecht zu werden“, erklärt Samer. Genau dieser wird aber immer mehr eingefordert, jetzt auch durch einen Bildungsplan für Vorschüler im Rahmen des verpflichtenden letzten Kindergartenjahres.
Die Herausforderungen sind groß: 85 bis 90 Prozent der Kinder in diesem Kindergarten haben Migrationshintergrund, 23 Muttersprachen sprechen die Kinder. Sprachdefizite sind laut Pädagoginnen auch bei deutschsprachigen Kindern keine Seltenheit. Auch die Arbeit mit Eltern wird immer wichtiger. Zudem: Wenn eine Pädagogin krank sei, gebe es kaum Vertretung, da es zurzeit am Arbeitsmarkt zu wenige Pädagoginnen gebe, sagt Karin Samer: Die Tätigkeit der Helferinnen sei auch nicht klar definiert. Sie sind quasi „Mädchen für alles“, helfen in der Betreuung der Kinder und müssen den gesamten Kindergarten reinigen sowie die Kinder mit Essen versorgen.
Zur Sprachförderung kommt eine Sprachförderassistentin für 15 Wochenstunden in die Gruppen. „Die Assistentin mit türkischen Wurzeln kann aber nur eine Brücke zur deutschen Sprache bauen und die Sprachkompetenz in der Muttersprache festigen. Diese ist Basis für das Erlernen der Zweitsprache Deutsch“, sagt Samer. Bei all diesen Anforderungen steige der Frust unter den Pädagoginnen, die zwar wüssten, was alles an pädagogischer Arbeit notwendig sei, es aber aufgrund der Rahmenbedingungen nicht umsetzen könnten. Das oftmals gehörte Klischee – die spielen eh nur – kränkt. „Es wird nicht gesehen, dass hier auch pädagogische Arbeit dahintersteckt“, meint Samer. Die Konsequenz: Viele Kolleginnen seien „ausgepowert“. Und noch etwas fügt Samer hinzu: „Es absolvieren zwar genügend junge Menschen die Schulen für Kindergartenpädagogik (Bakip), aber die meisten studieren weiter und gehen nicht in den Beruf.“ Ein Grund laut „Kinderfreunden“: Es sei schwierig, sich mit 14 Jahren für so einen verantwortlichen Beruf zu entscheiden.

Zu wenig Verdienst für Männer?

Das durchschnittliche Einstiegsgehalt beträgt bei den „Kinderfreunden“ 1752 Euro brutto, für Helferinnen nur 1177 Euro brutto. Die Pädagoginnen fühlen sich unterbezahlt. Samer drückt das neue Selbstverständnis klar aus: „Ich bin eine gut ausgebildete Fachfrau, ich würde gerne fachbezogen entlohnt werden.“ Männer würden auch aufgrund des Verdienstes selten in den Beruf finden. Und die Frauen-Dominanz des Berufes habe auch dazu geführt, dass zu viel „geschluckt“ worden sei, räumt Samer ein. „Jetzt tut sich was“, zeigen sich Karin Samer und ihre Kolleginnen zuversichtlich. Sie vernehmen auch positive Reaktionen der Eltern, die erkennen, dass ihre Kinder davon am meisten profitieren, wenn sich etwas für die Pädagoginnen verbessert.
Bei der Führung der „Kinderfreunde“ wird betont, dass man sich mit den Forderungen des Dachverbandes solidarisiere. Kleinere Gruppen seien derzeit nicht finanzierbar, aber erstrebenswert und pädagogisch wichtig, meint der Geschäftsführer Christian Morawek. Durch die gezielten berufsbegleitenden Weiterbildungsangebote werde sich der Personalmangel „in absehbarer Zeit verbessern“.

„Auch monetäre Wertschätzung“

Auch beim Gehalt könnte sich etwas verbessern, zum Beispiel in Oberösterreich: Dort wird eine Lohnerhöhung für Pädagoginnen in Aussicht gestellt. Der zuständige Landesrat Josef Stockinger erklärt, dass in Oberösterreich große Gruppen nicht das Hauptproblem seien, da hinke Wien nach, verweist er auf einen Ländervergleich. Was er einräumt, ist das niedrige Gehalt. „Das Einstiegsgehalt beträgt 1600 Euro brutto. Da müssen wir was tun. Es braucht mehr Wertschätzung für die Kindergartenpädagoginnen, weil sie an einer wichtigen Schlüsselstelle für die Zukunft des Landes tätig sind. Diese Wertschätzung muss sich auch monetär niederschlagen.“ Es gebe nun Verhandlungen darüber mit den Pädagogen.
Gottfried Zeiner, Sprecher des oberösterreichischen Berufsverbandes, widerspricht, dass Gruppengrößen weniger das Problem seien. Seit der Kindergarten beitragsfrei ist, hat sich die Lage laut Zeiner zugespitzt: Es würden Ausnahmeregelungen ausgenützt, nur um keine neuen Gruppen eröffnen zu müssen. Es gebe zum Teil sehr wohl Gruppen mit 25 oder mehr Kinder pro Pädagogin. Auch habe das Land bei weitem nicht genügend Personal gefunden. Barbara Trixner, zuständig für Kindergärten in der Linzer Landesregierung, widerspricht dieser Darstellung. Die Obergrenze pro Gruppe und Pädagogin seien 23 Kinder, der Durchschnitt liege aber unter 23. Man habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Pädagoginnen zu finden. Das ist laut Trixner gelungen: Es seien sogar Pädagoginnen aus der Pension zurückgeholt worden.


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  04:16:53 07.16.2005