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02/2010 - „Ungeplant heißt nicht immer ungewollt“
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Ungelesen , 15:39
I „Ungeplant heißt nicht immer ungewollt“

Eine Gegnerin der Rezeptbefreiung und eine Befürworterin im Streitgespräch: Martina Kronthaler von „Aktion Leben“ und Andrea Mautz von den SPÖ-Frauen.


Das Gespräch moderierte
Regine Bogensberger

In der öffentlichen Diskussion zur Pille danach kommen vor allem Männer zu Wort: Die FURCHE diskutiert mit zwei Frauen über die Rezeptbefreiung: Martina Kronthaler, Generalsekretärin der „Aktion Leben“, und Andrea Mautz, SPÖ-Bundesfrauengeschäftsführerin.

Die Furche: Was würden Sie Ihrer Freundin oder Tochter raten, wenn sie Ihnen verzweifelt von einer Verhütungspanne berichtet?
Andrea Mautz: Ich würde sie fragen, wie lange die Panne zurückliegt und wie ihre momentane Lebenssituation ist. Wenn sie sagt, dass es für sie zurzeit nicht in Frage käme, ein Kind zu haben, würde ich ihr raten, so schnell wie mögliche die Pille danach zu nehmen.
Martina Kronthaler: Ich würde ihr anbieten, mit ihr zum Gynäkologen oder in eine Ambulanz zu gehen. Wichtig wäre zu klären, ob sie überhaupt schwanger werden könnte. Beratung kann ebenfalls weiterhelfen. Wir gehen auch zu oft davon aus, dass im Fall einer ungeplanten Schwangerschaft diese meistens abgebrochen wird. Das ist nicht so. Eine große Studie aus Deutschland von Cornelia Helfferich stellte fest, dass die Hälfte aller Schwangerschaften ungeplant ist, davon ist ungefähr ein Viertel ungewollt und von diesen wird etwa die Hälfte abgebrochen. Auch ungeplante Schwangerschaften können zu gewünschten Kindern führen.
Die Furche: Der Gang zum Arzt oder in die Ambulanz ist nun nicht mehr notwendig. Warum sind Sie, Frau Mautz, für die Rezeptbefreiung des Präparats „Vikela“?
Mautz: Die WHO empfiehlt die Pille danach als Notfallsverhütung; sie wird medizinisch empfohlen weil sie keine negativen Auswirkungen hat. Zudem könnte die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche verringert werden.
Kronthaler: Ob es zu weniger Abbrüchen kommt, werden wir in Österreich nie feststellen können, weil wir keine Ausgangsdaten haben. Wir sprechen uns gegen die Rezeptbefreiung aus, weil die Pille danach ein hochdosiertes Hormonpräparat ist. Auch andere Hormonpräparate werden nicht rezeptfrei abgegeben.
Die Furche: Sind Sie auch grundsätzlich gegen die Pille danach?
Kronthaler: Wer die Pille danach für den Notfall nehmen will, soll wissen, wie sie wirkt: In den meisten Fällen hemmt sie den Eisprung; es ist aber nicht eindeutig geklärt, ob sie nicht auch die Einnistung einer befruchteten Eizelle verhindert.
Die Furche: Laut neuen Studien beeinflusst sie die Einnistung nicht.
Kronthaler: Da gibt es unterschiedliche Informationen. Wir haben alle Studien vergleichen lassen, wir wollen auf der sicheren Seite sein. Zudem: Frauen sollten vor der Abgabe der Pille danach beraten und untersucht werden, zum Beispiel wegen Kontraindikationen. Viele Frauen wissen nicht, dass sie im selben Zyklus noch schwanger werden können. Erfahrungen aus Deutschland zeigen (dort ist die Pille danach rezeptpflichtig), dass diese zu 50 Prozent unnötig verlangt wird, weil Frauen zum Zeitpunkt des ungeschützten Verkehrs gar nicht mehr schwanger werden hätten können. Wir rechnen damit, dass die Hälfte aller Frauen, die die Pille danach einnehmen, ihren Körper unnötig belasten.
Mautz: Ich bin da ganz bei Ihnen: es geht um gute Aufklärung und Information und darum, dass man, wenn man nicht schwanger werden will, für sich die richtige Verhütung findet. Aber die Pille danach wirkt doch wie jede normale Pille auch, sie verhindert einfach den Eisprung. Sie hat nichts mit einer Abtreibungspille zu tun. Sie ist eine Notfallsverhütung, die auf alle Fälle eine geringere körperliche Belastung darstellt als ein Abbruch einer Schwangerschaft.
Die Furche: Was spricht aus Ihrer Sicht gegen eine Beratung durch Ärzte und Ärztinnen?
Mautz: Situationen, wo die Pille danach zum Einsatz kommt, sind nicht jene, wo ich Zeit habe, einen Arzt oder eine Ambulanz aufzusuchen, etwa am Wochenende. Es geht darum, ohne große Hürdenläufe an dieses Notfallsverhütungspräparat zu kommen. Die Apothekerinnen und Apotheker beraten auch, welche Wirkung die Pille danach hat. Es gibt schon viele Erfahrungen. In Frankreich wurde die Pille danach 2000 rezeptbefreit, die Zahl der Abbrüche ging seither leicht zurück.
Kronthaler: Für Notfälle hätten auch mehr Ärzte in den Ambulanzen zur Beratung und Betreuung gereicht. Der Zusammenhang zwischen Pille danach und weniger Abbrüchen ist nicht erwiesen: In Schweden ist die Pille danach schon seit 1993 rezeptfrei: Die haben aber gerade bei Jugendlichen einen stetigen Anstieg von Abbrüchen auf hohem Niveau.
Mautz: Es gibt in dem Bereich unterschiedliche Studien.
Die Furche: Frau Kronthaler, sogar die WHO empfiehlt die Freigabe. Das entsprechende Hormon wird in der Schwangerschaft in noch höheren Dosen vom Körper selbst produziert.
Kronthaler: Ich verlasse mich auf die Information unserer Gynäkologen. Sogar Ärztekammerpräsident Walter Dorner hat davor gewarnt, weil sie massiv in den Hormonhaushalt eingreift. Durch die Rezeptbefreiung geht der Notfallscharakter völlig verloren.
Mautz: Auch jede normale Pille bringt den Hormonhaushalt durcheinander.
Die Furche: Was sagen Sie zum Einwand der Ärztekammer?
Mautz: Man muss auch bedenken, welche Interessen dahinterstehen, die Ärzte wollen auch, dass man zu ihnen kommt. Es ist nun wichtig, dass die Menschen informiert werden, wann es Sinn macht, die Pille danach zu nehmen, und wann nicht. Das wird Gesundheitsminister Alois Stöger nun auch tun.
Die Furche: Sie beide betonen eine gute Sexualaufklärung und Information. Aber Sexualität ist naturgemäß eine Sache, wo die Vernunft oft auslässt. Wie kann die Sexualpädagogik verbessert werden?
Mautz: Es ist wichtig, dass vor allem junge Menschen einen aufgeklärten Umgang mit ihrer eigenen Sexualität finden, dass sie selbstbestimmt entscheiden können, was ihnen gefällt und was nicht, natürlich auch, dass sie über Verhütungsmittel Bescheid wissen. Gerade im schulischen Bereich sollte Sexualpädagogik viel mehr sein als nur Wissen über die biologische Reproduktion.
Die Furche: Eine bessere Aufklärung wird doch schon lange diskutiert. Woran hapert es noch?
Mautz: Es gibt viele Schulen, die Initiativen setzen. Es gibt auch einen neuen frechen Aufklärungsfilm „Sex we can?!“, der sehr ernsthafte Probleme anspricht.
Kronthaler: Es hapert am politischen Willen und am Problembewusstsein. Hätten wir endlich eine Statistik, dann könnten wir diese Forderung besser durchsetzen.
Die Furche: Was hat die SPÖ eigentlich dagegen?
Mautz: Wir haben die Befürchtung, dass damit eine Motivforschung einhergeht. Das erhöht den Druck von außen auf die Frauen. Keine Frau bricht aus Jux und Tollerei eine Schwangerschaft ab. Wir sollten Frauen durch Befragungen nicht noch mehr quälen.
Kronthaler: Es gibt doch viele qualitätsvolle Möglichkeiten, Motive zu erforschen, die Experten und Expertinnen wissen das. Niemand will Frauen quälen.
Mautz: Aber was erwarten Sie sich davon?
Kronthaler: Zu wissen, was wir tun sollten, um Schwangerschaftsabbrüche zu vermeiden.
Mautz: Das liegt doch klar auf der Hand.
Kronthaler: Nicht immer. Jugendschwangerschaften sind zum Beispiel auch ein soziales Problem. Wir wissen aus Untersuchungen in Deutschland, dass junge Mädchen dann schwanger werden, wenn ihnen Perspektiven und Ziele fehlen. Ich glaube zudem, dass wir Sexualität viel positiver und wertorientierter vermitteln sollen. Was oft fehlt, ist die Einbettung in Liebe, Verantwortung und Beziehung. Sexualität ist eine sehr positive Lebenskraft aber kein Konsumartikel. Liebe bedeutet etwa, seiner Partnerin die Situation zu ersparen, die Pille danach zu nehmen. Manche Burschen werden sich noch weniger um Verhütung kümmern, weil sie denken, das Mädchen kann notfalls ohnehin die Pille danach schlucken.
Die Furche: Fürchten Sie also mehr riskantes Sexualverhalten?
Kronthaler: Wir unterscheiden zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Bei Jugendlichen herrscht oft großer Gruppendruck, sexuelle Beziehungen zu pflegen, ohne innerlich reif dafür zu sein. Frauen werden auch ungewollt schwanger, weil Paare nicht miteinander reden können. Das wichtigste Präventionsmittel ist Kommunikation, auch für Erwachsene. Manche wissen nicht einmal die Telefonnummer ihres Sexualpartners.
Mautz: Es gibt immer Extrembeispiele. Gerade wenn eine Frau so alleine dasteht, ist es gescheit, wenn es die Möglichkeit gibt, schnell die Pille danach einzunehmen. Ich glaube nicht, dass die Pille danach zur Mode werden wird, sie ist für Notfälle. Es ist nicht so, dass jemand hergeht und sagt, jetzt habe ich Sex und danach nehme ich eh die Pille danach. So verantwortungslos sind die Leute nicht.

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