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03/2010 - Weitergehen mit Obama (Wolfgang Machreich)
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Ungelesen , 12:55
I Weitergehen mit Obama

Nach einem Jahr im Amt ist die Begeisterung über den Polit-Superstar Barack Obama in Enttäuschung über einen lahmen Präsidenten umgeschlagen – zu unrecht. Dass sein Weg weit ist, wusste man schon vor einem Jahr.

Von Wolfgang Machreich

Eltern kennen es, wenn sie mit den Kindern wandern gehen; und bis zurück zu Mose reicht das Leid jener, die vorausgehen, sei es auf einen Berg oder ins gelobte Land. Ist es noch weit? Wann kommen wir an? Die Fragen an die Vorderen sind immer die gleichen und die Vorwürfe auch: Du hast gesagt! Du hast versprochen! …
Ein Jahr nach seinem Amtsantritt muss sich US-Präsident Barack Obama diesen Fragen und Vorwürfen stellen. Und weil gerade vor ein paar Tagen der Fotograf Dennis Stock gestorben ist und zu diesem Anlass seine Fotos von James Dean in Erinnerung gerufen wurden: Könnte Obama heute einmal ohne Entourage und Bodyguards durch die Straßen ziehen; eine Nacht, allein mit sich und seinen Gedanken und Sorgen und mit all dem, was nicht geklappt hat im letzten Jahr …
Dennis Stock würde einen US-Präsidenten mit hochgeklapptem Mantelkragen, Zigarette im Mundwinkel und im Regen laufend vor die Linse kriegen – Obama auf seinem „Boulevard of broken dreams“.

Obamas geniale Rhetorik wird ihm zur Last

„Wandel ist schwierig“, hat Obama eingestanden. Doch das „change“ will heute nicht mehr so überzeugend klingen, wie vor einem Jahr und im Wahlkampf zuvor. Obamas Reden waren sein Trumpf. Jetzt wird ihm seine geniale Rhetorik zur Last: Viel Lärm um nichts! Schöne Worte, wenig dahinter!
Ein Politikanalyst aus dem Nahen Osten, wo man sich besonders enttäuscht von Obama abwendet, meinte dieser Tage im FURCHE-Interview: „Obama glaubt, er sei immer noch Anwalt und nicht der wichtigste Politiker der Welt. Obama muss aufhören zu moderieren und endlich entscheiden.“
Damit tut er dem Präsidenten unrecht. Obama hat entschieden: für ein riesiges Konjunkturpaket, für einen Neubeginn der Beziehungen mit der muslimischen Welt, für eine atomwaffenfreie Welt, für mehr Truppen in Afghanistan, für sukzessiven Abzug der USA aus dem Irak, für einen moderaten Kurswechsel in der Klimapolitik, für eine Gesundheitsreform in Amerika, gegen einen US-Raketenschild in Europa …
Das ist doch nicht nichts. Noch dazu bei der Ausgangsposition, von der Obama starten musste: Der Ruf Amerikas in der Welt war am Boden und seine Wirtschaft im Keller.
Zweitere ist auch bislang nicht weiter als bis zum Souterrain hinaufgekommen – vor allem das zieht den Präsidenten in seinem Land hinunter. Auch wenn man es nicht mehr hören kann, man muss es schreiben, weil es (leider) immer stimmt: It’s the eco*nomy, stupid! Die desaströse Wirtschaftslage war für die Amerikaner der wichtigste Faktor ihrer Wahlentscheidung. Und solange sich an der Wirtschaftssituation nicht etwas zum Besseren ändert, vor allem die Arbeitslosigkeit deutlich unter die Zehn-Prozent-Marke sinkt, solange wird für immer mehr Amerikaner ihre Entscheidung für Obama zu einer falschen Entscheidung. Der Verlust des demokratischen Senatssitzes im Bundesstaat Massachusetts an die Republikaner am Dienstag dieser Woche ist bereits ein deutlicher Warnschuss.

Verlust des Ted-Kennedy-Sitzes schmerzt

Ausgerechnet bei der Nachwahl um den Senatssitz, den der große Obama-Mentor Ted Kennedy bis zu seinem Tod innegehabt hat, ist es zu dieser schwersten Niederlage für Obama seit seinem Amtsantritt gekommen. Nicht genug, dass mit diesem Verlust eine fatale Sogwirkung für die Kongresswahlen im November einhergeht, die Republikaner werden in ihrer Blockadehaltung gegen alles, was von der Obama-Seite kommt, noch weiter bestärkt.
Der Glaube an den guten Willen bei der Opposition war auch Obamas größte Fehleinschätzung. So düpiert, so schlecht aussehen, so politisch verhungern lassen hat ihn kein Schurke in der ganzen Welt wie die Republikaner im eigenen Land. Obama hat geglaubt, die Finanzkrise würde die Kluft zwischen Rot und Blau schließen. Das Gegenteil war der Fall. Der Graben ist breiter geworden. Das macht die Obama-Tour nicht leichter, weil er mehr Umwege machen muss. Aber dass Vorausgehen nicht leicht ist, davon wissen seit Mose viele ihr Klagelied zu singen – und gehen trotzdem weiter.

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