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Das raubt einem fast die Sprache …
  #1  
Ungelesen , 15:08
hoeretzeder hoeretzeder ist gerade online
 
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Betrifft: Grüne, wie habt ihr ’s mit der Religion? (Nr. 2, 14. 1. 2010, S. 12)

Ihr Beitrag hat mich überaus verärgert. Aus ihm spricht eine argumentative Selbstgewissheit und Arroganz, die einem fast weh tut. Recht gebe ich Ihnen zwar mit der Feststellung, dass Religion und die Grünen nicht ganz reibungslos zusammengehen. Aber Ihr Vergleich – und somit die wesentliche argumentative Grundlage Ihres Beitrags – hinkt insofern, als die Grünen – so weit ich das beurteilen kann – sich auf kein festgefügtes ideologisches oder sonstwie weltanschauliches Fundament berufen. Ganz im Gegenteil: Man verzichtet gerade wegen der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts (und wohl auch der vorhergehenden Zeitalter) auf eine Festlegung darauf, was und wie der Mensch grundsätzlich beschaffen sei. Diese Haltung als „naive grüne Anthropologie“ abzukanzeln, Grünen soziale Züchtungsfantasien zu unterstellen und dabei auch nicht vor dem ebenso obligatorischen wie geschmacklosen Nazi- und Kommunistenvergleich zurückzuschrecken, das raubt einem fast die Sprache.
Die Grünen sind dem liberalen Menschenbild wesentlich näher als der von Ihnen nun diffus allgemein postulierten und zweifellos auch problematischen christlichen Anbiederung. Weder sind alle Grünen Christen, noch verdienen sich jene, die es trotzdem sind, von Ihnen auf diese Art und Weise denunziert zu werden. Man kann, sollte Ihnen das entgangen sein, sich dem Christsein wesentlich verbunden fühlen und trotzdem darauf verzichten, unhinterfragten Dogmen hinterherzulaufen und diese auch noch abfällig gegen andere ins Treffen zu führen, so wie Sie das tun. Sie verwenden das Wort „Gutheit“ genauso abschätzig wie den immer wieder gegen die Grünen und andere ins Treffen „Gutmenschen“, so als ob nur der eine, „richtige“ Christ, den Sie offenkundig im Auge haben, fähig wäre, die „wahre“ Fehlbarkeit des Menschen recht zu erkennen und daraus die einzig richtigen Prämissen für das eigene Handeln abzuleiten. (Sollte Ihnen das entgangen sein: Auch Christen handeln keineswegs auf einer homogenen ethischen Grundlage. Das, was sie unhinterfragt mit „Christentum“ ins Treffen führen, ist vielfältiger und widersprüchlicher, als Sie und wesentliche Vertreter der amtlichen Kirchenmeinung es offenkundig wahrhaben wollen.)
Vonwegen „Christdemokraten, die in ihrer Amtsausübung meist demütig und bescheiden auftreten, während Grüne immer wieder mit dem impetus der Selbstgerechtigkeit und Unfehlbar verstören“: So einen Blödsinn habe ich in der FURCHE schon lange nicht mehr gelesen. Jedem, der die alltäglichen Praktiken der „Christdemokraten“ aus eigener Anschauung kennt, muss Ihre Verteidigung derselben fast wie eine Verhöhnung vorkommen (freilich, da Sie Lehrer an der Politischen Akademie der ÖVP sind, wird Ihre Haltung verständlicher). Wo ist im politischen Alltag Österreichs und anderswo etwas von der Christdemokratie zu hören, wenn es um prinzipielle Ungerechtigkeiten im Wirtschaftssystem geht? Um die reale Gier, die diese Welt unter wesentlicher Beteiligung christdemokratischer Unternehmerideologie dominiert? Wo, wenn es um die tausendfach praktizierten Packeleien auf Gemeindeebene geht? Und wo bleibt der Christdemokrat, wenn es darum geht, schwierige Themen ohne Angst vor der Auseinandersetzung mit Populismen anzugehen?
Wenn Sie in Ihrer oberflächlichen Analyse nur ein paar Sätze übrig hätten für die Wirklichkeit, könnten Sie vielleicht auch verstehen, warum einem Grünen christdemokratische Lippenbekenntnisse in dieser Art schäbig vorkommen. Wie es jedem halbwegs aufrichtigen Menschen schäbig erscheinen sollte, unter Berufung auf Gott Banalitäten vorgesetzt zu bekommen, so wie Sie das tun.
Mit ihrer vollkommen unhinterfragten Verteidigung der „Christdemokratie“ sprechen Sie ideengeschichtlich einer Politik das Wort, die weit hinter das zurückfällt, was seit der Aufklärung eigentlich Standard modernen Denkens sein sollte. Es geht Ihnen nicht um die Sache, wo es trotz der weltanschaulichen Unterschiede politisch durchaus Anknüpfungspunkte zwischen Grünen und den Christdemokraten gibt (Demokratie ist ihrem Wesen nach die Fähigkeit, ungeachtet prinzipieller Unterschiede und Interessen im Alltag einen gedeihlichen Ausgleich zu organisieren), sondern es geht Ihnen um das Denunzieren der Grünen an sich. So wie das die ÖVP und Leute, die in ihrem Umkreis ihr Auskommen finden, immer wieder gerne tun. Ich finde das abscheulich.
Kurt Höretzeder

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