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51-52/2007 - Griechische Vernunft und christlicher Glaube
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Ungelesen 18.12.2007, 10:09
„Das kritisch gereinigte griechische Erbe gehört wesentlich zum christlichen Glauben“, schärft Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede und danach ein.
Von Wolfgang Beinert

Wenn der Papst seine Wohnung im Apostolischen Palast verlässt und ein Stockwerk tiefer geht, steht er bald in den Stanzen Raffaels. In der einstigen Bibliothek seines Vorgängers Julius II. hat der geniale Urbinate die obersten Ideen nach der Philosophie Platons ins Bild gesetzt: Das Wahre, das Gute und das Schöne. Die höchste Idee des Wahren ist an den Langseiten doppelt dargestellt. Der philosophischen Vernunft ist die „Schule von Athen“, ein Symposion der bedeutendsten griechischen Denker, dem theologischen Glauben die „Disputa“, eine Versammlung der größten Glaubensdenker um das Altarssakrament, gewidmet. Es entspricht der beständigen christlichen Tradition, dass Glaube und Vernunft unter dem Aspekt der Wahrheit zusammengehören. Auch die Vorlesung Benedikt XVI. am 12. September 2006 im Audimax der Universität Regensburg kreist um dieses Thema, welches ihn von der Bonner Antrittsvorlesung bis zur Enzyklika „Spe salvi“ vom 30. November 2007 beschäftigt. Die Regensburger Rede zählt mittlerweile zu seinen bedeutendsten Verlautbarungen. Es geht im universitären Kontext um das Verhältnis von Vernunft und Glaube und um ihre Bedeutung für das Christ-Sein. Die zentrale These lautet: Das „innere Zugehen aufeinander, das sich zwischen biblischem Glauben und griechischem philosophischem Fragen vollzogen hat, ist ein nicht nur religionsgeschichtlich, sondern weltgeschichtlich entscheidender Vorgang, der uns auch heute in die Pflicht nimmt“. Wenig später erklärt der Papst, „dass das kritisch gereinigte griechische Erbe wesentlich zum christlichen Glauben gehört“.

Glaube und Denken
Die Aufmerksamkeit der Kommentatoren richtet sich nicht so sehr darauf, dass Glaube und Denken nach christlichem und besonders nach römisch-katholischem Verständnis zusammengehören. Raffael hatte mit seiner Bezugsetzung keinen Entrüstungssturm entfacht. Er hatte lediglich visua*lisiert, was seit den Zeiten der Apologeten und Kirchenväter selbstverständlich schien. Der gleiche Gott, der mit seiner Gnade zum Glauben erleuchtet, hatte als Schöpfer den Menschen mit der Vernunft (ratio) ausgestattet, so dass Vernünftigsein geradezu zum Unterscheidungsmerkmal des Menschen wurde: „Homo est animal rationale“, der Mensch ist ein Vernunftwesen, lautet die gängige Definition der scholastischen Anthropologie. Hatte nicht auch schon der 1. Petrusbrief die Gemeindemitglieder ermahnt, sie sollten den Nichtglaubenden „Rechenschaft geben von dem Logos (Vernunftgehalt) der Hoffnung“, die sie beseele (1 Petr 3,15), also von ihrem Glauben? Vernunft und Glaube gehören notwendig zusammen. Gewiss muss genau geklärt werden, wie die gegenseitigen Beziehungen sind, vor allem wie die Hierarchie der beiden Größen ist – ist eine höherwertig oder stehen beide in Augenhöhe voreinander? Benedikt geht auf diese Fragen ein.

„Europäische“ Bedeutung
Die größte Aufmerksamkeit freilich hat sein Beharren auf der bleibenden Bedeutung der antiken griechischen Philosophie für die christliche Religion gefunden. Sofort meldete sich der Einwand: Sind alle anderen Denksysteme dann belanglos? Vor allem wurde der Papst für den in seiner These enthaltenen Eurozentrismus kritisiert: „Diese Begegnung“ zwischen biblischem und griechischem Denken, „zu der dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann“. Die Frage ist unvermeidlich: Und wie steht es dann mit den Kulturen der Völker auf den anderen Kontinenten, zu deren Tradition „Rom“ und „Griechenland“ nicht gehören? Kann es auch eine Synthese zwischen biblischem Denken auf der einen und beispielsweise afrikanischem, asiatischen, südamerikanischem Denken auf der anderen Seite geben? Die Regensburger Rede hat auf alle Fälle Denkanstöße gegeben, die über den Tag reichen. Sie berühren fundamentale Fragen der Religion Christi selbst.

Die politischen, kulturellen und religiösen Verhältnisse des 1. Jahrhunderts veranlassten die Christen, ursprünglich allesamt Juden, das heißt Anhänger der mosaischen Religion, zur Auseinandersetzung mit der hellenistischen Kultur, jenem zivilisatorischen Gefüge, das die Zeit zwischen dem Tod Alexanders des Große und der frühen Kaiserzeit dominiert hat. Die beherrschende philosophische Richtung war der Platonismus in der Form des Plotinismus (benannt nach Plotin, dem Hauptvertreter des Neuplatonismus, 205–270 n.Chr.; Anm.).
Wenn der Glaube Rechenschaft vom „Logos der christlichen Hoffnung“ ablegen sollte, konnte das nur in der Begegnung mit dieser Kultur geschehen. Eine andere gab es für sie nicht. Die Folge war einmal die Notwendigkeit, sich mit einem denkerischen Ansatz auseinanderzusetzen, der nicht mehr alttestamentlich-jüdisch, das heißt vornehmlich heilsgeschichtlich, ausgerichtet war, und zum anderen, die eigene Botschaft wenigstens in der Sprache dieses eher statisch-essenzialistischen Systems zu vermitteln. Das war eine Situation, die weder mit dem Griechischen noch mit dem Jüdischen zwangsläufig zusammenhing, sondern durch die kontingente historische Lage so und nicht anders geworden war. Aber tatsächlich war es eben so, dass die Ausbildung und erste Entwicklung des Christentums genau und nur in dieser Begegnung geschehen ist. Sofern der Anfang die ganze folgende Geschichte eines Lebewesens wie eines soziologischen Organismus nachhaltig prägt, bleibt die Kirche auf diesen Anfang für immer verwiesen.

Schwächer werdend?
Die Frage steht jetzt aber immer noch im Raum, welche dogmatischen, also glaubensbestimmenden Konsequenzen das hat. Handelt es sich (a) um einen langsam schwächer werdenden Impuls, der eines Tages höchstens noch für den Historiker, nicht für die Agenten der Zeit beachtenswert ist, oder (b) lebt die Gemeinschaft der Kirche fortwährend, auf Dauer von und aus ihm? Für Benedikt gilt auf jeden Fall (a) – und kein christlicher Denker wird widersprechen: So wie ein Individuum durch alle Phasen seiner Bio*grafie geformt wird, so auch ein gesellschaftlicher Organismus. Leben und Wachsen ist im einen wie im anderen Fall nur aus der Tradition möglich.

Nur griechische Denkform?
Problematisch allerdings ist (b): Ist die Kirche unüberbietbar auf die griechische Denkform angewiesen? Man kann vier Gründe benennen, die den Papst zu einem entschiedenen Ja führen:
  1. Die spezifische Menschenfreundlichkeit des christlichen Glaubens: Die biblisch-griechi*sche Synthese lehnt sowohl den Fi*deis*mus (fundamentalistische Buchstabengläubigkeit) wie den Rationalismus (naturalistische Rück*weisung der Transzendenz) ab. Sie bejaht alle Fähigkeiten und Möglichkeiten des Menschen in einer jedem Fanatismus grundsätzlich abholden Ausgewogenheit.
  2. Der kritische Charakter der christlichen Theologie: Weil sie den „Mut zur Weite der Vernunft“ (Benedikt XVI.) besitzt, fühlt sich die Theologie gerade in der Reflexion über die göttliche Offenbarung dieser Vernunft verpflichtet und ihren Thesen gegenüber prinzipiell aufgeschlossen. Erst so kann sie auch den Charakter einer Wissenschaft und damit einen Platz im Haus der Wissenschaften, der Universität, beanspruchen. Das herauszustellen, war eines der Hauptanliegen der Regensburger Rede.
  3. Die Identität der christlichen Glaubensverkündigung: Die altchristlichen Konzilien über die Grundlagen des Glaubens (Christologie, Trinitätslehre) konnten diese faktisch nur mit Hilfe der griechisch-philosophischen Terminologie verständlich für damals formulieren. Sie besitzt damit einen bleibenden Wert für das christliche Bekenntnis: Noch heute beten alle Christinnen und Christen das Apostolische und das Große Glaubensbekenntnis und versichern sich (vor allem beim zweiten Bekenntnis) so mit griechischen Begriffen ihres gegenwärtigen Glaubens.
  4. Die Treue des Christentums zur Offenbarung: Alle christlichen Kirchen sind sich einig, dass die letzte, nicht mehr überholbare Glaubensgrundlage die Heilige Schrift ist. Was aber zu ihr gehört und was nicht, die Kanonentscheidung, beruht auf der auch philosophischen Denkanstrengung der Alten Kirche. Sie sichert die Vollständigkeit der Glaubensgrundlage.
Außereuropäisches Denken
Eine andere Problematik tut sich auf, wenn erörtert werden muss, welche Bedeutung gegenüber der antiken Synthese und über sie hinaus andere, vor allem außer*europäische Denkformen und Denksysteme haben. Der Papst insistiert nicht auf einem denkerischen Immobilismus. Er bekennt sich zur Aufklärung. In der Tat: Die philosophische Kategorie der Geschichtlichkeit verlangt dezidiert den „Mut zur Weite der Vernunft“, der theologische Begriff der Katholizität (der Kirche) zeigt die Notwendigkeit der Öffnung auf das ganze Spektrum der menschlichen Gottes-Reflexion.

Der Autor, Jg. 1933, war Professor für Dogmatik an der Universität Regensburg und gehört dem „Ratzinger-Schülerkreis“ an.

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