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51-52/2007 - Platonismus oder Bibel?
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Ungelesen 18.12.2007, 10:18
Das Christentum sollte nach der Krise der griechischen Philosophie wieder an die Bibel anknüpfen.
Von Paul Wess

Ludwig Feuerbach, einer der schärfsten Kritiker der Religion, schreibt in seinem Buch „Das Wesen des Christentums“ (Kap. V): „… der mensch*gewordene Gott ist nur die Er*scheinung des gottgewordenen Men*schen; denn der Herab*lassung Got*tes zum Men*schen geht notwen*dig die Erhebung des Men*schen zu Gott vorher. Der Mensch war schon in Gott, war schon Gott selbst, ehe Gott Mensch wurde, d.h. sich als Mensch zeigte. Wie hätte sonst Gott Mensch werden kön*nen? … Gott, sagt die Religion, ver*menschlich*te sich, um den Menschen zu vergöt*tern.“ In der Vorrede zur zweiten Auflage dieses Buches verteidigt er sich gegen den Vorwurf, dass er mit seiner Kritik die Religion zerstöre: „Nicht ich, die Religion betet den Men*schen an, obgleich sie oder viel*mehr die Theo*logie es leugnet; nicht meine Wenigkeit nur, die Religion selbst sagt: Gott ist Mensch, der Mensch Gott.“

Statt über solche Sätze zu erschrecken, geben die christlichen Theologen und das kirchliche Lehramt Feuerbach Recht, indem sie von einer „Menschwerdung Gottes“ und einer darauf beruhenden „Vergöttlichung des Menschen“ sprechen (nach dem Grundsatz: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde“; vgl. Furche 39/2007, Artikel: „Ihr werdet wie Gott“). So schreibt etwa Karl Rahner: „In Wirklichkeit aber ist es so: Gott ist Mensch – und darum ist die Gottesliebe Menschenliebe und umgekehrt“ (Glaube, der die Erde liebt, 94). Er versteht darunter keine reale Identität von Gott und Mensch, aber eine Gottebenbürtigkeit des Menschen aus Gnade. Rahner stellte sich der Frage, wie die Vergöttlichung eines Geschöpfs möglich sein kann, ohne dass dieses gnadenhafte Wie-Gott-Sein ein „aufgepfropfter“ Fremdkörper bleibt wie ein Edelreis auf dem Wildling. Seine Antwort war, dass der Mensch dazu fähig ist, weil er als Geist bereits von Natur aus unendlich ist, also immer schon vor Gott steht und im Grunde um Gott weiß (darauf beruht auch seine Theorie vom „anonymen Christen“). Rahner hat also diese hellenistische Theologie eines Wie-Gott-Werdens aus Gnade, die von Augustinus auch im Westen vertreten wurde, nur philosophisch zu Ende gedacht. Bevor man ihn deswegen kritisiert, müsste man die hellenistisch-
theologische Lehre von Erlösung als Vergöttlichung hinterfragen.

Platonischer Idealismus
Als Kritik an Rahner führt Kardinal Joseph Ratzinger in seinen „Anmerkungen zu Rahners Grundkurs des Glaubens“ an, „dass der platonisch-idealistische Zug … bei Rahner durch die Begegnung mit dem deutschen Idealismus eher noch verstärkt wird“, und er sieht „das Problematische von Rahners Versuch … in der zu starken Prägung dieser Konstruktion durch Grundgedanken des deutschen Idealismus, die … ihr eigenes Gewicht zeigen, das aus dem Christlichen heraustendiert“ (Theologische Revue 74 [1978] 179 und 184). Diese Kritik ist m. E. berechtigt, aber sie gilt dann genauso für die platonisch-augustinische Theologie Ratzingers, wenn dieser schreibt: „Jesus ist Christus, Gott ist Mensch und des Menschen Zukunft heißt darum Einssein mit Gott …“ (Theologische Prinzipienlehre, 199).

Auch der Papst stellt die platonisch-idealistisch geprägte Lehre von der Erlösung des Menschen durch Vergöttlichung nicht in Frage. Im Jahr 1996 sagte er als Präfekt der Glaubenskongregation in einem Vortrag: „Nur der Gott, der selbst endlich wurde, um unsere Endlichkeit aufzureißen und in die Weite seiner Unendlichkeit zu führen, entspricht der Frage unseres Seins.“ In seinem Buch „Jesus von Nazareth“ schreibt er: „Und dies ist das eigentlich Erlösende: die Überschreitung der Schranken des Menschseins, die durch die Gott*ebenbildlichkeit als Erwartung und als Möglichkeit im Menschen schon von der Schöpfung her angelegt ist“ (Seite 33). Doch nach der Bibel (Gen 1,26f) ist der Mensch nicht Gottes Ebenbild, sondern Gottes Abbild (wörtlich: Statue). Als endliches Wesen kann er keine unendliche Kapazität haben oder nachträglich empfangen. Das ist auch nicht nötig. Denn Erlösung heißt nicht, dass wir gottgleiche Übermenschen werden, sondern dass unser (Mit-)Menschsein von und in Gott vollendet wird.

Hellenisiertes Christentum
Als das Christentum in die griechische Welt inkulturiert wurde, geschah dies unter den gegebenen hellenistischen Verstehensvoraussetzungen. Diese waren von platonischer Philosophie geprägt und gingen, vereinfacht gesagt, davon aus, dass die menschlichen Seelen eigentlich der göttlich-geistigen Sphäre angehören und zur Strafe für ihre Vergehen in den Körper als Gefängnis der Seele, also in den negativ verstandenen Leib, verbannt wurden. Dort erinnern sie sich an die geistige Welt der Ideen und sehnen sich nach ihr. Erlösung hieß demnach für die griechisch denkenden Theologen jener Zeit, dass die Seelen wieder aus diesem Kerker befreit werden und in die göttliche Sphäre zurückkehren können, in der sie eigentlich daheim sind. Aus dieser Sichtweise ergab sich nicht nur die Abwertung des Leiblichen im hellenistischen Christentum, sondern vor allem die Vorstellung von Erlösung als durch die Menschwerdung Gottes – genauer: des göttlichen „Logos“, der in diesem Platonismus als Schöpfungsmittler, als Weltseele oder Weltvernunft fungiert – ermög*lichte Heimholung der Menschen in den göttlichen Bereich. Im Unterschied zum griechischen Denken wurde diese Vergöttlichung von den christlichen Theologen jedoch nicht als rein natürlicher Vorgang verstanden, sondern als freies Geschenk Gottes, das der Mensch nur unter bestimmten sittlichen Voraussetzungen erlangt, vor allem durch die Nachfolge Jesu.

Ende des Platonismus
Die platonisch-idealistische Philosophie, die dieser theologischen Tradition zugrunde liegt, beruht auf einer unkritischen Gleichsetzung der Ideen des menschlichen Geistes mit dem Sein, der gedachten mit der realen Wirklichkeit. Auch Rahner begründet ähnlich wie Hegel die Unendlichkeit des menschlichen Geistes damit, dass schon die bloße Vermutung einer Grenze bedeutet, diese überstiegen zu haben, weil man ein Jenseits erkannt haben muss. Ein gedanklich angezieltes ist aber kein real erreichtes Jenseits, eine denkbare Grenze ist keine real festgelegte und überstiegene Grenze. Wenn ich meinen Erkenntnishorizont für begrenzt halte, im Denken über ihn hinausziele (ohne ihn wie einen Gegenstand im Horizont fassen und seine Reichweite bestimmen zu wollen), dann habe ich damit nicht schon meine Grenzen überwunden.

Der Zusammenbruch jener idealistischen Philosophie und einer darauf gründenden Metaphysik, die den Menschen für „Gottes fähig“ hielt, ist ein wesentliches, vielleicht sogar das grundlegende inhaltliche Element der Aufklärung und der Religionskritik, für die Gott nur eine Projektion menschlicher Wünsche ist. Die katholische Kirche wollte im Zweiten Vatikanischen Konzil den Glauben „verheutigen“ und auch auf den modernen Atheismus eine Antwort geben. Aber sie hat ihre eigenen philosophischen Verstehensvoraussetzungen nicht kritisch hinterfragt, geschweige denn korrigiert. Daher kann sie den Glauben nicht mit der kritischen Vernunft in Einklang bringen. Stattdessen greift sie immer wieder auf die fundamentalistische Behauptung zurück, durch Jesus Christus die göttliche Wahrheit erhalten zu haben; ohne zu beachten, dass die Wahrheit dieser Offenbarung nicht mit der Botschaft selbst begründet werden kann.

Rückkehr zur Bibel
Der christliche Glaube kann weder mit einer idealistisch-metaphysischen Gotteslehre noch fundamentalistisch durch die Berufung auf eine göttliche Offenbarung begründet werden. In biblischer Sicht beruht er auf den Erfahrungen jener Praxis personaler Liebe, die Jesus begonnen hat und mit seinen Jüngerinnen und Jüngern verwirklichen wollte. Wenn wir uns darauf einlassen, können wir das uns vorgegebene mitmenschliche Dasein als Geschenk Gottes erfahren und deuten, wie es Christus gezeigt hat. Als Basis der Verkündigung braucht es daher in der Kirche Gemeinden, die Erfahrungsräume personaler Gemeinschaft sind und dadurch Sakrament der Liebe Gottes.
Karl Rahner überlegte nach dem letzten Konzil, ob die Kirche nicht an die Zäsur vor der Hellenisation des Christentums zurückgehen und neu an das biblische Glaubensverständnis anknüpfen müsste, um in andere Kulturen – und man sollte ergänzen: auch in die idealismuskritische, aufgeklärte abendländische Kultur – übersetzt werden zu können, ohne sich ihnen einfach anzupassen (Schriften zur Theologie 14, 287–302). Damit hat er das hellenistische Christentum und auch die eigene Theologie prinzipiell relativiert, ohne dies inhaltlich auszuführen. Das bleibt uns als Aufgabe.

Der Autor ist Dozent für Pastoraltheologie an der Universität Innsbruck.
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Ungelesen 30.12.2007, 19:33
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Jesus, der freundliche Prophet?

Alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit versuchen Sie, uns die Menschwerdung Gottes auszureden. Ihr Feindbild ist ein „hellenisiertes Christentum“, das entstanden sei, „als das Christentum in die griechische Welt inkulturiert wurde“. Was war vorher? Bekanntlich ist das Neue Testament bereits griechisch geschrieben worden, so dass die von Ihnen gewünschte „Rückkehr zur Bibel“ nur die Rückkehr zum Alten Testament bedeuten kann. Das ist eine durchaus respektable Auffassung, nämlich ein Bekenntnis zum Judentum, aus dessen Perspektive eine Menschwerdung Gottes in der Tat unsinnig erscheinen muss.
Die Menschwerdung Gottes ist Ihnen vor allem deshalb ein Dorn im Auge, weil daraus die „Vergöttlichung des Menschen“ abgeleitet wird. Es ist leicht, diese Vorstellung lächerlich zu machen, wenn man Feuerbach als Gewährsmann zitiert und sich seinem Missverständnis anschließt. Keine christliche Theologie behauptet, dass Menschen zu „Übermenschen“ oder Göttern werden. Wie aber soll man die eschatologischen Aussagen etwa des letzten Kapitels der Apokalypse anders verstehen, als den Eintritt des glaubenden Menschen in die Sphäre Gottes? Das steht allerdings im griechischen Neuen Testament und ist daher nach Ihrer Auffassung bereits hellenistisch kontaminiert.
Die Frage ist ja, ob Jesus zu Recht der Christus genannt wird und ob damit irgendetwas Neues begonnen hat. Ihre Antwort ist dürftig, denn Sie bestreiten, dass der „christliche Glaube … durch die Berufung auf eine göttliche Offenbarung begründet werden“ kann. Wodurch dann? Jesus, der freundliche Prophet, hat die „Praxis personaler Liebe“ erfunden. Dazu brauche ich allerdings kein Christentum, das mir die Hoffnung auf Vollendung zuspricht. Mehr noch: Ihre Theologie desavouiert alle jene Menschen, die ganz ohne christlichen Glauben eine glaubwürdige Praxis personaler Liebe üben.
Dr. Peter Pawlowsky
1080 Wien, Buchfeldgasse 9
peter.pawlowsky@chello.at
  #3  
Ungelesen 04.01.2008, 13:02
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„Platonismus für’s Volk“? – Antwort an Peter Pawlowsky

Dass der Beitrag „Platonismus oder Bibel?“ zu Weihnachten veröffentlicht wurde, war nicht meine Idee (er lag schon länger vor), war aber vom Thema her durchaus angebracht (gerade in dieser Zeit wird viel über Menschwerdung Gottes gepredigt).
Das Neue Testament wurde zwar griechisch geschrieben, aber nicht im Sinn der platonisch-idealistischen Philosophie, in dem viel später einige Bibelstellen (speziell der Johannesprolog; Joh 1,1 ff.) im kirchlichen Dogma ausgelegt wurden. Auch wenn dieselben Worte verwendet wurden, musste nicht dasselbe damit gemeint sein (freilich war die Gefahr von Missverständnissen gegeben). „An das biblische Glaubensverständnis anknüpfen“ bedeutet daher nicht Rückkehr zum Alten Testament, sondern zum Neuen Testament im judenchristlichen Verständnis. Dieses blieb übrigens auch noch neben der hellenistischen Auslegung bestehen (Aphrahat, der persische Weise; Ephräm der Syrer u. a.; vgl. Dietmar W. Winkler, Ostsyrisches Christentum).
Wie ich schon im Artikel „Ihr werdet wie Gott“ (FURCHE 39/07) und im letzten Beitrag mit etlichen Texten belegt habe, meint die hellenistisch-christliche Erlösungslehre eine wirkliche Vergöttlichung aus Gnade. Insofern hat Feuerbach nichts missverstanden (auch wenn er statt von „Gnade“ von der „Herablassung Gottes“ spricht). Um irgendwie das „Größer-Sein“ Gottes zu wahren, wird diese Vergöttlichung als „über-natürlich“ bezeichnet, und das bedeutet doch „über-menschlich“ (wobei nicht geklärt wurde, wie der Mensch über-menschlich vollendet werden kann). Daher meine Anspielung auf den „Übermenschen“ bei Nietzsche, der nicht ohne Grund das Christentum „Platonismus für’s Volk“ genannt hat. Allerdings dachte er, dass die Menschen aus eigener Kraft Über-Menschen werden müssten. Hier bleibt ein Unterschied.
Wenn Sie unter „Eintritt in die Sphäre Gottes“ das künftige Gelangen in die „heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes“ (Offb 21,10 f.) verstehen, dann stimme ich gerne zu. Dort wird gelten: „Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal“ (21,4). Aber Gottes Herrlichkeit erfahren heißt nicht vergöttlicht werden. Gott bleibt auch dort noch das größere, uns umgreifende und bergende Geheimnis, von und in dem wir vollendet werden und uns dann „unendlich“ selig fühlen, weil alle unsere Sehnsüchte erfüllt sind (ohne dass wir göttlich-unendlich geworden wären). Ich schrieb bewusst von einer Vollendung von und in Gott, weil ich im Sinn von Apg 17,28 glaube: „In ihm [Gott] leben wir, bewegen wir uns und sind wir“; dass es also eine seinsmäßige Einheit von allen Menschen mit Gott gibt. Dieses In-Gott-Sein wurde in und durch Jesus Christus – der „Erstgeborene von vielen Brüdern [und Schwestern]“ (Röm 8,29) – voll wirksam. Vielleicht ist es diese panentheistische Sicht, in der wir uns treffen könnten.
Wenn der Glaube an eine Offenbarung Gottes „vernunftgemäß“ sein soll, wie es auch der Papst fordert, kann er nicht bloß damit begründet werden, dass es sich um eine Offenbarung Gottes handelt (das wäre ein Zirkelschluss). Wie in der Ringparabel in Lessings „Nathan der Weise“ könnte sich jede Religion auf eine solche Botschaft als ihr Fundament berufen, das nicht mehr hinterfragt werden könne und dürfe. Das ist der Fundamentalismus, der jede Religion unglaubwürdig macht. Nach dem Neuen Testament sagte Jesus seinen Hörern: „Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob diese Lehre von Gott stammt oder ob ich in meinem eigenen Namen spreche“ (Joh 7,17). Er hat allen ein persönliches Urteil zugemutet und zugetraut, nicht einfach Glauben verlangt. Das Kriterium ist nach diesen Worten die Praxis nach dem Willen Gottes, wie sie Jesus in Gang gesetzt hat: eine im Vertrauen auf die persönliche Liebe Gottes zu allen Einzelnen fundierte personale Liebe zu den Mitmenschen um ihrer selbst willen (also nicht auf Gegenseitigkeit und nicht um der Zugehörigkeit zum eigenen Volk oder zur eigenen Glaubensgemeinschaft willen), und zwar prinzipiell zu jedem, auch zu den Fernsten und zu den Feinden.
Jesus hat diese Liebe nicht als „freundlicher Prophet“, wie Sie schreiben, „erfunden“, sondern als den Willen Gottes erkannt und bis zur letzten Konsequenz verwirklicht. Eine solche Liebe ist spezifisch christlich. Sie zehrt sehr wohl von der Hoffnung oder von dem Glauben, dass der Mensch mehr ist als ein blindes, sinnloses Zufallsprodukt (vgl. Paolo Flores d’Arcais: „Der Stolperstein für den Atheisten ist die Unfähigkeit zur Nächstenliebe“). Wenn es eine solche Liebe in der Welt gibt, wird sie kaum „ganz ohne christlichen Glauben“ zustande gekommen sein, auch wenn ihr das nicht bewusst ist. Falls aber wirklich Menschen ohne jeden christlichen Hintergrund nach ihrem Gewissen diese Liebe als das vorgegebene wahre Mensch-Sein erkennen und in der Hoffnung auf Vollendung leben, dann haben sie eben zu dem gefunden, was das Christsein ausmacht.
Dr. Paul Weß
6020 Innsbruck, Maximilianstraße 8
paul.wess@uibk.ac.at
  #4  
Ungelesen 04.01.2008, 13:52
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Pastoral(theologisch)e Verkürzungen

Bei aller Kritik an der „platonisch-augustinischen Theologie“ von Benedikt XVI. und dem „Idealismus“ in der Theologie Karl Rahners: Heutige Theologie vor die Alternative „Platonismus oder Bibel“ zu stellen ist beim gegenwärtigen Diskussionsstand um die Ursprünge des Christentums unseriös.
Weß wendet sich mit Recht gegen die „fundamentalistische Behauptung“, dass Christen „durch Jesus Christus die göttliche Wahrheit erhalten … haben; ohne zu beachten, dass die Wahrheit dieser Offenbarung nicht mit der Botschaft selbst begründet werden kann“. Weß selbst jedoch zeigt in keiner Weise auf, wie diese Wahrheit begründet werden kann. Im Gegenteil: Es folgt einfach ein Hinweis auf die „Erfahrungen jener Praxis personaler Liebe, die Jesus begonnen hat und mit seinen Jüngerinnen und Jüngern verwirklichen wollte“, auf denen der christliche Glaube beruhe, und ein Aufruf sich darauf einzulassen, um „das uns vorgegebene mitmenschliche Dasein als Geschenk Gottes erfahren und deuten“ zu können, „wie es Christus gezeigt hat“.
Mit Feuerbach muss man da fragen: Warum redet Weß von Gott, wenn in biblischer Sicht der christliche Glaube angeblich auf rein menschlichen Erfahrungen personaler Liebe beruht? Was ist Weß’ Pastoral(-Theologie) da anderes als eine biblisch inspirierte Anthropologie?
Wie immer man das Sein und die Wirklichkeit unserer Welt versteht: Voraussetzung für die Möglichkeit von religiösen Aussagen ist, dass der Mensch und seine Welt auf irgendeine Weise auf Gott hin „offen“ ist (bzw. wenigstens werden kann). Dabei ist den großen Theologen immer bewusst, dass Erlösung, „Vergöttlichung“ oder Gottebenbildlichkeit nie – wie in der Gnosis – ein „idealistisches“ Sein-wie-Gott bedeutet. Die bleibende Endlichkeit und materielle Welthaftigkeit des Menschen ist überall in der christlichen Theologie konstitutives Unterscheidungsmerkmal zur Gnosis, ja: tiefe Diesseitigkeit Gottes wird zum Grundgeheimnis christlichen Inkarnationsglaubens, eines Glaubens, „der die Erde liebt“ (Rahner).
Das platonische Denken eignete sich in besonderer Weise für die christliche Aneignung des griechischen Geistes, aber auch umgekehrt ist die Platon-Renaissance, die sich seit dem zweiten christlichen Jahrhundert entwickelt, ganz wesentlich durch den Aufstieg des Christentums bedingt. Es ist schade, wenn die Frage der Bedeutung griechischer Kultur, Sprache und Philosophie (v. a. Platons und der Stoa) für die Entstehung des Christentums und seine Beziehung zum jüdisch-hebräischen Ursprung auf so oberflächliche Weise dargestellt wird.
Mag. Christian Lorenz
4170 Haslach, Egbertweg 4
christian.lorenz@eduhi.at

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