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20/2010 - Zeiten des Geschwätzes (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 15:19
I Zeiten des Geschwätzes

Von einer Stadt in menschlicher Verwirrung. Und einem Fest der Christen, das an die Kehrseite davon erinnert. Kirche wie Gesellschaft sind in Unordnung, warten auf eine klare Sprache. Notizen über eine bedrängende Zeit.


Von
Otto Friedrich

Geschwätz, genauer: Geplapper – so heißt eine Stadt, von der in der Genesis, dem ersten Buch der Bibel erzählt wird. Babel, so der hebräische Name, wird in der Bibelübersetzung normalerweise mit „Wirrsal“ wiedergegeben. Aber die Parabel vom Turmbau in jener Stadt handelt davon, dass Gott, der Herr, dreinfuhr ins Bauen gen Himmel und dass er die Sprachen der Bewohner verwirrte. Dieses Ereignis fand sich auch im Namen der Stadt wieder. Geplapper eben. Oder Geschwätz.
Chiacchiericcio, so sprach der Kardinal diesen Ostersonntag auf dem Petersplatz, in den deutschsprachigen Medien wurde dieses lautmalerische Italienisch mit „Geschwätz“ übersetzt. Und was der alte Herr der Kirche da von sich gegeben hatte, war bekanntlich eine Welt- und Medienschelte: Es sei Geschwätz, was da über die katholische Kirche verbreitet werde, so der Purpurträger sinngemäß, und der Papst möge sich, bitte, davon nicht beeindrucken lassen. Die Gescholtenen waren empört, dankenswerterweise ließ ein anderer Kardinal dann ja auch kein gutes Haar am Bruder in Amt und Würde und nannte dessen Aussage eine Verhöhnung der Missbrauchsopfer.

Ein Körnchen Zeit-Befund

Doch so deplatziert der Sager des Kirchenfürsten im konkreten Fall gewesen sein mag, ein Körnchen Zeit-Befund steckt darin. Man muss nicht besonders originell sein, um die unmittelbare Gegenwart als eine geschwätzige Zeit zu charakterisieren. Man könnte sich mit dem Blick auf die Tagespolitik bescheiden – was allein rund um den Euro und seine Krise da an Hohlwörtern und Worthülsen produziert wurde, kann jeden Zeitgenossen in tiefste Verwirrung stürzen.
Doch man soll nicht ablenken: Auch das katholische Wirrsal hat es in sich. Eine Babel’sche Epoche also, und nie war das Gleichnis vom Turmbau und das daraus folgende nicht nur sprachliche Tohuwabohu so heutig wie in diesen Tagen.
Eine Unordnung biblischen Ausmaßes also? Die Schrift ist natürlich kein Kommentar zur Zeit, sondern beschreibt Menschheitswissen, das sich in den angesprochenen Szenarien neu manifestiert. Und wie man sieht: Die Kirche ist längst nicht davor gefeit, die Erfahrung von Babel aufs Neue zu machen. Keinem Beobachter entgeht, dass Rom und Ortskirche, aber auch vor Ort Hirten und Herde verschiedene Sprachen sprechen und dass die Parteiungen einander nicht mehr verstehen. Die Kirche ein einziges Babel also? Irgendwie schon.
In den kommenden Tagen erinnern die Christen dennoch an anderes Menschheitswissen, ans Gegenbild zu Babel und dessen schlimmem Los: Pfingsten ist die Kehrseite von Sprachverwirrung. Ein Fest, dessen Geschichte von einigen Leuten erzählt, die – wider alle Erfahrung – sich mit einer einzigen Rede in allen Sprachen ausdrücken konnten. Leute aus aller Welt waren zugegen, so die Pfingstgeschichte, und jeder verstand diese Apostel damals in Jerusalem.

Es wäre Zeit, Klartext zu sprechen

Pfingsten wird in der christlichen Tradition mit dem Anfang von Kirche identifiziert. Natürlich ist das ein Bild dafür, was sich dann über Jahrhunderte entwickelt hat und das – zumindest in Europa und Nordamerika – heute so bedroht scheint.
Aber dieses Bild kann ebenso wie Babel etwas für die Zukunft andeuten: Es gibt die Zeiten des Geschwätzes, der verwirrten Sprache(n), des Unverständnisses.
Und es gibt die Option, eine Sprache zu finden, welche die Menschen verstehen. Worte, die ins Herz treffen. Eine Sprache, die verwundete Seelen heilt. Zu Pfingsten, erzählt die Bibel, ist solches den Aposteln gelungen. Wie sehr beherzigen das diejenigen, die sich als deren Nachfolger verstehen?
Pfingsten 2010 findet also in geschwätziger Zeit statt. Ob sich im Apostolischen Palast in Rom oder in den bischöflichen Palais hierzulande herumgesprochen hat, dass endlich angesagt ist, im skizzierten Sinn Klartext zu sprechen? Man hat nicht den Eindruck, dass diese Botschaft schon nachhaltig angekommen ist.


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