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01/2008 - Irgendjemand muss es ja tun …
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Ungelesen , 11:27
Die enormen Belastungen pflegender Angehöriger, meist Frauen, werden vom Umfeld und der Gesellschaft großteils ignoriert und vergessen.
Von Elisabeth Seligo

Also, alte Menschen und die Betreuung von Demenzkranken, das ist doch kein Thema für den kommenden Frühling, so was Deprimierendes, vielleicht dann im Herbst, aber bitte nicht jetzt …“ Solches und Ähnliches bekam ich zu hören, als ich die Thematik der häuslichen Pflege und Betreuung von demenzkranken und alten Menschen für das nächste Treffen unserer Gruppe von Psychotherapeuten vorschlug. Als ich einer anderen Kollegin von der Zurückweisung des Themas erzählte, meinte sie, es liege auch daran, dass die Betreuung und Pflege von alten Menschen doch nichts sei, womit sich Psychotherapeuten befassen. „Ja leider“, konterte ich, „aber sollten wir uns nicht für die Menschen interessieren, die diese Arbeit leisten?“ Wir Therapeuten arbeiten nicht nur mit Patienten, die psychische Erkrankungen aufweisen, sondern in erster Linie mit Menschen, die eine schwierige Lebenssituation zu bewältigen haben. Und die Situation der pflegenden Angehörigen ist eine, die extrem viel von den Betroffenen verlangt und andererseits in keiner Weise anerkannt oder gar honoriert wird. Letzte Woche war Frau W. bei mir in der psychotherapeutischen Praxis. „Ach, wenn der Herrgott ihn mir nur noch ein bisserl lassen würde …“

Aha, denke ich, Herrn W. geht es wieder schlechter. Frau W. hat Tränen in den Augen. Ihr Mann, so erzählt sie, ist seit zwei Tagen wieder im Krankenhaus. Nun bangt sie um sein Leben. Ich kenne Frau W. nun schon seit acht Monaten, seitdem ihre Tochter sie dazu überredet hat, zu mir in meine Praxis zu kommen. In diesem Zeitraum ist Herr W., der von seiner Frau daheim gepflegt wird, nun schon zum dritten Mal ins Krankenhaus gekommen. Jedes Mal stellt sich für Frau W. die Frage: wird er wieder zurück zu ihr nach Hause kommen? Oder wird sie ihn diesmal für immer verlieren. Eine schreckliche Vorstellung für sie, die seit über 45 Jahren mit ihrem Mann verheiratet ist und ihn nun schon seit über sieben Jahren daheim pflegt. Verschärft wird die Situation dadurch, dass Herr W. seit Jahren mehr und mehr geistig abbaut und mittlerweile die eigenen Enkelkinder nicht mehr erkennt. Außerdem richtet sich Herrn W.s Verzweiflung wegen seines Zustandes oft gegen seine Frau, so dass sie häufig mit Aggressionen ihres Mannes umgehen muss. Wenn Herr W. wieder daheim ist und es ihm recht schlecht geht, weil er Schmerzen hat und weil er schon seit über zwei Jahren fast nur noch bettlägerig ist, dann sagt Frau W.: „Na, wenn der Herrgott ihn doch endlich in Frieden sterben lassen tät’ und er nicht mehr so leiden müsst …“
Ganz abgesehen von der enormen Arbeit, die es bedeutet, einen alten Menschen zu pflegen und zu betreuen, dem großen Zeitaufwand, der eingeschränkten Bewegungsfreiheit für die Betreuungsperson und, nicht zu vergessen, den oft nicht unbeträchtlichen finanziellen Problemen, die in so einer Situation auftreten, ist es auch die emotionale Belastung, die von den Angehörigen einiges abverlangt.

Frau D. pflegt ebenfalls seit mehreren Jahren ihre verwitwete, kranke Mutter und wohnt mir ihr in einem Haus. Jetzt verschlechtert sich der Gesundheitszustand der Mutter immer mehr. Die Hausärztin unterstützt Frau D., die den Wunsch hat, dass ihre Mutter möglichst lange daheim bleiben kann, um, falls keine besonderen Schmerzen oder Komplikationen auftreten, auch zu Hause zu sterben. Frau D. erzählt mir, sie habe sich nun schon erkundigt, was sie zu tun habe, wenn ihre Mutter in der Nacht oder am Wochenende sterbe, wen sie dann verständigen müsse und was zu machen sei. Frau D. schläft nur noch mit Hilfe von Medikamenten ein. Sie liegt im Ehebett ihrer Eltern neben ihrer schwer kranken Mutter. Frau D. wacht in der Nacht häufig auf, erzählt sie, und liegt dann wach und horcht, ob ihre Mutter noch atmet …
Doch nicht nur das Betreuen von Angehörigen, die dem Tode nahe sind, kann emotional sehr belastend sein. Schon wenn es dem alten Menschen gesundheitlich noch besser geht, kann die Auseinandersetzung mit der zunehmenden Hilfsbedürftigkeit dieser Person eine belastende sein. Die Mutter wird älter und schafft den Einkauf und die vier Stockwerke in ihre Wohnung ohne Lift nicht mehr allein. Der Vater wirkt seit dem Tod der Mutter hilflos und kann sich kaum selbst versorgen, und es sollte entschieden werden, ob er in ein Pflegeheim kommt oder zur Tochter zieht. Die Großmutter kann sich alleine nicht mehr ausreichend pflegen und die Wohnung sauber halten, verweigert aber die Unterstützung durch eine Heimhilfe usw.
Wird dann ein Familienmitglied tatsächlich daheim gepflegt, ist die Situation noch ungleich schwerer, denn die Anforderungen an die Pflegeperson können im Laufe der Zeit immer mehr zunehmen, bis hin zu einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung, die jede andere Tätigkeit, Erholung, Freizeit usw. im Keim erstickt.

Frau A. war erst wenige Male bei mir in der Praxis. Ihr Sohn hat sie zu mir gebracht. Sie hat über zwölf Jahre lang ihren Mann gepflegt, bis er vor über einem Jahr gestorben ist. Seitdem fällt Frau A. immer mehr in eine schwere Depression. Obwohl sie körperlich noch durchaus in der Lage dazu wäre, geht sie kaum noch aus dem Haus, schläft extrem viel, will nicht einmal mehr ihre Kinder oder Enkelkinder sehen und meint, es wäre besser gewesen, sie wäre gleichzeitig mit ihrem Mann auch gestorben. Nach den ersten Gesprächen wurde klar, dass nicht nur die Trauer um den Gatten Ursache für die Depression ist, sondern dass Frau A. einfach nicht mehr weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Jahrelang hat sie ihre eigenen Bedürfnisse völlig zurückgestellt und war Tag und Nacht mit der Betreuung und Pflege ihres Mannes beschäftigt. Jetzt ist er tot und ihr Leben ist plötzlich völlig leer.
Wir alle scheuen vor dem Gedanken zurück, dass unsere nahen Verwandten oder eines Tages wir selbst in einem Pflegeheim die letzten Jahre des Lebens fristen müssen. Doch den Preis für einen besseren Lebensabend zahlen zumeist einzelne Personen, nahe Angehörige, größtenteils Frauen, die sich der Verantwortung nicht entziehen können und wollen, und nicht bereit sind, ihre Ehemänner, Eltern, Großeltern etc. in den letzten Lebensjahren alleine zu lassen. Die betreuende Pflegeperson hingegen, die wird nur all zu oft alleine und von ihrem Umfeld im Stich gelassen. Die Probleme und Schwierigkeiten dieser Menschen werden nur zu gerne von der Gesellschaft ignoriert und vergessen.
Als ich Frau A. frage, warum sie ihren Mann denn so lange ohne adäquate Unterstützung gepflegt und ihr eigenes Leben dafür aufgegeben habe, ist sie irritiert. Wer hätte sie denn unterstützen sollen? Und: natürlich hätte sie ihn nicht in ein Heim abschieben wollen. Also hat sie ihn gepflegt und sich um ihn gekümmert. „Irgendjemand hat es ja tun müssen …“

Die Autorin ist Psychotherapeutin in Wien und Perchtoldsdorf.

IN EINER ANDEREN WELT
Wegweiser für Begleiter
altersdementer Menschen
Von Traude Litzka, Michael Rath,
Elisabeth Seligo
Böhlau Verlag, Wien 2007
211 Seiten, brosch., € 19,90

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