ro ro

Themen-Optionen Ansicht

01/2008 - Wo Senioren Kenianisch essen
  #1  
Ungelesen , 11:35
Gemeinsam Leben: Das Kolping-Haus im zehnten Wiener Bezirk beherbergt alte und pflegebedürftige Menschen sowie Mütter in Notsituationen. Nicht immer ganz konfliktfrei, aber mit vielen Synergien.
Von Regine Bogensberger

Wenn sie gesehen wird, ist sie der Star. Sie und ihr Anhang sind ein Anziehungspunkt. Die junge Frau, gebürtige Kenianerin, schiebt einen Zwillingsbuggy vor sich her, darin ihre zwei Babys, 15 Monate alt – die eigentlichen Stars, ein Mädchen und ein Bub blicken mit dunklen Augen einem entgegen. Frau M. spricht mal mit jener Dame, ihr Anblick zaubert ein Lächeln in das Gesicht einer weiteren. Und sie alle haben eines gemeinsam: Sie leben im selben Haus – im Kolping Haus „Gemeinsam Leben“ im 10. Wiener Bezirk. Gemeinsam leben hier alte Menschen, die sich noch mehr oder weniger selber versorgen können, Pflegebedürftige bis hin zu Menschen, die rund um die Uhr versorgt werden müssen. Und Mütter (selten auch Väter) mit ihren Kindern. Während die jungen Bewohner nach einer schwierigen Lebenslage wieder Stabilität suchen und nur kurzfristig hier wohnen, sind die älteren Mitbewohner im letzten Lebensabschnitt.

„Wenn schon Heim, …
Die Idee zu diesem Haus, das mehrere Generationen zusammenführen soll, kam Ludwig Zack, dem langjährigen Bundespräses von Kolping Österreich, vor wenigen Jahren. Es war seine Antwort auf gesellschaftliche Veränderungen, die „neue Ideen des Wohnens für alte Menschen erfordern“: „80 Prozent der Pflegebedürftigen werden von Angehörigen betreut, für die restlichen 20 Prozent ist die Situation sehr schwierig.“ Wenn dann ein Heim, dann solle es ein Ort sein, wo die Bewohner „Familie finden können“, meint Zack, der kürzlich als Präses von Kolping Österreich und als Geschäftsführer des Hauses zurückgetreten ist, um in seiner Pension wieder vorwiegend als Seelsorger tätig zu sein. Vor vier Jahren wurde das Wohnhaus eröffnet (ein zweites Heim dieser Art ist nun im zweiten Bezirk geplant). Seither wohnen rund 200 Menschen im Pflegebereich und 20
in betreuten Wohneinheiten. Zudem gibt es 18 Mutter-Kind-Wohnungen. Die Kleinfamilien werden mit Hilfe von Sozialarbeiterinnen auf einen eigenständigen Neustart vorbereitet.
Dass das Wort „Heim“ bei alten Menschen und bei ihren Angehörigen oftmals Schrecken und schlechtes Gewissen auslöst, ist Zack natürlich bewusst: Aber wenn es die Familie nicht mehr schafft, dann sollte das Altenheim wenigstens ein „besonderer Ort“ sein. Leicht fällt der Eintritt ins Heim aber dennoch nicht, manche leiden sehr. Erst vor kurzem kam, erzählt Zack, eine 86-Jährige. Sie hat geschrien und wollte wieder weg. Eine Mitbewohnerin ist ihr dann intensiv beigestanden. „Es ist eine Freude, wenn die Menschen dann bei uns ankommen“, sagt der Seelsorger.
Ursprünglich auch Teil des Projekts sind Wohnungen für junge Familien, deren Angehörige im selben Heimkomplex gepflegt werden. Diese Idee sei leider noch nicht aufgegangen, bedauert Zack, ist aber optimistisch, dass die Mehrgenerationen-Idee doch noch um eine Facette reicher wird.
Großheime sind passé, doch warum noch Heime überhaupt? Oft genannte Ideen sind wohnortnahe, kleine Pflegeeinrichtungen oder Wohngemeinschaften für Senioren, wo jeder jeden hilft, und von außen Pflege-Dienste angeboten werden. Nicht alle Menschen wollen diese Nähe. Gemeinde-nah ist aber ein Teil des Kolping-Konzeptes: Der Gründer des christlich-sozialen Verbandes, Adolph Kolping, kam aus der Arbeiterschicht. Daher auch der Standort im 10. Bezirk, aus dem auch viele der Bewohner stammen. „So können Angehörige leichter kommen“, erklärt Zack.

Wie sich aber das Heim leisten, wenn man Arbeiter war? Ein Pflegebett kostet mindestens 3999 Euro im Monat, Appartements für betreutes Wohnen mindestens 1029 Euro (übliche Preise in vielen Heimen). „Wir haben die ganze soziale Bandbreite in unserem Haus“, sagt Zack. Wie in anderen Altenheimen muss der Bewohner sein Vermögen aufwenden sowie 80 Prozent der Pension und des Pflegegeldes, der Rest bleibt als Taschengeld. Was nicht selbst bezahlt werden kann, schießt die Sozialhilfe zu. Das Haus werde gemeinnützig geführt, betont Zack.
Die Architektur des Hauses wurde so konzipiert, dass Begegnung vielfach möglich ist. Zahlreiche Aktivitäten werden angeboten, Feste gefeiert, Angehörige so viel es geht einbezogen. Die Gesundheitspsychologin Kerstin Rojko ist für den Bereich Lebensqualität zuständig. Sie muss für die Balance zwischen Ruheverlangen und Lebendigkeit sorgen. „Doch manche haben das Gemeinsam-Sein schon verlernt“, berichtet Zack von seiner Erfahrung. Natürlich gebe es auch Konflikte. Nicht jeder erfreut sich (immer) an den Kindern, die im Eingangsbereich eine Spiel*ecke haben; die allermeisten jedoch schon. Regelmäßig werden von den hier lebenden Müttern eine Café-Runde veranstaltet. Die Frauen kochen Rezepte aus ihren Heimatländern, es sind viele Nationalitäten vertreten, die älteren Menschen sind eingeladen. Und sie kommen – wie Annemarie Bergmann, die 84-jährige gebürtige Würzburgerin, die seit einem Jahr hier wohnt. Nach dem Tod ihres Mannes, der an Parkinson erkrankt war und den sie lange gepflegt hatte, wurde sie „ziemlich hilflos“, wie die alte Dame erzählt. Natürlich habe sie zunächst nicht in ein Heim gewollt, nun aber fühle sie sich sehr wohl. Das Zusammenleben mit den Müttern und Kindern gefalle ihr „sehr gut“. Nachdenklich stimmen sie die großen Schwierigkeiten, in denen sich diese jungen Frauen befinden.

… dann ein besonderes“
Die junge Kenianerin will wenig darüber reden, warum sie hier ist. Nach der Geburt der Zwillinge sei sie sehr krank geworden, erzählt Frau M., sie lächelt viel. Ihre Kinder mussten daher in eine Krisenpflegefamilie. Der Schock der Trennung sitzt tief, bei ihr und den Kleinkindern. Das Mädchen erkrankte an Epilepsie. Die Kinder sind laut Frau M. entwicklungsverzögert und erhalten Frühforderung. „Ich gebe ihnen nun so viel Geborgenheit, wie es nur geht. Wichtig ist nur, dass die Kinder nun bei mir sind.“ Seit sie hier im Kolping Haus ist, habe es nur positive Erlebnisse gegeben, erzählt die 37-Jährige. „Es ist wie ein Hotel, wie wenn ein Traum wahr geworden wäre.“ Ein paar Monate wird sie noch bleiben, gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin wird das neue Leben „draußen“ vorbereitet.

www.gemeinsam-leben.at

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  02:21:49 07.16.2005