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01/2008 - „Kein verordnetes Miteinander“
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Ungelesen , 11:36
Wohnen im Alter neu gedacht – zwei Wohnprojekte versuchen, verschiedene Familienformen unter ein Dach zu bringen.
Von Karl Vogd

Wohnbedürfnisse existieren nicht losgelöst von gesellschaftlichen Entwicklungen. Daher verlangen der zunehmende Anteil älterer Menschen, die wachsende Zahl von Singlehaushalten und der rasche Wechsel familiärer Strukturen neue Antworten im Wohnbau. Einfamilienhaus, Reihenhaus und Eigentumswohnung reichen als Wohnangebote nicht mehr aus. Besonders stark betroffen von diesem Veränderungsprozess ist das Wohnen im Alter.
Nötig sind daher innovative Lösungen im Wohnbau, die es schaffen, in einer Epoche der Individualisierung und Fragmentierung neue Formen der Nachbarschaft anzuregen und ein konstruktives Miteinander der Generationen zu ermöglichen. Ein Pilotprojekt, das diesen Anforderungen gerecht werden will, wird derzeit in der Steiermark verwirklicht. Initiiert vom Verein „Artimage“ und der Wohnbauabteilung der steirischen Landesregierung entsteht unter dem Motto „Zusammenbauen – Mehrgenerationenwohnen“ in der Stadt Gleisdorf ein „Mehrgenerationenhaus“. Für die Anlage mit ca. 70 Wohnungen läuft derzeit ein europaweit ausgeschriebener Architektenwettbewerb. Im März soll das Siegerprojekt feststehen. Baubeginn soll noch 2008 sein.
Die Wohnhausanlage entsteht auf einem Grundstück an der Schnittstelle von Innenstadt und vorstädtischem Wohngebiet. Sie soll Generationen zusammen*führen, ohne sie zusammenzuzwingen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die richtige Verteilung der Altersgruppen. „Es wäre ungünstig, wenn hier ein paar Jungfamilien inmitten einer Seniorenresidenz leben. Die Zusammensetzung der Wohnungsnutzer muss den Querschnitt der Bevölkerung widerspiegeln. Nur so kann man der Gefahr einer Ghettoisierung entgehen“, sagt Charlotte Pöchhacker, Direktorin von Artimage, die gemeinsam mit dem Architekten Bernd Vlay die Projektvorbereitungen koordiniert. Andererseits gelte es aber auch, unerwünschte Separierungen zu vermeiden. „Wir haben keine Wohnhausflügel vorgesehen, in denen nur alte Menschen leben.“ So werde die Möglichkeit für ein bereicherndes Nebeneinander von unterschiedlichen Lebensentwürfen und Lebenszyklen geschaffen.
Bei der Planung werden die unterschiedlichen Bedürfnisse im Hinblick auf die Wohnungsgröße berücksichtigt. Es gibt nicht nur die Standardgröße für die Kleinfamilie, sondern auch kleinere Singlewohnungen und größere Wohneinheiten für Mehrkinderfamilien. Und es wird schon bei der Planung dafür vorgesorgt, dass Wohnungen nachträglich geteilt oder zusammengelegt werden können. Für Senioren mit besonderen Bedürfnissen sind Möglichkeiten für betreubares Wohnen vorgesehen.

Ein wesentliches Anliegen dieses Pilotprojektes ist es, den Kontakt zwischen Jung und Alt in Schwung zu bringen. „Hier geht es aber nicht um Zwangsbeglückung und verordnetes Miteinander“, stellt Pöchhacker klar. „Privatsphäre und Intimität bleiben strikt gewahrt.“ Einander näher kommen sollen die Generationen, so sieht es das Konzept jedenfalls vor, über zahlreiche „Kommunikationszonen“ und „Begegnungsräume“. Die Gestaltung dieser Bereiche ist eine Schlüsselaufgabe der Planung. „Diesen Zonen wird keine direkte Funktion zugewiesen. Sie bleiben offen für die jeweilige Nutzung der Bewohner“, erläutert Charlotte Pöchhacker. „Das bietet die Chance auf eine Neuinterpretation von Gemeinschaftlichkeit. Begegnung und Miteinander werden ermöglicht, aber die Art der Verwirklichung wird nicht vorgegeben“, hofft die Projektkoordinatorin.
Ein Miteinander der Generationen erreichen will auch ein Wohnprojekt im niederösterreichischen Herzogenburg. „Die üblichen Schritte bei der Errichtung von Wohnhausanlagen sind: Zuerst bauen, dann beleben. Wir machen es umgekehrt: Wir bilden zuerst eine Gemeinschaft und fangen dann zu bauen an“, sagt Markus Distelberger. Der Rechtsanwalt ist der Sprecher der Arbeitsgruppe „7 Generationen“, die in der Kleinstadt ein generationenübergreifendes Wohn- und Gemeinschaftsprojekt verwirklichen möchte. „Eine altersmäßig heterogene Kerngruppe von zehn Personen entwickelt derzeit Struktur und Prinzipien des Projektes“, so Distelberger.

Der Autor ist freier Journalist.

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