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05/2008 - In aller Deutlichkeit (Otto Friedrich)
  #1  
Ungelesen , 15:57
In aller Deutlichkeit

Wie politisch dürfen – und müssen – Kirchenleitungen sein?
Von Otto Friedrich

Eindrucksvoll, wie sich der neue evangelische Bischof Michael Bünker in den letzten Wochen zu einer öffentlichen Lichtgestalt nicht nur seiner Kirche mauserte: Das Mäntelchen des „politischen“ Kirchenmannes hat er sich längst umgehängt. Das war das auch bei seiner Amtseinführung in Wien greifbar: „Evangelischer Glaube … wird sich mit den bestehenden Verhältnissen nie abfinden, wird nicht resignieren und nicht zynisch werden. Wird auch nicht illusionär über die Realität weggehen, sondern sich voll Wachsamkeit und Leiden*schaft ausstrecken nach der neuen Welt Gottes.“ In diesem Sinn redet der neue Bischof einer „missionarischen“ wie „diakonischen“ Kirche das Wort. Und weiß, da das Datum seiner Amtseinführung auf den Befreiungstag des KZ Auschwitz fällt, auch ein klares Wort zu sagen zur Schuld „der Kirchen gegenüber Israel, dem Volk Gottes“ sowie der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, die mitschuldig geworden sei „durch Wegschauen und Zutun“.

Lässt man die letzten Wochen Revue passieren, so scheint der auffälligste Unterschied zwischen evangelischer und katholischer Kirche im Lande die politische Wahrnehmbarkeit der Kirchenspitze zu sein: Gehört politische Wachsamkeit und Präsenz also mehr zur evangelischen Ausprägung von Christsein als zur katholischen? Natürlich nicht im Grundsatz: Was Michael Bünker über die missionarische und diakonische Kirche bemerkte, kann ein Katholik mitunterschreiben – auch „katholischer“ Glaube darf sich nicht mit Bestehendem abfinden, wenn Gerechtigkeit und Menschenwürde verletzt werden. Der öffentliche Diskurs täuscht dennoch nicht: Bei der Blickschärfung in „politischen“ Fragen erweist sich die evangelische – und nicht die katholische! – Kirchenleitung als Avantgarde. Das ist nicht nur bedauerlich, sondern konterkariert die Kultur einer notwendigen Auseinandersetzung: Es passiert zu viel im Lande, zu dem auch die Repräsentanten der katholischen Kirche sich nicht verschweigen dürfen – und zwar rechtzeitig und mit vernehmbarer Stimme.

Es gibt sie ja doch, diese Stimmen, mag man einwenden, wie jene des Wiener Weihbischofs Helmut Krätzl, der in seinem jüngsten Buch auch seinen Mitbrüdern anempfiehlt, „politischer“ zu werden, dessen einsame Stimme aber weitgehend ungehört verhallt. Und es gibt auch hin und wieder den gequälten Aufschrei eines katholischen Laien, der von seinem Hirten eine „politische“ Stimme erwartet: Wie Erhard Busek vor einigen Tagen Kardinal Schönborn angriff, mag im Ton völlig ungehörig sein – aber solche Impertinenz gegenüber (kirchlicher) Autorität ist auch ein Kennzeichen prophetischer Rede. Und in der Sache muss man dem (Ex-)Politiker zustimmen: Nicht nur zu den diversen Islam-Unsäglichkeiten der FPÖ wäre klares Auftreten angesagt (man erinnere sich: auch HC Strache führte ja einst, gleichfalls bischöflich unkommentiert, einen Wahlkampf mit Stephansdom und Pummerin gegen den „Muezzin“), auch die permanente Anti-EU-Kampagne des größten Kleinformats, das der Kardinal bekanntlich mit einer wöchentlichen Seite aus seiner Feder adelt, würde seiner eminenten Stellungnahme dringend bedürfen.

Vor wenigen Tagen haben die Religionsgemeinschaften im Lande sieben Säulen eines Integrationskonzeptes eingemahnt (Seite 2 dieser Furche), auch dabei ist die klare Stimme der Kirchenspitzen gefordert – etwa: Wenn eine Familie durch Abschiebung zerrissen wird, wenn binationale Ehen durch ein menschenunwürdiges Fremdenrecht verunmöglicht werden, dann haben dies jene, die für Familie so eintreten, in aller Deutlichkeit zu artikulieren.

Rund um seinen 102. Geburtstag am 4. Februar ist auch an den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer zu erinnern: Sein Diktum aus 1935, „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“, stellt keine „evangelische“ Position dar, sondern gilt für Katholiken nicht minder. Gerade weil die Lage hier und heute von der Barbarei jener Jahre weit entfernt ist, gehört diese Position aufs Tapet: Nur wer für Gerechtigkeit schreit, darf sich auch in die Schönheit der Liturgie versenken. Nur wer „politisch“ spricht und handelt, kann auch „mystisch“ sein. Gut, dass das ein evangelischer Bischof beherzigt. Warum tun ihm das seine katholischen Brüder nicht gleich?
  #2  
Ungelesen , 09:16
erguotou erguotou ist gerade online
 
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Sehr guter Artikel!

Sehr guter Artikel! Politik und Kirche gehören seit jeher zusammen. Im Guten und im Schlechten. Ob man es wahrhaben will oder nicht. Priester predigen, und Politiker halten Reden. Was tun diese Predigten, und was tun diese Reden? Ihr Leitartikel hat ein aktuelles Problem genau auf den Punkt gebracht. Wir gehen meistens nur in den evangelischen Gottesdienst. Aber ich finde, dass viele Beiträge in der FURCHE zum Besten gehören, was in Österreich erscheint.
Herzliche Grüße aus Peking!
Martin Winter

P.S.: Hier ein kleines Gedicht über Reden:

reden

reden fegt der wind im winter
fegt der wind im winter weg

reden hilft bei starker sonne
hilft bei starker sonne kaum

reden hält der sturm im frühjahr
hält der sturm im frühjahr nicht

reden kommt im herbst in beijing
kommt in beijing oft zu spät

MW, 31. Dezember 2007

Geändert von Rudolf Mitlöhner ( um 12:01 Uhr).
  #3  
Ungelesen , 12:34
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Ökumenische Lichtgestalt

Ich möchte Ihnen für den ausgewogenen und klaren Artikel danken. Bünker ist wirklich eine ökumenische Lichtgestalt, und darin ist er im positiven Sinn eine gute Herausforderung an alle christlichen Kirchen. Danke!
Helmut Nausner
helmut.nausner@utanet.at
  #4  
Ungelesen , 18:27
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Bitte mehr Augenmaß!

Viele FURCHE-Artikel von Otto Friedrich schätze ich sehr. Aber ich finde es fraglich, ob er seinen Kommentar „in aller Deutlichkeit“ wirklich selber so formuliert hat, wie er in Ausgabe 5 (31. 1. 2007) gedruckt wurde. Diese Frage resultiert aus zwei Beobachtungen:
Fast alle meine Artikel, die einst in der FURCHE erschienen, waren im Wortlaut durch die Redaktion verändert worden, oft nur in Kleinigkeiten, manchmal peinlich, fast immer war der Titel ausgetauscht, und immer ohne Rücksprache mit mir. Im Druck erschienen die Artikel allerdings unter meinem Namen, und das Echo auf verzerrt dargestellte Details bekam dann ich von meinen Fachkollegen (ich erspare mir, hier ein Extrembeispiel zu zitieren): Angeblich ist das in der ganzen Zeitungsbranche heute üblich so.
Zweite Beobachtung: Ich kann mir nicht vorstellen, dass mit dem genannten Kommentar wirklich das propagiert werden soll, was ich herauslese – ein Recht für (ehemalige?) Parteipolitiker, wieder einmal den Geistlichen der katholischen Kirche „Watschen“ anzudrohen: Auch solche „geistigen“ Ohrfeigen gehörten einstmals zu den verbalen Vorbereitungshandlungen durch Schreibtischtäter.
Otto Friedrich mag ja die Meinung vertreten, auf eine Wahlkampfrede hätte die evangelische Kirchenleitung klüger (nämlich mit Strafanzeige) reagiert als die jüdische Kultusgemeinde (deren ziemlich stille Zurückhaltung er gar nicht erst erwähnt). Aber stellvertretend für alle, welche die Grazer Provokation bewusst de-eskalieren (oder nicht einmal ignorieren) wollten, wird nun am FURCHE-Titelblatt Kardinal Schönborn attackiert: Damit wird zwar am Kardinal eine typisch christliche Funktion erkennbar – aber um so wackeliger steht die veröffentlichte Meinung in Österreich dadurch da.
Eine Religionsgemeinschaft muss entscheiden dürfen, dass sie sich nicht für parteipolitische Aktion und Gegenaktion einspannen lässt. Ob sie überhaupt in Zeitungen oder anders reagiert, und wenn, dann wie, das kann nicht von zufällig publizierten Tagesinteressen oder Wahlterminen abhängig gemacht werden. Es geht da nicht um einen mehr oder weniger „ungehörigen“ oder „prophetischen Ton“ eines schnellzüngigen Politikers oder seines streitlustigen weiblichen Widerparts – es steht viel mehr zur Diskussion als eine (vielleicht kardinale) Stilfrage:
Die aktuelle Frage ist, ob interkulturelle Unterschiede besser bewältigbar sind durch öffentliches Eskalieren oder durch achtungsvollen Dialog (von dem vielleicht nie ein Dritter etwas erfahren wird) – oder durch beides (und vieles mehr) in weiser Ausgewogenheit.
Ich habe nicht den Eindruck, dass die Presse bei religiösen Themen derzeit differenziert genug mitdenken und klug genug formulieren könnte (um es vorsichtig zu formulieren): Auch die FURCHE nicht immer – so leid mir das tut, weil es ja angenehm wäre, wenn man auf automatische Integrität einer einzigen Zeitung in Österreich vertrauen könnte. So aber wird wichtig, dass sachliche Kritik in einer Redaktion möglich bleibt – Kommunuikation funktioniert meistens dort besser, wo mehrere unterschiedliche Denkmethoden und Darstellungsweisen zugelassen sind (z. B. gründliche neben schnellen).
Ich plädiere für mehr Augenmaß. Auch wenn ich mich selber für noch so tolerant halte: Daraus folgt dennoch nicht eine Eignung, religiöse Instanzen zu präjudizieren.
Mag. art. Ulf-Diether Soyka

Geändert von Leserbrief ( um 17:13 Uhr).
  #5  
Ungelesen , 16:50
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100 %

Noch selten hat mir ein Beitrag der FURCHE so hunderprozentig aus der Seele gesprochen wie dieser! Vielen Dank für diese „Deutlichkeit“!
OStR Rudolf Reinbacher
rudolf.reinbacher@aon.at
  #6  
Ungelesen , 16:58
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… der wird gerettet werden

Wiederum komme ich nicht umhin, einem Redakteur der FURCHE meine Hochachtung auszusprechen: Wir (kritischen) Katholiken haben in letzter Zeit einigen Anlass zur Beschämung, was Aussagen bzw. eben nicht erfolgte Aussagen unserer führenden Repräsentanten betrifft. Da wird von rechtsradikalen Parteien in perfider und letztklassiger Weise gegen den Islam gehetzt (zuletzt in Graz, zuvor in Wien – die Slogans möchte ich hier nicht wiederholen) – und was tut die Amtskirche? Sie geht vornehm darüber hinweg, oder gibt höchstens halbherzige Statements von sich, die niemandem weh tun.
Und die Brandstifter grinsen höhnisch und fahren fort.
Da werden skandalöser Weise über 400 spanische Priester, die Anhänger Francos waren, kollektiv selig gesprochen, und wer protestiert gegen diese eindeutig parteipolitisch motivierte Aktion des Vatikan, die den Opfern des Faschismus, unter denen sehr wohl auch viele Priester waren, ins Gesicht schlägt? Da kann das Opus Dei nach Ausschaltung verdienter Befreiungstheologen in Lateinamerika auf Seiten der Kapitalisten, Neoliberalen und Unterdrücker schalten und walten, und wer erhebt die Stimme zum Protest?
Einige schon, Gott sei Dank! Da gibt es etwa den Amstettner Betriebsseelsorger Franz Sieder, der eben 70 geworden ist und immer auf der Seite der Schwächeren und Benachteiligten der Gesellschaft war und ist. Dafür darf er sich die Diffamierung (oder ist es eher ein Ehrentitel?) „roter Kaplan“ gefallen lassen.
Der FURCHE sei Dank für ihren Mut! Dass sie es nicht leicht hat, kann ich mir vorstellen. Aber, wie es in der Offenbarung Johannis heißt: Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden. Und, ich füge hinzu, auch zur Ehrenrettung der katholischen Kirche beitragen.
Christian Eder
4300 St. Valentin, Hauptstraße 8
christianeder@aon.at
  #7  
Ungelesen , 17:11
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Offenheit und Mut zur Wahrheit

Als Abonnent Ihrer Zeitung freue ich mich Woche für Woche ganz besonders Ihre Beiträge zu lesen. Ihr letzter Leitartikel trifft die Wahrheit wirklich „in aller Deutlichkeit“. Auch ich habe die Worte Erhard Buseks als ziemlich grob empfunden, jedoch – wie soll man es sonst einem schweigsamen Würdenträger sagen? Darf ein Kardinal (fast) immer nur schweigen? Darf er überhaupt in einer Zeitung namens „Krone“ schreiben? Busek wusste also genau, was er sagte!!!
Ihr Artikel hat mir jedoch auch an einer anderen Stelle imponiert: „Bei der Blickschärfung in ‚politischen‘ Fragen erweist sich die evangelische – und nicht die katholische! – Kirchenleitung als Avantgarde.“ Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Artikel und zu Ihrer immer wieder feststellbaren Offenheit, aber vor allem zu Ihrem Mut, die Wahrheit zu verdeutlichen.
Kurt Amann
6850 Dornbirn, Grändelweg 15
ku.amann@aon.at
  #8  
Ungelesen , 09:25
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Prophetische Deutlichkeit

Ich habe mich sehr gefreut, den Leitartikel zur Frage, wie politisch Kirchenleitungen sein dürfen bzw. müssen, zu lesen. Über weite Strecken spricht er mir – in sehr pointierten Formulierungen – richtig aus der Seele. Wie übrigens nahezu alle Beiträge von Otto Friedrich sowie des Themenbereichs Religion insgesamt. Da ist es Zeit, wieder einmal herzlich danke zu sagen für viele Gedankenanregungen sowie den offenen, ermutigenden Geist, der für mich hier beständig weht!
Natürlich stimmt es, dass Diplomatie und Vorsicht nichts prinzipiell Verkehrtes sind. Ich neige vom Typ und Temperament her selbst generell in diese Richtung. Es ist auch richtig, dass manche problematische Äußerung oder Handlung von Politikern am besten unkommentiert bleiben sollte, um nicht noch zusätzlich die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Aber mindestens ebenso richtig ist, dass eindeutige Worte und Taten von Christ/inn/en jeder Konfession überall dort nötig sind, wo „Gerechtigkeit und Menschenwürde verletzt werden“, wie Friedrich schreibt.
Wer in solchen Fällen „unpolitisch“ bleiben will, unterstützt faktisch jene, die Gerechtigkeit und Menschenwürde verletzen – und dies teilweise noch dazu unter missbräuchlicher Berufung auf christliche Werte. Beispiele dafür fallen einem von Österreich bis Südamerika leider zur Genüge ein. Um der Glaubwürdigkeit unserer eigenen Überzeugung willen ist es daher nicht nur richtig, sondern sogar nötig, scharfen Blick, Wachsamkeit sowie prophetische Deutlichkeit im Reden und Handeln einzufordern. Natürlich von uns allen, aber auch von unseren Kirchenleitungen.
Mag. Wolfgang Apolin
1060 Wien
wolfgang.apolin@chello.at

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  20:37:45 07.15.2005