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02/2008 - „Als ob die Mafia die Olympiade organisieren würde“
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Ungelesen , 13:02
Sieben Monate bis zur Olympiade in Peking, bei der sich China als harmonisch-gesittete Gesellschaft präsentieren will. Spucker, Sandler und Bürgerrechtler werden deswegen noch rechzeitig weggeschafft.
Von Wolfgang Machreich

Die Pekinger spucken so wie andere Chinesen wann und wo immer ihnen danach zu Mute ist – dabei werden sie derzeit in unzähligen Kampagnen aufgefordert, ihre Manieren mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele den internationalen Standards anzupassen. Laut Korres*pondentenberichten sind jedoch trotz dieser Benimm-Regeln weiterhin überall Menschen zu sehen und zu hören, die nach Herzenslust spucken. Nicht einmal eine Geldstrafe von umgerechnet knapp fünf Euro hält sie davon ab. „Das geht schon“, sagt Guo Guiyou, ein Fahrrad-Aufpasser am Pekinger Bahnhof, „meistens sehen sie mich ja nicht.“ Und der Taxifahrer Sui Ningguo meint: „Ich kann schließlich nicht in mein Auto spucken.“ Er kurbelt sein Fenster hinunter, spuckt auf die Straße und sagt: „Mal ehrlich, wen interessiert das? Das Spucken kümmert doch niemanden.“ Da irrt Sui Ningguo gewaltig – im Vorfeld der Olympiade im August hat das offizielle China Interesse an allem, kümmern sich Chinas Behörden um alles, was die Olympiade stören und die Volksrepublik in Verlegenheit bringen könnte. Zhang Faqiang, Vize-Chef des Organisationskomitees, wünscht sich „gesittete“ Spiele. Überall dort, wo das Verhalten der Chinesen nicht den Vorstellungen ihrer Führung entspricht, wird derzeit kräftig umgeschult – und das nicht nur beim Spucken. Wer trotzdem sein Verhalten nicht ändert, wird bestraft – und das nicht nur die Spucker.

Bettler, Straßenhändler und Hausierer werden derzeit schon vom Platz des Himmlischen Friedens und den Hauptstraßen im Zentrum Pekings vertrieben. Bei Zuwiderhandeln drohen ihnen Strafen und die Beschlagnahmung ihrer Waren. Mit Patrouillen rund um die Uhr will man während der Olympischen Spiele ein „harmonisches und zivilisiertes Umfeld“ schaffen, zitiert die amtliche
chinesische Nachrichtenagentur Xinhua den Polizeisprecher Yu Hongyuan.
Als „harmonische Gesellschaft“ will Chinas Staatsführung das Land bei den Olympischen Sommerspielen präsentieren. Was oder wer diese Botschaft nicht bestätigt, wird ausgeblendet, weggeschafft und weggesperrt: Jüngstes Opfer der vor-olympischen Säuberungsaktionen in China ist der Bürgerrechtler Hu Jia. Während Staats- und Parteichef Hu Jintao in seiner Neujahrsbotschaft verspricht, dass Peking als Austragungsort der Olympischen Spiele zu einer „Plattform der Völkerverständigung“ werde, sitzt der 34-jährige und seit kurzem Vater einer Tochter gewordene Bürgerrechtler wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ bereits vier Tage im Gefängnis.

„Wie Nazis 1936 in Berlin!“
Letzten Sonntag forderten 57 chinesische Intellektuelle in einem offenen Brief seine Freilassung und auch das Europaparlament setzt sich vehement für Hu Jia ein – aus gutem Grund, ist die EU an Jias Verhaftung ja nicht unbeteiligt. Jia war Chinas Staatsorganen schon lange ein Dorn im Auge – nicht nur weil er Buddhist und Anhänger des Dalai Lama ist. Jias größtes Verbrechen: In seinem Internetblog sammelte er Informationen über Bürgerrechtler sowie über das Schicksal von HIV-Infizierten und kritisierte die Korruption und das Versagen der Parteikader. Über eine Internet-Schaltung nahm der Aktivist trotz Hausarrest an einer Anhörung des EU-Parlaments teil und beklagte eine „Menschenrechtskatastrophe“ in der Volksrepublik. Eine Million Menschen würden verfolgt, viele in Lager oder psychiatrische Umerziehungsanstalten gesteckt. Und hohe Staatssicherheitsbeamte seien an den Olympischen Spielen beteiligt – so als ob „die Mafia die Verantwortung für die Spiele übernimmt“. Und Hu Jia weiter: „Die Regierung will ihre Politik mit Hilfe der Olympischen Spiele legitimieren. Sie will Olympia für ihre Zwecke nutzen, so wie es 1936 die Nazis in Berlin getan haben.“
Das war zu viel. China hat 2001 bei seiner Olympia-Kandidatur zwar Verbesserungen beim Menschenrechtsschutz und weniger Zensur versprochen, doch so knapp vor der Realisierung der olympischen Traumwelt wird eine derartige Nestbeschmutzung nicht mehr geduldet. Und Hu Jia hatte wohl auch weniger Glück als Guo Guiyou, der spuckende Fahrrad-Aufpasser am Pekinger Bahnhof, der gemeint hat, „meistens sehen sie mich ja nicht“.

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