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39/2011 - Benedikts Vermächtnis (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 12:58
l Benedikts Vermächtnis

In den Predigten und Ansprachen im Rahmen seines jüngsten Deutschland-Besuchs hat Papst Benedikt XVI. noch einmal sein theologisches und kirchenpolitisches Programm deutlich akzentuiert. Kritiker wie Anhänger sehen sich bestätigt.

Von Rudolf Mitlöhner

Man kann wohl von einem historischen Ereignis sprechen, wenn der Papst, ein deutscher zumal, Deutschland besucht: ein Kernland des alten christlichen Europa, das Land der Reformation, auch der Aufklärung, des Kulturkampfes, des Holocausts, schließlich einer der Motoren der europäischen Integration: Hier bündelt sich europäische Politik-, Geistes- und Kulturgeschichte in ihren Höhen und Tiefen, in ihrem Glanz und ihren Schrecknissen. Hier lassen sich auch exemplarisch all die Bruchlinien und Konfliktfelder zwischen Katholischer Kirche und moderner Welt studieren. Vor diesem Hintergrund kommt dem ersten – und vermutlich letzten – offiziellen Besuch von Papst Benedikt XVI. in seiner Heimat vielleicht tatsächlich Vermächtnis-Charakter zu.

Zentrale Herausforderungen

Die Dramaturgie des Programms spiegelte das bereits wider. Der Auftritt im Bundestag, die Begegnung mit den Spitzen der Republik (und mit Helmut Kohl als Kanzler der Einheit und einer der Schlüsselfiguren des annus mirabilis 1989), mit Juden und Muslimen, mit Protestanten und Orthodoxen, mit den organisierten Laien (Zentralkomitee der deutschen Katholiken – ZdK) und mit Vertretern der sogenannten Zivilgesellschaft („engagierte Katholiken aus Kirche und Gesellschaft“): Hier sind die Knotenpunkte berührt, an ihnen lassen sich die zentralen Herausforderungen, mit denen sich Glaube und Kirche katholischer Provenienz konfrontiert sehen, festmachen.
„Papst Benedikt XVI. hat viele grund*legende und auch verständliche Worte gesprochen. Nur nicht die, die sich viele erhofft hatten. Aber eine Haltung hat er durchaus gezeigt“, resümiert Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo im FURCHE-Interview (sie*he Seite 9). Das ist so pointiert, wie es mehrere Lesarten zulässt – inwieweit nämlich Benedikt diese erhofften Worte hätte finden können oder sollen.
Vordergründig geht es natürlich um die hinlänglich bekannten Reformanliegen, die im Wesentlichen die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt und den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen betreffen und auch mit dem (Tot-)Schlagwort „katholische Sexualmoral“ verbunden sind. In einem tieferen Sinn geht es um nicht weniger als das Verhältnis des Papstes zur modernen Welt. Das nämlich ist der Kern aller Kritik an der Kirchenleitung im Allgemeinen und insbesondere an der Person des amtierenden Pontifex: dass er der modernen Welt mit all ihren Errungenschaften in politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Hinsicht bloß negativ gegenüberstehe, sich rein defensiv zu ihr verhalte und seine Kirche – mehr noch als sie dies ohnedies schon gewesen sei – als Bollwerk wider den Zeitgeist („Relativismus“) festigen wolle.
Wer indes genau hinhört, weiß, dass der Befund so nicht stimmt. Gewiss, Benedikt sieht sehr scharf die Ambivalenz der Moderne, die Gefährdungen und Versuchungen, die sie für den Menschen bereithält – der eben nicht nur das rational handelnde, autonome Subjekt, stets stark und souverän, ist, sondern ebenso schwach, schwankend, an- und hinfällig, verführbar. Mag sein, dass der Papst diese Aspekte stärker akzentuiert als die Zugewinne an Freiheit, an Lebens*chancen, an Selbstbestimmungspotenzialen, welche die Moderne kennzeichnen. Doch eine bloß affirmative Sicht der Verhältnisse muss der Kirche, die in, aber nicht von dieser Welt ist, verwehrt bleiben.

Die Glaubens-Frage

Mehr als dies Benedikt sich vielleicht vorstellen mag, wird die Kirche der Zukunft in manchen Bereichen Züge im Sinne der Reformer tragen (vor allem was Laien und Wiederverheiratete betrifft). Aber sie wird auch, wie der Papst das gesagt hat, stärker „entweltlicht“ sein, viele der Strukturen und Institutionen (Stichwort „kirchliche Routiniers“) dürften obsolet werden. Entscheidend aber wird etwas anderes sein: „Wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?“ heißt es im Lukas-Evangelium (Lk 18,8). Diese Frage wachzuhalten, sieht Benedikt XVI. wohl als seine und der Kirche ureigenste Aufgabe. Daneben verblasst alles andere.

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